Benin

"Unser Kindergarten ist ein Ausweg"

15.02.2017

Im Norden von Benin leitet die Steyler Ordensschwester Rosalie Zossou einen Kindergarten. Die Mädchen und Jungen kommen aus ärmsten Verhältnissen. So wie sie einst.

Endlich Mittagspause! (Foto: Achim Hehn/SVD)zoom
Endlich Mittagspause! (Foto: Achim Hehn/SVD)

Mittagspause im Kindergarten von Sonahoulou. Während draußen die Sonne brennt, ist es im Gruppenraum angenehm kühl. An die Tafel haben Kinderhände unter der Überschrift „Geometrische Formen“ ein Dreieck, einen Kreis, ein Rechteck und ein Quadrat gemalt. In der Bastelecke liegen Pinsel und Malstifte bereit, alte Dosen, Schachteln und Flaschen sind zu einem kleinen Kaufladen zusammengestellt. Daneben gibt es noch eine Puppenecke, eine kleine Arztpraxis für Kuscheltiere und einen Tisch mit Musikinstrumenten.

Die Kinder schlafen tief und fest. Rund 40 Mädchen und Jungen liegen auf kleinen Teppichen, die sie auf dem Fußboden ausgebreitet haben. Manche Kinder schlafen auf dem Bauch und manche auf dem Rücken, einige haben sich ihren Daumen in den Mund gesteckt, wieder andere haben sich eng aneinander gekuschelt.

Auch die Augen von Clemence sind geschlossen, ihr Bauch hebt und senkt sich gleichmäßig. Kleine Schweißperlen auf ihrer Nase erzählen davon, dass der Morgen ganz schön anstrengend war.

Schwester Rosalie liebt die Arbeit mit ihren Gruppenkindern. (Foto: Achim Hehn/SVD)zoom
Schwester Rosalie liebt die Arbeit mit ihren Gruppenkindern. (Foto: Achim Hehn/SVD)

Schon kurz nach Sonnenaufgang hat ihre Mutter sie und ihre beiden Geschwister geweckt. Die schilfgedeckte Lehmhütte der Familie besteht aus zwei kargen Zimmern: In einem Raum schlafen die Eltern, in dem anderen die Kinder. Strom und Wasser gibt es nicht. Clemences Eltern arbeiten den ganzen Tag auf dem Feld, bauen Mais, Maniok und Yams an. Früher mussten sie ihre Kinder deshalb beinahe den ganzen Tag alleine zu Hause lassen.

Da ist es ein Segen, dass vor guten einem Jahr der Kindergarten der Steyler Ordensschwestern eröffnet hat. Nach einer kleinen Katzenwäsche ist Clemence in ihre Kindergarten-Uniform geschlüpft, auf die sie enorm stolz ist. Den ganzen Weg zum Kindergarten hat die Dreijährige ihrer Mutter das Lied vorgesungen, das sie gestern von Schwester Rosalie gelernt hat. Das Lied mit den vielen Körperteilen, auf die man beim Singen zeigen muss.

Um 7.30 Uhr hat Clemence ihren Rucksack an den Haken im Gruppenraum gehängt, ihre Freunde begrüßt und natürlich Schwester Rosalie. Clemence mag die fröhliche Ordensfrau mit der großen Brille und dem strahlenden Lächeln. Heute trägt Rosalie eine geblümte Schürze über ihrer hellblauen Ordenskleidung. Das ist immer ein gutes Zeichen, denn an solchen Tagen wird viel gebastelt.

Tierischer Spaß mit Schwester Rosalie (Foto: Achim Hehn/SVD)zoom
Tierischer Spaß mit Schwester Rosalie (Foto: Achim Hehn/SVD)

Besonders gerne aber singt und tanzt die Steyler Missionsschwester mit den Kindern. Auch heute Morgen sind sie wieder alle zusammen über Tische und Bänke gestiegen, haben von Farben, Jahreszeiten und Obstsorten gesungen. Schwester Rosalie hat Abzählverse angestimmt, ein Tierquiz moderiert und mit ihnen den Buchstaben O geübt. Clemence mag das O, weil es so schön rund ist.

Manchmal betet Rosalie auch mit ihnen. Und alle machen mit, obwohl 23 der 40 Kinder keine Christen, sondern Muslime sind. „Wer zu uns in den Kindergarten kommt, muss kein Christ sein oder werden“, sagt Schwester Rosalie dann immer. „Wir finden es in Ordnung, dass es auch andere Religionen gibt. Aber trotzdem geben wir weiter, was uns Christen wichtig ist. Ich will euch ermutigen, an einen Gott zu glauben, der uns zu essen gibt, dem man vertrauen kann und der möchte, dass wir uns gegenseitig achten. Egal, wie ihr diesen Gott am Ende nennt.“

Um 12 Uhr binden sich alle Kinder ihre Lätzchen um und essen gemeinsam zu Mittag. Und dann kommt sie endlich: die verdiente Schlafpause.

Clemence übt mit Schwester Rosalie das "O". (Foto: Achim Hehn/SVD)zoom
Clemence übt mit Schwester Rosalie das "O". (Foto: Achim Hehn/SVD)

Während sich die Kinder ausruhen, setzt sich Schwester Rosalie manchmal in den Schatten eines Baumes und liest ein Buch. Dass sie lesen kann, macht sie stolz, denn der Großteil der Menschen in Benin kann es nicht: Nur 30 Prozent der Beniner über 15 Jahren beherrschen das Alphabet. Schwester Rosalie stammt aus dem Süden des Landes, aus der Nähe der Hauptstadt Porto-Novo. „Ich bin meinem Vater sehr dankbar“, sagt die 45-Jährige. „Während in anderen Familien die Mädchen nicht zur Schule gehen durften, hat er mir das ermöglicht, obwohl wir aus sehr armen Verhältnissen kommen. Ja, mein Vater war arm – aber reich im Herzen.“

Als junge Frau lernte Rosalie die Steyler Missionsschwestern kennen. „Ich habe mich bei ihnen sofort zu Hause gefühlt“, erinnert sie sich. Als Novizin arbeitete Rosalie in Ghana, nach ihren Ewigen Gelübden 2011 in Australien. Inzwischen ist sie in ihre Heimat zurückgekehrt und sehr glücklich darüber. „Ich bin stolz, heute die einzige Steyler Schwester aus Benin zu sein und auch noch in meiner Heimat zu arbeiten. Ich bin stolz, dass wir hier in Sonahoulou für Kinder und vor allem für Mädchen da sein können, die sonst keine Chance auf Bildung hätten. “

Im Kindergarten gibt es viele tolle Möglichkeiten zum Spielen. (Foto: Achim Hehn/SVD)zoom
Im Kindergarten gibt es viele tolle Möglichkeiten zum Spielen. (Foto: Achim Hehn/SVD)

Fast die Hälfte der Bevölkerung von Benin mit seinen rund neun Millionen Einwohnern sei unter 15 Jahren alt. „Benin ist extrem kinderreich, doch die meisten Kinder können nicht regelmäßig zur Schule gehen: Ihre Familien sind zu arm, um sich das Schulgeld leisten zu können. Viele Kinder müssen ihren Eltern bei der Feldarbeit oder beim Wasserholen helfen. Entsprechend schlecht sind ihre Chancen, einen ordentlichen Beruf zu erlernen. Unser Kindergarten ist ein Ausweg. Und die Menschen in Sonahoulou sind von ihm so begeistert, dass sie uns schon gebeten haben, demnächst eine Schule zu eröffnen.“ Mit Alphabetisierungskursen speziell für Frauen, denen der Schulbesuch verwehrt geblieben ist, haben die Schwestern bereits vor einiger Zeit begonnen.

Im Gruppenraum wird es langsam unruhig: Estelle hat die Augen aufgeschlagen, auch Esperance und Marseline tuscheln schon wieder. Clemence räkelt sich noch, als Schwester Rosalie lächelnd den Raum betritt. „Na, seid ihr wieder wach?“ ruft sie fröhlich. „Dann stellt euch mal alle in einen Kreis! Wollen wir mal alle auf der Stelle hüpfen, um wieder warm zu werden? Und dann schauen wir uns noch mal das Poster mit den Tieren an. Wer weiß noch, wie ein Afrikanischer Strauß aussieht?“

Markus Frädrich

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Melanie Pies

Medienredaktion
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