Togo

Oase der Stille

26.06.2017

Mitten in der hektischen Hauptstadt von Togo liegt das Kloster der Steyler Anbetungsschwestern. Unser Autor Markus Frädrich und der Fotograf Achim Hehn haben es besucht.

Die Steyler Anbetungsschwestern sind wegen der Farbe ihrer Ordenstracht auch als „Rosa Schwestern“ bekannt. (Foto: Achim Hehn/SVD)zoom
Die Steyler Anbetungsschwestern sind wegen der Farbe ihrer Ordenstracht auch als „Rosa Schwestern“ bekannt. (Foto: Achim Hehn/SVD)

Wir stecken fest. Seit zehn Minuten geht es weder vor noch zurück, so sehr unser Fahrer auch hupt. Unser Wagen ist eingekeilt zwischen überfüllten Zémidjans – also Motorrädern, die als Taxi dienen – und Marktständen am Straßenrand. Es riecht nach gebratenem Fleisch, Staub und Abgasen. Händler mit großen Körben auf dem Kopf bahnen sich ihren Weg durch die flirrende Hitze, klopfen an unsere Fensterscheibe, preisen Tomaten und Yamknollen an, bunte Stoffe und gegrilltes Rind mit Zwiebeln und scharfem Gewürz. „Das ist ja völlig verrückt hier“, sagt Achim. „Das kann man ja überhaupt nicht fotografieren.“ Er versucht es trotzdem.

Zum Ende unserer Reportagereise hat es uns wieder nach Lomé verschlagen, in die Hauptstadt Togos. 1,2 Millionen Einwohner hat die Stadt, das Leben spielt sich auf der Straße ab. Auf dem Grand Marché wird alles verkauft, was man sich denken kann: Kunstvolle Holzfiguren und Plastikbehälter, Damenschlüpfer und lebende Tiere. Als wir es schließlich geschafft haben, die nächste Straßenecke zu umrunden, liegen plötzlich surreal die Türme der Cathédrale du Sacré-Cœur vor uns. Das dreischiffige, neugotische Gotteshaus, 1902 von Steyler Missionaren nach dem Vorbild der Kirche in Steyl erbaut, ist als „Deutsche Kathedrale“ bekannt. Die Heilige Messe ist in vollem Gange, lautstark singt eine Frau am Mikrofon gegen den hereindringenden Straßenlärm an. Die Gemeinde tanzt, über allem sirren überforderte Ventilatoren.

Was für ein Kontrast zu diesen Eindrücken ist unser eigentliches Tagesziel für heute! Als wir auf das Gelände des Monastère Du Saint-Esprit fahren, wird es schlagartig still um uns. Hohe Mauern schirmen den Lärm der Stadt ab. Selbst die Hitze erscheint plötzlich erträglicher.

Das Gelände der Steyler Anbetungsschwestern in Lomé, der Hauptstadt Togos. (Foto: Achim Hehn/SVD)zoom
Das Gelände der Steyler Anbetungsschwestern in Lomé, der Hauptstadt Togos. (Foto: Achim Hehn/SVD)

Seit 2004 leben und beten sie auch hier: Die Steyler Anbetungs-schwestern, wegen der Farbe ihrer Ordenstracht auch als „Rosa Schwestern“ bekannt. Als dritte Kongregation, die Arnold Janssen ins Leben gerufen hat, sind sie der betende Rückhalt der Steyler Missionsschwestern und der Steyler Missionare. Ihr Alltag ist streng kontemplativ, abseits der Außenwelt.

In zwölf Ländern sind die Schwestern inzwischen zu Hause. Der Ruf nach Togo erreichte sie im Juni 1994, als der damalige Steyler Regionalobere Pater Dieter Skweres eine erste Einladung aussprach. Es sollte bis 1997 dauern, ehe die ersten vier Schwestern nach Lomé kamen und ihre Anbetung begannen. Das Grundstück, auf dem ihr heutiges Kloster steht, erhielten sie von der Regierung mit der Auflage, dort auch eine kleine Ambulanz für die Lokalbevölkerung zu eröffnen. Diese wird heute von den Steyler Missionsschwestern geführt. Togo ist das einzige Land in Afrika, in dem die Steyler Anbetungsschwestern wirken. Und das einzige, in dem alle drei Kongregationen Arnold Janssens im Einsatz sind.

„Bitte nicht klingeln, wenn die rote Lampe leuchtet“, steht an der Eingangstür. Wir haben Glück: Das Licht ist aus, die Schwestern sind gerade nicht im gemeinsamen Gebet. Wir werden ins Empfangszimmer gebeten, das unweigerlich an den Besucherraum in einem Gefängnis erinnert. Wir warten vor hohen Gitterstäben auf jene zehn Frauen, die sich hier freiwillig haben „einbuchten“ lassen.

Und dann kommen sie, fröhlich giggelnd, mit Fanta und Schnittchen. Nach einer Minute sind die Gitter zwischen uns vergessen – und Schwester Mary Charity, die Oberin, plaudert ungezwungen von ihrem straff durchstrukturierten Alltag, der mit einem Morgengebet um 5.35 Uhr beginnt und mit einer nächtlichen Gebetszeit um 1.15 Uhr endet. Wie in den anderen weltweiten Niederlassungen der Ordensgemeinschaft wechseln sich auch in Lomé die Schwestern damit ab, im Gebet versunken vor dem Allerheiligsten zu knien. Jeden Tag, jede Nacht, damit die Gebetskette nicht reißt.

 Togo ist das einzige Land in Afrika, in dem die Steyler Anbetungsschwestern wirken. (Foto: Achim Hehn/SVD)zoom
Togo ist das einzige Land in Afrika, in dem die Steyler Anbetungsschwestern wirken. (Foto: Achim Hehn/SVD)

Welche Disziplin, welcher tiefe Glaube für einen solchen Alltag in ständigem Gebet, in ständiger Meditation nötig ist: Ich vermag es mir kaum vorzustellen. Die Schwestern indes geraten ins Schwärmen, wenn sie von ihrem Leben in Isolation berichten. Versorgt werden sie von ehrenamtlichen Helfern, das Klostergelände verlassen sie – dann grau bekuttet – nur in Ausnahmefällen, etwa für Arztbesuche.

Obwohl sie keinen Fernseher haben und keine Zeitung lesen, wirken sie gut informiert über das Weltgeschehen. „Was wichtig ist, das sagen sie uns“, ist Schwester Mary Charity überzeugt. „Wer?“, frage ich. „Na, unsere Besucher“, gibt die Filipina zurück und lacht. „Täglich kommen so viele Menschen zu uns, erzählen von ihren Sorgen und Nöten, suchen Halt und Orientierung, bitten um unser Gebet. Selbst die Mutter des Präsidenten ist unser Stammgast und eine gute Freundin. Wir beten nicht nur für unsere Steyler Mitbrüder und Mitschwestern. Wir beten für die ganze Welt.“

Wenn Schwester Mary Charity und ihre Mitschwestern Sorgen plagen, dann sind das allenfalls Nachwuchssorgen. Schwester Veronique ist ihre jüngste Hoffnung. Die junge Frau aus dem Kongo hat sich den Schwestern vor zwei Jahren angeschlossen. „Als ich zum ersten Mal in die Kapelle kam, wusste ich sofort, dass ich hier den Rest meines Lebens verbringen möchte“, erinnert sie sich. Ihre Familie war alles andere als begeistert. „Warum willst du dich da einsperren lassen?“ hat ihre Mutter sie gefragt. Schwester Veronique zuckt die Schultern, lächelt und schweigt. Noch ein Jahr trennt die Novizin von der rosafarbenen Ordenstracht ihrer Mitschwestern. Sie wäre die erste Rosa Schwester aus Afrika.

17.30 Uhr: Zeit für die Vesper. Rund 30 Menschen sind in die Kapelle gekommen, um gemeinsam mit den Schwestern innezuhalten. Die Plätze der Schwestern sind mit Gittern abgetrennt. Schilder weisen darauf hin, dass Handys auf dem gesamten Gelände untersagt sind.

Menschen beten zusammen mit den Schwestern in der Kapelle. (Foto: Achim Hehn/SVD)zoom
Menschen beten zusammen mit den Schwestern in der Kapelle. (Foto: Achim Hehn/SVD)

Nach dem Gottesdienst spreche ich Kirchenbesucher an und frage sie, was sie regelmäßig ins Kloster zu den Schwestern führt. Die Antworten sind immer gleich: Ruhe, Entspannung, Gottesnähe. „Dieser Ort bringt mich Jesus nahe“, sagt die 21-jährige Sandra, als sie an der Mariengrotte nahe der Kirche eine Kerze anzündet. Der 70-jährige Jean kommt oft nach der Arbeit her. „Ich kann hier gut abschalten und respektiere, dass die Schwestern in strenger Klausur leben. Wir haben erst einmal miteinander geredet. Als ich mir einen Regenschirm ausgeliehen habe.“

Die „Missionarinnen auf den Knien“, wie sie oft genannt werden: Sie scheinen eine Art „Marktlücke“ in der afrikanischen Spiritualität geschlossen zu haben, die sonst eher von Lautstärke und Bewegungsdrang geprägt wird. Ihre Oase, abseits vom Getöse der Großstadt, zieht jene an, die Stille und Einkehr suchen. Oder wie der Erzbischof Lomés es ausgedrückt hat: „Die Kapelle der Schwestern ist wie der Abendmahlssaal, in dem sich die Gläubigen zum Gebet versammeln können. Wie der Weltenberg Tabor, an dem Jesus in göttlicher Gestalt erscheint. Und wie der Jakobsbrunnen, an dem Suchende ihren Durst nach Christus stillen.“

Nach der Vesper verabschieden wir uns von den Schwestern. Inzwischen werfen wir uns die Pointen zu. Achim macht Einzelportraits – und sagt, es sei schade, dass die Schwestern nur zu zehnt und nicht zu zwölft seien, sonst hätte man aus den Aufnahmen einen Kalender machen können. Und ich versichere Schwester Mary Charity, dass sie eine wunderbare „Miss Januar“ geworden wäre. Die Schwestern lachen – und fragen uns zum Abschluss, warum wir keine Priester geworden sind. „Weil wir Frau und Kinder haben“, antworte ich. „Dann beten wir für eure Familien“, meint die 79-jährige Schwester Nihita Maria. „Und dafür, dass ihr morgen eine gute Rückreise nach Deutschland habt.“

Markus Frädrich
In zwölf Ländern sind die Schwestern inzwischen zu Hause. (Foto: Achim Hehn/SVD)zoom
In zwölf Ländern sind die Schwestern inzwischen zu Hause. (Foto: Achim Hehn/SVD)
Facebook Like aktivieren
 

Melanie Pies-Kalkum

Medienredaktion
+49 (0) 2241 / 2576-438
presse@steyler-mission.de

 

Startseite  |  Kontakt  | Sitemap  |  Impressum  |  Suche