Ghana

„Man glaubt an ihre Hexenkraft“

02.10.2017

In Ghana setzt sich Pater Agudu Phanuel Myers SVD für Frauen ein, die man als Hexen beschuldigt und aus der Gesellschaft verbannt…

P. Myers mit Frauen in dem sogenannten "Hexendorf". (Foto: SVD)
P. Myers mit Frauen in dem sogenannten "Hexendorf". (Foto: SVD)

Gerade hat der Steyler Missionar Pater Agudu Myers SVD aus Ghana einen zweijährigen Masterstudiengang in Anthropologie in Belgien abgeschlossen. Zu Besuch in der Missionsprokur in Sankt Augustin erzählt er von seinen Projektideen und Plänen für sein Heimatland, in das er in wenigen Tagen zurückkehrt. Sein wichtigstes Anliegen: Frauen in Gushiegu, im Norden Ghanas zu helfen, die als „Hexen“ aus ihren Heimatdörfern vertrieben werden.

Pater Myers, Frauen, die von bösen Geistern besessen sein sollen und als Hexen gejagt und ausgestoßen werden – das klingt mehr nach Mittelalter als nach Realität…

P. Myers: Ja, so ist es. Aber leider ist es in Ghana alltäglich. Sobald eine Frau als Hexe bezeichnet wird, muss sie ihr Heimatdorf verlassen, um ihr Leben zu retten. Andernfalls wird sie gesteinigt. Diese Frauen werden zu Flüchtlingen in ihrem eigenen Land.

Woher kommen denn solche Beschuldigungen?
P. Myers: Der Glaube an Hexerei ist tief in der Tradition der Menschen in Ghana verankert. Dazu gehört, dass es in ihrem Denken für alles einen Grund geben muss. Es gibt für sie kein Schicksal, keinen Zufall, keinen Unfall oder ähnliches. Wenn also jemand von einer Schlange gebissen wird und daran stirbt, sucht man den Schuldigen. Und das sind dann oft ältere Frauen. Sie trifft es, weil die Gesellschaft von Männern getragen wird, die angeblich stärker und intelligenter sind als die Frau. Ihr wirft man dann eben vor, mit ihrer Hexenkraft getötet zu haben.

Frauen im "Hexendorf" trennen Getreide von Sand und Steinen. (Foto: SVD)zoom
Frauen im "Hexendorf" trennen Getreide von Sand und Steinen. (Foto: SVD)

Welche Frauen werden Opfer dieser Anklagen?

P. Myers: Theoretisch kann jede Frau beschuldigt werden. Zunächst einmal leben sie alle mit ihren Familien zusammen in den verschiedenen Dörfern. Meist aber sind es eben Ältere, die sogar von ihren eigenen Kindern als Hexe angeklagt werden. Den Frauen bleibt dann nur noch die Flucht, wenn sie überleben wollen. Sie fliehen weit weg und haben dann nichts mehr zum Leben. Wenn die Ankläger nicht die Kinder sind, versuchen diese ihre Mutter weiterhin zu unterstützen, egal wie weit sie nun weg ist. Aber sie müssen sie ja auch ziehen lassen, um das Leben ihrer Mutter zu retten.

Und für sie gibt es sogenannte „Hexendörfer“…
P. Myers: Ja genau, sechs Stück gibt es in Ghana, alle im Norden. Es hat mal mehr gegeben. Aber die Regierung fängt an, sie zu schließen. Sie sagen, dass diese Camps „ein Gefängnis“ für die Frauen sei und drehen damit die Tatsachen um. Die Regierung will ein gutes Bild von Ghana nach außen hin vermitteln und schließt die Augen vor den Problemen. Für sie gibt es keine „Hexendörfer“. Damit vergrößern sie aber die Probleme, weil die geflüchteten Frauen keinen Zufluchtsort mehr haben, wenn sie aus ihren Dörfern verbannt wurden. Damit unterschreiben sie das Todesurteil dieser Frauen.

Als "Hexen" bezeichnete Frauen. (Foto: SVD)zoom
Als "Hexen" bezeichnete Frauen. (Foto: SVD)

Dürfen die Frauen jemals wieder in ihr Heimatdorf zurückkehren?

P. Myers: Genau das ist das Seltsame. Sie dürfen zwischendurch kommen. Und zwar als Besucher. Sie dürfen ihre Familie sehen und auch Beerdigungen beiwohnen. Wenn sie alt und krank sind, dürfen sie auch zurückkommen, um in ihrer Heimat zu sterben. Das wichtigste ist aber eben, dass sie dort nicht bleiben. Wenn sie zu Besuch waren, müssen sie wieder gehen. Das liegt an dem Hexenglauben der Menschen. Sie glauben, dass eine Hexe nicht mehr „wirken“ kann, wenn man das Band der sozialen Nähe durchschneidet. Verbannt man die Frau also, dann schafft man Distanz zur Hexenkraft. Als Besucherin kann die Frau den Menschen also nichts mehr tun.

Wie wollen die Steyler Missionare also diesen Frauen helfen?
P. Myers: Wir wollen die Camps unterstützen, in die angeklagte Frauen fliehen. Zum Beispiel das Camp in Gushiegu. Ganz wichtig ist es, dort für ihre Unterkunft, ihre medizinische Versorgung und ihre Verpflegung zu sorgen. Dorthin zu gelangen ist extrem schwierig, da die einzige Zugangsstraße in der Regenzeit von Mai bis September vollkommen überflutet ist. Daran müssen wir dringend etwas ändern. Außerdem gibt es in Gushiegu keine Elektrizität. Das heißt: In der Nacht ist es für die Frauen dort sehr gefährlich umherzulaufen, weil es kein Licht gibt und sie die Giftschlangen nicht sehen können. Mit einer Solaranlage wollen wir dieses Camp mit Strom versorgen.

Von was leben die Frauen dort bisher?

Frauen im "Hexendorf" trennen Sand und Steine vom Getreide. (Foto: SVD)
Frauen im "Hexendorf" trennen Sand und Steine vom Getreide. (Foto: SVD)

P. Myers: In dem Camp leben 60 bis 70 Personen und viele von ihnen sind schon zwischen 70 und 80 Jahren alt. Sie können nicht mehr viel tun, um sich selbst zu versorgen. Wir helfen den Jüngeren von ihnen dabei, einen Job zu finden. Manche arbeiten zum Beispiel auf dem Feld und pflanzen Getreide etc. Manche gehen täglich in die Stadt und sammeln dort nach dem Markt heruntergefallenes Getreide auf. Im Camp trennen sie das dann von Sand und Steinen, um es zum Backen zu verwenden. Wir müssen sie weiterhin unterstützen „bessere“ Arbeitsmöglichkeiten zu finden, damit ihre Lebensqualität steigt.

Warum ist Ihnen persönlich dieses Projekt so wichtig?
P. Myers: Ich habe gesehen und erfahren, welches Leid und welchen Schmerz diese Frauen ertragen müssen. Sie müssen alles verlassen, was sie haben und leben dann in vollkommener Armut. Ich will etwas tun, für sie, ich will sie unterstützen. Als Steyler Missionare ist es unsere Aufgabe, uns für Gerechtigkeit und Frieden einzusetzen für diese benachteiligten und ausgeschlossenen Frauen.

Neben der Hilfe für diese Frauen: Versuchen die Steyler Missionare das Problem dort zu lösen, wo es entsteht? Sprich: In der Problematisierung dieses Glaubens der Menschen?

P. Myers: Ja, das versuchen wir tagtäglich. Das Paradoxe ist, dass viele der Menschen mit einem solchen Hexenglauben bereits Christen sind, jeden Sonntag zu uns in die Heilige Messe kommen und jetzt überspitzt gesagt, danach zuhause ihre Schwester als Hexe anklagen und verbannen. Ihr Glaube ist also eine Mischung aus der Tradition Ghanas und dem Christentum. Über unsere Predigten versuchen wir also im Alltag, sie von den christlichen Werten, vom Wert der Familie etc. zu überzeugen. Und sie zu überzeugen, dass es gerade deshalb falsch ist, was sie ihren Familienmitgliedern, ihren Mitbewohnern, ihren Nächsten antun. Dass sie ihre Mütter und Frauen nicht verurteilen sollen. Aber wie sollen wir einen jahrhundertealten Glauben von jetzt auf gleich ändern? Das wird noch eine lange lange Zeit dauern…

Aber genau das bedeutet auch Mission…
P. Myers: Ja eben. Mission heißt, zu den Menschen gesandt zu sein. Das ist mein Dienst am Menschen. Und in diesem Dienst habe ich eben eine Option; eine Option für die Armen: Die Kirche. Ich kann niemanden dazu zwingen, nach ihrer Lehre und ihren Geboten zu leben. Ich kann sie nur anbieten und vorleben. Da brauche ich eben manchmal etwas Geduld.

Interview: Melanie Pies-Kalkum
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Melanie Pies-Kalkum

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