Deutschland

Heimatbasis und Sicherheitsnetz, Teil 2

09.01.2017

Die Missionsprokur der Steyler Missionare in Deutschland feiert am 13. Januar 2017 ihr 50-jähriges Bestehen als eigenständige gemeinnützige Rechtsperson. Der zweite Teil unseres großen Rückblicks.

Pater Heinrich Bollen erinnert sich an die Abwicklung des sogenannten Flores-Timors-Plans. (Foto: SVD)
Pater Heinrich Bollen erinnert sich an die Abwicklung des sogenannten Flores-Timors-Plans. (Foto: SVD)

1967 wurde die Missionsprokur zur eigenständigen gemeinnützigen Rechtsperson: Es war die Zeit großer Entwicklungsprojekte. 

So half die Missionsprokur entscheidend bei der finanziellen Abwicklung des sogenannten Flores-Timors-Plans, eines umfangreichen Förderprogramms für Indonesien. An 28 geografischen Schwerpunkten half der Plan, insgesamt 357 Einzelvorhaben zu realisieren: Projekte in den Bereichen Landwirtschaft und Fischerei, Handwerk und Kleinindustrie, Wohnungsbau und Trinkwasserversorgung, Gesundheitswesen und Sozialarbeit, schulische und außerschulische Bildung. Ein 12-Millionen-Mark-Programm, an dessen Umsetzung Steyler Missionare auf Flores und Timor maßgeblich beteiligt waren. „Ich weiß noch genau, wie die Baumaterialien bei uns eintrafen: Zement, Betoneisen, Dachaluminium, Nägel, Türschlösser und Dachtraufen“, erinnert sich der Steyler Indonesien-Missionar Pater Heinrich Bollen. „Wir bauten Polikliniken, bildeten Landwirte aus und legten Trinkwasserspeicher an.“ 

Auch half die Missionsprokur dabei, die Finanzmittel für das Missionsschiff „Ratu Rosari“ zusammenzubringen, das in der Hamburger Sietwas-Werft gebaut wurde und fortan die Inseln Flores, Timor und Sunda miteinander verband. „Das Schiff transportierte Dieselöl für den Betrieb sämtlicher Motoren, Fahrzeuge und Geräte der Mission, die offizielle Post für 2,5 Millionen Menschen, zusätzlich Lebensmittel und Baumaterial auf die Kleinen Sundainseln“, erinnert sich Pater Helmut Thometzki. „Diese regelmäßige Wasserverbindung hat maßgeblich zur Entwicklung der Region beigetragen.“

Der Steyler Missionar und Diplomkaufmann Pater Gerhard Huth (Foto: SVD)
Der Steyler Missionar und Diplomkaufmann Pater Gerhard Huth (Foto: SVD)

Zurück nach Deutschland, wo ab 1967 Pater Adolf Spreti die Missionsprokur übernahm, bevor am 28. Mai 1971 der Diplomkaufmann Pater Gerhard Huth seinen Dienst als Missionsprokurator antrat, der 1968 bereits die Geschäftsführung der heutigen Steyler Bank übernommen hatte. 28 Jahre saß der gebürtige Niederrheiner an seinem Schreibtisch in der Prokur, auch abends, auch sonntags, bis zum Vortag seines Todes. Unter seiner Leitung entwickelte sich die Missionsprokur zu einer großen finanziellen Stütze der Ordensgemeinschaft und ihrer karitativen, pastoralen und wissenschaftlichen Vorhaben in den jungen Kirchen. Zugleich wurde sie zu einem Zentrum missionarischer Bewusstseinsbildung im deutschen Raum und zu einer Schaltstelle des weltkirchlichen Austauschs. 1979 erhielt er für seine Bemühungen das Ehrendoktorat der San-Carlos-Universität in Cebu/Philippinen.

In besonderer Weise lag Pater Huth die Sorge für die Missionare am Herzen – insbesondere in gesundheitlichen Notfällen. „Anfang Dezember 1982 bin ich in Ghana sehr krank geworden“, erinnert sich der Steyler Missionar Gerard Golla. „Als Pater Huth davon erfuhr, hat er das Hilfswerk der Malteser gebeten, mich so schnell wie möglich nach Deutschland auszufliegen, wo ich dann in der Universitätsklinik von Tübingen notoperiert wurde.“

Bolivien-Missionar Pater Michael Heinz erinnert sich an die schnelle der Prokur, als der Hurrikan Mitch in Nicaragua große Verwüstungen anrichtete. (Foto: Achim Hehn/SVD).
Bolivien-Missionar Pater Michael Heinz erinnert sich an die schnelle der Prokur, als der Hurrikan Mitch in Nicaragua große Verwüstungen anrichtete. (Foto: Achim Hehn/SVD).

Auch der Steyler Südamerika-Missionar Michael Heinz erinnert sich an schnelle Hilfe aus der Missionsprokur in einer Krisensituation. „1998 zerstörte der Hurrikan Mitch große Teile Zentralamerikas“, erinnert er sich. „Auch die Gemeinde Maria Asunta in Palacaguina im Norden Nicaraguas war betroffen, wo ich damals als Pfarrer arbeitete. Durch unbürokratische und direkte Soforthilfe konnten wir Medikamente und Lebensmittel kaufen und die Menschen beim Wiederaufbau unterstützen. Die Missionsprokur in Sankt Augustin hat durch eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit erreicht, dass Menschen in Deutschland sich von der Not berühren ließen und wir so die nötigen Mittel für unsere Arbeit erhielten.“

Der damalige Eingang zur Missionsprokur. (Foto: SVD)
Der damalige Eingang zur Missionsprokur. (Foto: SVD)

Mancher Missionar verbindet auch heitere Erinnerungen mit der Amtszeit des „Unikums“ Gerhard Huth. „Nach meiner Ankunft in Brasilien als Neupriester Anfang des Jahres 1970 erhielt ich von Pater Huth ein Weihnachtspaket mit Esswaren, darunter Maggi-Suppen und Salami“, erinnert sich Pater Joachim Piepke. „Da die Einfuhr von Fleisch- und Wurstwaren nach Brasilien durch Hygienevorschriften streng geregelt ist, erhielt ich erst Ende Februar die Nachricht vom Zollamt in São Paulo, dass ein Paket mit Fleisch angekommen sei. Weil ich 500 Kilometer entfernt im Inneren des Landes wohnte, kam ich erst Ende März nach São Paulo und verbrachte einen halben Tag auf dem Zollamt, wo ich bei 40 Grad im Schatten mit den Beamten um eine Dauerwurst aus Deutschland streiten musste. Als ich die Wurst endlich aus dem Zoll bekam und nachsah, war sie natürlich verdorben. Daraufhin schrieb ich Pater Huth einen netten Brief, in dem ich ihn augenzwinkernd darauf hinwies, dass er sich seine Salami künftig an den Hut(h) stecken könne.“

"Mission geht jeden Christen etwas an", war das Credo von Pater Gerhard Huth. (Foto: SVD)
"Mission geht jeden Christen etwas an", war das Credo von Pater Gerhard Huth. (Foto: SVD)

„Mission lebt von Austausch und Begegnung“, hat Pater Huth einmal festgehalten. „Die Missionsprokur ist zuerst eine Stätte des geistigen Austauschs, weil sie dazu beiträgt, Verständnis füreinander zu wecken und gegenseitig Mitverantwortung zu tragen.“ Großen Wert legte der Missionsprokurator deshalb auf eine zeitgemäße Öffentlichkeitsarbeit. „Sie versucht, dem einzelnen Christen verständlich zu machen, dass Mission in Bewegung ist, also lebendige Kirche in ihren vielfachen Lebensäußerungen.“ Mission geht jeden Christen etwas an – so die Botschaft in den unzähligen Spendenbriefen, in denen der Prokurator Wohltäter um Hilfe bat. „Durch ihre Spenden unterstützen sie die Missionsarbeit und erweisen sich damit als ‚Mitmissionare‘ und Mitarbeiter an jenem Werk, das Arnold Janssen gegründet hat.“

1999 übernahm der Angola-Missionar Pater Konrad Liebscher die Missionsprokur. (Foto: SVD)
1999 übernahm der Angola-Missionar Pater Konrad Liebscher die Missionsprokur. (Foto: SVD)

Im Alter von 66 Jahren starb Huth an einer Lungenembolie – und der ehemalige Angola-Missionar Pater Konrad Liebscher trat in seine Fußstapfen. Unter seiner Leitung zog die Missionsprokur 2005 in die Räumlichkeiten des ehemaligen Moeller-Kollegs auf dem Steyler Campus in Sankt Augustin. Von Hangelar aus ist der rote Backsteinbau seit 2009 durch eine knapp zehn Meter hohe Christusdarstellung, die der Christo-Redemptor-Statue von Rio de Janeiro ähnelt, schon von weitem zu erkennen.

In den 25 Gästezimmern unter dem Dach werden die Missionare auf Heimaturlaub untergebracht. Oft führt ihr erster Weg in das Büro des Superior Delegatus, wo man sich um Arzttermine, Flugtickets und das persönliche Wohl der Missionare bemüht. „Wenn meine Arbeit ein Seiltanz wäre, dann wäre die Missionsprokur vielleicht mein Sicherheitsnetz“, drückt es der Steyler Japan-Missionar Michael Calmano aus. „Ich habe in guter Erinnerung, wie freundlich ich stets in der Prokur empfangen werde, wenn ich alle drei Jahre wieder einmal in Sankt Augustin auftauche.“

Die Christusstatue weist seit 2009 den Weg zur Missionsprokur. (Foto: SVD)
Die Christusstatue weist seit 2009 den Weg zur Missionsprokur. (Foto: SVD)

Neben den Mitarbeitern für die Öffentlichkeitsarbeit, die vom Wirken der Missionare berichten, widmet sich ein Großteil der Prokur-Belegschaft heute der Aufgabe, finanzielle Hilfen für die im Ausland tätigen Missionare bereitzustellen. Sachgüter werden heute nur noch selten verschifft, weil viele für die Missionsarbeit benötigte Materialien direkt vor Ort gekauft werden können. Stattdessen wirbt die Missionsprokur in regelmäßigen Aktionen und Kampagnen um Verständnis und Unterstützung für die Mission, hält Kontakt zu kirchlichen Hilfswerken, wickelt Nachlässe ab und verwaltet Stiftungen. Allein 2015 konnte die Steyler Mission so mehr als 23 Millionen Euro für die weltweite Arbeit der Steyler Missionare zur Verfügung stellen – hauptsächlich für Projekte des Steyler Generalats in Rom, für Projekte, die der Prokur selbst zur Finanzierung vorgelegt wurden, und für die soziale und pastorale Arbeit bestimmter Missionare. Die Kosten für Personal, Verwaltung und den Bereich Spenderbetreuung/Öffentlichkeitsarbeit konnten dabei unter 9 % gehalten werden.

Prokur-Kampagne für die Opfer des Taifuns Haiyan auf den Philippinen 2013. (Foto: SVD)
Prokur-Kampagne für die Opfer des Taifuns Haiyan auf den Philippinen 2013. (Foto: SVD)

„Dank der modernen Kommunikationsmittel können wir in Krisenfällen heute noch schneller und effektiver reagieren“, sagt Soraya Jurado, Projektreferentin der Steyler Mission. „Früher waren Briefe aus den abgelegenen Missionsstationen oft wochenlang nach Deutschland unterwegs. Heute reicht eine E-Mail, um unser Krisenmanagement in Gang zu setzen.“ Als etwa 2013 der Taifun Haiyan große Teile der Philippinen verwüstete, liefen die Nothilfemaßnahmen der Prokur binnen kurzer Zeit auf Hochtouren. „Weil unsere Missionare seit Jahrzehnten vor Ort sind, war das Vertrauen unserer Spender groß, dass jeder Cent vor Ort direkt und sinnvoll eingesetzt wird“, sagt Jurado. "Wir haben zunächst Nothilfepakete ins Krisengebiet gebracht, später beim Wiederaufbau von Häusern und Schulen geholfen, und zwar vor allem in Regionen, die von anderen Hilfsorganisationen eher nachrangig behandelt worden sind.“ Um das nachhaltige Engagement der Missionare bekannt zu machen, setzt die Prokur nicht nur in Krisenfällen wie diesen auf eine umfassende Öffentlichkeitsarbeit. Sie berücksichtigt alle modernen Mediengattungen, inklusive sozialer Netzwerke wie facebook und Twitter.

Auf dem Weg zur Missionsprokur in Sankt Augustin. (Foto: SVD)
Auf dem Weg zur Missionsprokur in Sankt Augustin. (Foto: SVD)

„Trotz ihrer biblischen Fülle an Jahren ist die Missionsprokur kein bisschen älter und weiter unermüdlich im Dienst der Weltmission tätig, mit einem hohen Grad an Fürsorge- und Verantwortungsbewusstsein“, fasst es der Steyler Missionar Bruder Bruno Rehm zusammen. „Ich wünsche der Missionsprokur für eine ausgedehnte Zukunft immer genügend Gelegenheit, tatkräftig ihren Auftrag zu erfüllen und noch viele Geburtstage zu feiern.“ Aus Kenia gratuliert Pater Marcin Karwot: „Ein herzliches Vergelt’s Gott dem einzigartigen Team der Missionsprokur in Deutschland. Möge der gute Gott Euch für Eure Arbeit segnen.“ Und auch Bruder Karl Schaarschmidt, der immer noch unermüdlich in Nairobi im Einsatz ist, schreibt mit großer Dankbarkeit nach Deutschland: „Herzlichen Glückwunsch zu 50 Jahren gGmbh! Die Steyler Mission ist unsere ‚Heimatbasis‘.“

Markus Frädrich

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