Deutschland

"Driving Home for Christmas"

24.12.2012

Chris Rea erzählt uns alle Jahre wieder, dass er Weihnachten im Auto sitzt und nach Hause fährt. Dabei muss nicht das eigentliche Zuhause gemeint sein, sondern der Ort, wo wir uns geborgen fühlen und mit vertrauten Menschen zusammen sind. Der Steyler Missionar Pater Fabian Conrad beschreibt, was „Driving Home for Christmas“ bedeuten könnte.

Foto: Friedbert Simon, Pfarrbriefservice
Foto: Friedbert Simon, Pfarrbriefservice

Es war im tiefsten Winter in Quebek, dieser kanadischen Provinz, die alle Träume verschneiter Winterlandschaften beantworten kann: satte 30 Zentimeter Neuschnee. Vielleicht wäre ich besser dort geblieben, wo ich herkam. Aber ich wollte Weihnachten mit einem Freund feiern. Wir trafen uns zu allen Festen bei ihm, in seinem Haus auf dem Land. Ich lebte damals in der Stadt und wollte raus. Der ganze Rummel vor dem Fest war mir zu viel. Weihnachten ist eine ganz besondere Zeit, die mich immer ganz melancholisch macht und Erinnerungen weckt, die ich eigentlich nicht will, weil sie so ans Herz gehen; die alten Sinnfragen kommen hoch, auch meine irgendwie verschüttete Glaubenswelt, der ich mich kaum noch stelle.

Und Michel, meinen guten, alten Kumpel, konnte ich auch nicht enttäuschen; er und die alten Geschichten aus der Heimat, die wir uns schon hundertmal erzählt hatten, warteten auf mich. Nein, das war es alles wert. Der Schnee stob nur so in die Höhe. Ich musste einfach weiter, nicht langsamer werden und durchhalten. Und dann dieser Chris Rea mit seinem Song „Driving Home for Christmas“. Er erzählt ja fast gar nichts in seinem Text. Er fährt ganz einfach nach Hause, weil Weihnachten ist. Rote Ampeln bremsen ihn und die Fahrer rechts und links sind einfach nur da; auch sie fahren, seiner Meinung nach, einfach nach Hause, weil Weihnachten ist. Er singt für seine Lieben, die ihn gar nicht hören können. Mehr erzählt er nicht, aber seine Musik spricht Bände. Sie geht so unter die Haut, dass es keine Worte braucht. Jeder weiß, was es heißt, Weihnachten nach Hause zu fahren.

Genau zu diesem Zeitpunkt wollen wir zu dem, was wir kennen, zu dem was keiner Erklärung bedarf, was zu uns gehört wie eine zweite Haut. Die Bahnhöfe und Flughäfen sind hoffnungslos überfüllt. So viele genervte Menschen trifft man selten auf einem Haufen. Und dennoch hat auch diese Spannung etwas geradezu Festliches, weil alle ein Ziel eint, das beim einen mit Vorfreude, beim anderen mit Befürchtungen einhergeht. Alle diese Menschen haben die Geschichte eines Jahres, eines Lebens in ihren Köpfen und Herzen. Nicht jeder wird Gutes zu berichten haben und die Erwartungen sind ganz verschieden. Es sind ja nicht einfach Körper, sondern Schicksale, Bindungen, Hoffnungen, Trennungen, Enttäuschungen, Erfolge, die nach Hause wollen.

Foto: Jim Wanderscheid, Pfarrbriefservice
Foto: Jim Wanderscheid, Pfarrbriefservice

Ich selbst bin ja nicht wirklich auf dem Weg dorthin, wo ich herkomme. Ich lebe auf einem anderen Kontinent und mein eigentliches Zuhause kann ich heute nicht erreichen. Und dennoch fahre ich nach Hause und ich fahre dorthin, weil Weihnachten ist. Ich fahre zu dem Menschen, der meine Sprache spricht, der meine Geschichten kennt, der mich versteht, den ich an diesem Fest brauche, weil dieses Fest mich immer aufwühlt, mich angreift und vor Fragen stellt, die mein Inneres betreffen. Angekommen bei Michel, ist alles so wie immer. Nein, es ist nicht alles schön, aber es ist vertraut. Sein Baum ist bunt und grell, die Deko kitschig, aber der Kamin im Keller strömt eine wohltuende Wärme aus. Das ganze Haus strahlt Heimeligkeit aus. Warum nur? Warum drehen wir pünktlich zu dieser Jahreszeit am Rad und stellen Fragen, die uns sonst nicht in den Sinn kommen? Sehen wir einmal ganz von diesem Rummel ab, der uns seit Wochen umgibt, dann ist da noch die Botschaft eines Kindes, das irgendwann vor 2000 Jahren zur Welt kam.

Seine Geburt ist der letzte Grund des Rummels, des Songs von Chris Rea, meiner Gefühle und Erinnerungen, die fest verwurzelt in einer fernen Vergangenheit liegen, als ich noch am Christabend zur Kirche ging und immer, aber wirklich immer, leise und versteckt in Tränen ausbrach, wenn die Blaskapelle vor der Kirche „Stille Nacht, Heilige Nacht“ intonierte. Schon lange mache ich mir daraus nicht mehr wirklich was und doch zieht es mich, komme, was da wolle, nach Hause in dieser Zeit.

Pater Fabian Conrad SVD
Pater Fabian Conrad SVD

Es zieht mich zu diesen Gedanken meiner Kindheit, als alles so selbstverständlich schön, vorbehaltlos und klar war: Wir feiern die Geburt Jesu Christi. Und das „Zuhause“ hat so gar nichts mit dem zu tun, wo ich aufgewachsen bin. Es ist das Vertraute, das, was ich kenne, was ich liebe, was ich niemals missen möchte. Und dann gehen wir auf das Ende des Jahres zu, ich setze mich in mein Auto, gegen alle Vernunft, weil der Schnee bis zu den Knien reicht, und fahre heim, dorthin, wo ich all das finde, was meine Seele am Leben hält. Das Kind kommt dann auch in meiner Erinnerung hoch, dieses Kind in den Windeln, im Stall. Dann erinnere ich mich daran, dass mit ihm Großes war. Vor dem Kamin, im Kitsch der Deko fällt es mir wieder ein: Zu Hause, das ist diese Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden. Das ist die Botschaft dieses kleinen, hilflosen Bündels, dass auf dieser Welt doch nicht alles schräg und verkehrt ist.

Dann verstehe ich auch Chris Rea, der sich Gedanken um den Fahrer neben ihm macht … auch der fährt nur nach Hause, weil er dorthin will, wo sein Herz ist. Und ich freue mich, angekommen zu sein, bei meinem Freund, meinen Erinnerungen, meinen Wurzeln und dem (Christ)Kind, das mich schon immer gehalten und getragen hat, ob ich es wollte oder nicht. Und so ein bisschen schäme ich mich, dass ich das fast vergessen konnte. Jetzt fällt es mir wieder ein – Gott ist Mensch geworden; er hat sein ewiges Wort gesandt, so hieß es doch, und ich habe es nie so richtig verstanden.

Das Kind, das den Glauben an das Gute im Menschen hochhält und nichts anderes zulässt. … und alles mit dem Sinn, dass in diesem Leben nur dem Kleinen, dem unscheinbaren Kind unsere Fragen wichtig sind! Wem sonst? Deshalb muss ich nach Hause, heim. Will mich vergewissern, dass das noch so ist. Dass wenigstens heute die richtigen Fragen und Themen Bedeutung haben, weil Weihnachten ist – zu Hause, an der Quelle, an dem Ort, der mir unverstellt vertraut ist.

Pater Fabian Conrad SVD

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Melanie Pies-Kalkum

Medienredaktion
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