Brasilien

„Die Menschen leben ohne Strom“

03.07.2017

Was vielen unvorstellbar erscheint, ist am Amazonas in Brasilien immer noch Realität. P. Norbert Förster SVD erzählt im Interview von seinen Besuchen in Gemeinden im Busch.

Landschaft im Amazonas-Großraum im brasilianischen Bistum Humaitá. (Foto: SVD)zoom
Landschaft im Amazonas-Großraum im brasilianischen Bistum Humaitá. (Foto: SVD)

So gut wie kein Strom, keine Straße – und die nächste Stadt ist nur über den Fluss zu erreichen. So ergeht es 67 kleinen Gemeinden in der Diözese Humaitá im Großraum Amazonas, im westlichen Brasilien. P. Norbert Förster SVD betreut sie. Seit viereinhalb Jahren sind die Steyler Missionare in der Flussmission tätig - er selbst seit eineinhalb. 160 Tage verbringt er insgesamt im Jahr auf einem Schiff zusammen mit einer franziskanischen Schwester, einem Bordtechniker und einem Mann an Deck, um die Flussgemeinden über die Amazonasausläufer zu besuchen und seine seelsorglichen Tätigkeiten auszuüben.

Pater Norbert Förster SVD (Foto: SVD)zoom
Pater Norbert Förster SVD (Foto: SVD)

Wie kann man sich einen Tag in der Flussmission vorstellen?

Viermal jährlich besuchen wir die Gemeinden einen halben Tag lang. Morgens feiern wir dann eine Heilige Messe, danach kommen Gespräche mit Katecheten und Hausbesuche. Ich nehme denen, die wollen, die Beichte ab. Es gibt Taufen und gemütliches Beisammensein. Außerdem lassen wir den Menschen im Busch Material dort, damit sie an den nächsten Sonntagen Gottesdienste feiern können. Denn sonst ist ja kein Priester dort. Dabei handelt es sich um Lesungen und Katechesematerial.

Eine Kapelle im Amazonas-Großraum im brasilianischen Bistum Humaitá. (Foto: SVD)zoom
Eine Kapelle im Amazonas-Großraum im brasilianischen Bistum Humaitá. (Foto: SVD)
Das Bistum Humaitá liegt im Westen Brasiliens. (Bild: SVD)zoom
Das Bistum Humaitá liegt im Westen Brasiliens. (Bild: SVD)

Und wer feiert die Gottesdienste, wenn Sie weg sind?

Die Gemeinde wählt ihre Katecheten, also die Gemeindeleiter sozusagen und das gesamte Gemeindeleben hängt dann von diesen Personen ab. Wenn jemand krank ist oder aus einem anderen Grund ausfällt, dann kommt das Ganze eben zum Erliegen.

Flussmission klingt wie aus einem vorigen Jahrhundert. Welche Rolle spielt Religion für diese Menschen im Busch im Jahr 2017, wo Religion in unserer Gesellschaft immer mehr in den Hintergrund tritt?

Die Menschen freuen sich sehr auf unseren Besuch, genau wie wir. Aber bei ihnen richtet sich die Vorfreude weniger auf die Heilige Messe oder andere Dienste der Kirche, als vielmehr auf uns. Denn wir sehen uns ja alle nur viermal im Jahr. Und nach ein paar Besuchen ist eine Vertrauens- und eine Freundschaftsbasis entstanden. Darum geht es ihnen wohl am Meisten.
Im Busch sind die Menschen eben kirchenferner. Denn es gibt kaum Priester, die dorthin fahren. Manchmal ist es passiert, dass ein Fußballturnier zur gleichen Zeit wie unser Besuch stattfand. Und das war dann oft wichtiger. Das hat sich aber zum Teil schon geändert.

Pater Norbert Förster SVD auf dem Schiff im brasilianischen Amazonas-Großraum. (Foto: SVD)zoom
Pater Norbert Förster SVD auf dem Schiff im brasilianischen Amazonas-Großraum. (Foto: SVD)

Inwiefern? Haben die Steyler Missionare dazu beigetragen?

Ich denke schon, ja. Wir sind nun im fünften Jahr dort und es gab eben viele Jahre davor, in denen es keinen einzigen Priester gab, keine Heilige Messe. Eine Franziskanerschwester änderte das vor 15 Jahren. Nun merken die Menschen, dass wir länger da sind und das Ganze auch gerne machen. Sie merken, dass sie sich auf uns verlassen können. Und das hilft ihrem Glauben ungemein.

Vorher waren Sie in der Großstadtpastoral tätig, in den Favelas. In die Flussmission also ein großer Sprung. Wie hat sich Ihr Missionsverständnis verändert?

Da hat sich sehr viel verändert. Denn nicht viele wollen in die Flussmission ohne Klimaanlage, in die einfachsten Verhältnisse und für mehrere Wochen am Stück auf einem Schiff leben, in einer Hängematte schlafen ohne Privatsphäre. Für mich ist es eine ganz andere Erfahrung von Mission – es ist „Mission im ursprünglichsten Sinne“, wenn man sie so nennen mag. Jetzt reise ich nur noch mit ganz leichtem Gepäck. Und man muss sich darauf gefasst machen, mit dem Schiff irgendwo stecken zu bleiben. Denn durch Regenfälle reist der Fluss immer wieder Teile des Ufers mit sich, also auch Baumstämme etc. Und wenn die in die Schiffsschraube geraten, hängt man eben da. In der Stadt stellt man sich solchen missionarischen Herausforderungen wie in der Flussmission nicht.

Die Vernachlässigung der Bildung ist ein großes Problem in Brasilien. Das betrifft sicherlich gerade auch die Flussgemeinden…

Allerdings. Dort ist es so, dass die Lehrer 25 Tage am Stück in den Gemeinden sein sollen, bevor sie fünf Tage zurück in die Stadt fahren, um zum Beispiel ihren Lohn einzuholen. Tatsächlich ist es aber so, dass viele Lehrer fünf Tage in die Gemeinden fahren und dann wieder verschwinden. Die Bildung der Kinder und Jugendlichen leidet natürlich enorm darunter. Denn wenn der Unterricht ausfällt, helfen die Kinder auf dem Feld und fallen später in den Prüfungen durch. So können sie nicht studieren. Manche Kinder und Jugendliche können in die nächstgelegene Stadt fahren, um zur Schule zu gehen. Das geht aber nur, wenn sie dort Verwandte haben, bei denen sie wohnen können. Denn sonst ist es für die Familien nicht bezahlbar.

Mitglieder einer Flussgemeinde im Amazonas-Großraum im brasilianischen Bistum Humaitá. (Foto: SVD)zoom
Mitglieder einer Flussgemeinde im Amazonas-Großraum im brasilianischen Bistum Humaitá. (Foto: SVD)

Wovon leben die Flussgemeinden?
Eigentlich finden sie alles, was sie zum Leben brauchen, in der Natur: Früchte, Fisch etc. Besonders leben sie von der „Maniokwurzel“, die ähnlich wie Salzkartoffeln als Beilage zubereitet oder zu Mehl verarbeitet wird. Das, was die Menschen übrig haben von ihrer Ernte, können sie verkaufen: wie zum Beispiel auch die Paranüsse, die sie einmal im Jahr sammeln und für einen recht guten Preis loswerden. Eine weitere Einnahmequelle ist die Goldsuche. Dazu wird der Sand aus dem Fluss gesiebt. Und ansonsten haben sie eben nicht viel Geld.

Und die aktuelle politische Situation verstärkt die Probleme der Menschen…

Ja, das tut sie. Was ist zum Beispiel mit den Renten dieser Menschen? Die war für diese Landarbeiter immer garantiert. Jetzt soll nur derjenige Rente bekommen, der vorher einzahlt. Die neue Regierung hat vielen das Kindergeld gestrichen, das die Eltern bekommen haben, deren Kinder zu Schule gehen. Wieder ein Rückschritt für die Bildung. Außerdem gibt es jetzt einen Gesetzesvorschlag, dass Landarbeiter nicht mehr unbedingt mit Geld bezahlt werden sollen, sondern eventuell mit Naturalien. Das wäre moderne Sklaverei und darf nicht passieren. Und der dritte große Konfliktpunkt: Die Sojapflanzung soll demnächst beginnen im Amazonas. Sojasilos sind dafür aufgebaut und viel Wald gerodet worden. Dabei bringt diese Pflanzung den Menschen überhaupt nichts. Das wird also auch wieder negative Einflüsse auf die Landbevölkerung haben.

Was tun die Steyler gegen diese Probleme?

Wir informieren die Menschen, was passiert. Denn sie wissen es oft gar nicht. Wir versuchen zum Beispiel gerade Kooperationen zu veranlassen, wodurch die Menschen für ihre Verkäufe wenigstens Festpreise bekommen. Denn meist bekommen sie viel zu wenig für den Verkauf von Nahrung. Oft sind es einfach Absprachen zwischen Verwandten, und Familien legen sich somit gegenseitig rein.
Und was den Glauben betrifft, sind wir natürlich weiterhin dabei, ihn den Menschen näher zu bringen. Dazu wollen wir zum Beispiel mehr Gesangsausbildung machen, mehr in Musik und Lieder investieren, denn diese sind so wichtig für die Gottesdienste. Musik macht die Atmosphäre aus.

Sind Sie glücklich über diese Erfahrungen, die Sie bisher machen konnten?

Ja und wie. Es war immer mein größter Wunsch, nach Brasilien zu gehen. Und die Flussmission finde ich unglaublich spannend. Ich hoffe, dass ich dort noch einige Jahre bleiben kann.

Pater Norbert Förster SVD tauft ein Kind. (Foto: SVD)zoom
Pater Norbert Förster SVD tauft ein Kind. (Foto: SVD)
Interview: Melanie Pies
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Melanie Pies-Kalkum

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