Auf dem Campus getroffen ...

27.10.2017

Sankt Augustin / Deutschland - Frau Professor Christa Kilian-Hatz im Gespräch mit dem Bibliotheksleiter des Anthropos Instituts und Doktoranden der PTH, Harald Grauer.

Auf dem Campus getroffen …


Grauer: Sehr geehrte Frau Kilian-Hatz, Sie sind Professorin für Afrikanistik an der Universität Frankfurt. Seit mehreren Jahren besuchen Sie das Anthropos Institut. Im Mittelpunkt Ihres Interesses stehen nicht der Bibliotheksbestand, sondern linguistische Manuskripte, die sich im Archiv des Institutes befinden. Bevor wir über Ihre Forschungen zu afrikanischen Sprachen sprechen, können Sie etwas darüber erzählen, wie Sie zum Studium der Afrikanistik kamen? Sie hatten doch, bevor Sie Ihr Studium der Linguistik, Ethnologie und Afrikanistik in Köln aufnahmen, eine kaufmännische Ausbildung bei der Münchner Rück gemacht? Was führte Sie zur Linguistik Afrikas?

Kilian-Hatz: Der Zufall. Während ich eine Lehre machte, die mich nicht wirklich interessierte, traf ich einen Schulfreund meines Vaters. Er war Spiritaner-Missionar und in Südafrika tätig. Seine Begeisterung für Afrika und die Beherrschung der Schnalzlaute faszinierten mich. Daraufhin bewarb ich mich um ein freiwilliges Soziales Jahr im Rahmen des Projektes Missionar auf Zeit (MAZ) bei den Spiritanern. Während meines Jahres in Kamerun lernte ich den Missionar Robert Brisson kennen, der auch als Linguist tätig war. Als Mentor teilte er seine Erfahrungen in der Linguistik mit mir und wurde ein langjährlicher väterlicher Freund. Er bahnte meinen Weg in die Linguistik.

Grauer: Hatten Sie während Ihres Studiums in Köln bereits Kontakte zu dem Anthropos Institut oder sind Ihnen damals schon Publikationen des Institutes begegnet? Können Sie sich noch daran erinnern, wann Ihnen die Zeitschrift Anthropos oder eine der Schriftenreihen das erste Mal begegnet sind?

Kilian-Hatz: Anthropos war natürlich bekannt und galt als eine der renommiertesten Fachzeitschriften. Die Literaturrecherche in der Zeitschrift Anthropos gehörte einfach dazu im Studium. Ich arbeitete seit meinem dritten Semester als studentische Hilfskraft in der Afrikanistik der Uni Köln. Damals fanden viele internationale Konferenzen in Kooperation mit den Steyler Missionaren hier in St. Augustin statt. Auf diese Weise lernte ich damals bereits den Campus kennen, das Museum Haus Völker und Kulturen jedoch erst später.

Grauer: Was verbinden Sie heute mit der Zeitschrift Anthropos und dem Anthropos Institut?

Kilian-Hatz: Immer noch dasselbe. Einen hohen Standard in der Wissenschaft.

Grauer: Haben Sie selbst schon in Anthropos oder einer der Reihen veröffentlicht?

Kilian-Hatz: Ich habe noch nicht in Anthropos veröffentlicht, aber ich plane für das kommende Jahr eine Veröffentlichung in der Reihe Studia Instituti Anthropos. Und ich fühle mich sehr geehrt, in dieser renommierten Reihe publizieren zu dürfen.

Grauer: Sie verfassten Ihre Dissertation über das Baka, die Sprache einer Pygmäenbevölkerungsgruppe im östlichen Kamerun. Es handelt sich um eine synchrone Beschreibung der Grammatik dieser Sprache. Als Sie für diese Arbeit Ihre Feldforschungen in Kamerun durchführten, hatten Sie damals mit Missionaren zusammengearbeitet? Können Sie etwas über die damalige Forschungssituation berichten?

Kilian-Hatz: Ich hatte über das Soziale Jahr bereits engen Kontakt zu den Missionaren in Südostkamerun. Über zehn Jahre hinweg arbeitete ich dort an eigenen linguistischen Forschungsthemen. Die Missionare unterstützten mich mit ihrer Infrastruktur. Insbesondere mit meinem Mentor Robert Brisson entstand ein enger Fachaustausch über linguistische Themen.

Grauer: Nach Ihrer Promotion hatten Sie sich mit Khoisan-Sprachen befasst und mit dem Problem der Definition der Wortklasse „Ideophon“, also dem was man umgangssprachlich lautmalende Worte bezeichnet.
Die linguistischen Aufzeichnungen mit denen Sie sich derzeit befassen, betreffen nun wieder Pygmäensprachen. Paul Schebesta, Peter Schumacher und Anton Vorbichler erforschten Pygmäengurppen in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Sie sind somit historische ethnografische Dokumente zu Kulturen, für die es nur wenige kulturimmanente Schriftdokumente aus dieser Zeit gibt. Wann erfuhren Sie von deren Existenz?

Kilian-Hatz: Ich kannte einige Publikationen von Anton Vorbichler und Paul Schebesta, die mich wiederum zum Missionshaus St. Gabriel bei Wien bzw. zum Anthropos Institut führten.

Grauer: Welche Fragestellungen und Forschungsziele verfolgen Sie bei Ihrer Untersuchung?

Kilian-Hatz: Es geht um einen historisch-linguistischen Sprachvergleich bzw. den Vergleich von Wortlisten. Gibt es unter den verschiedenen circa 20 heute noch existierenden Pygmäenvölkern im Regenwaldgebiet Afrikas Überreste sprachlicher Gemeinsamkeiten? Sie bilden keine eigene Sprachfamilie, sondern gehören unterschiedlichen Sprachfamilien und sogar Sprachphylen an. Es geht letztlich um die beinahe legendenhafte Annahme, ob Pygmäen eine einheitliche oder verwandte Bevölkerungsgruppe seien oder waren. Ich suche Relikte einer möglichen alten Sprachverwandtschaft. Die Verwandtschafts-Hypothese versuche ich mit sprachlichen Daten zu belegen oder zu widerlegen. Wenn eine Sprachverwandtschaft nachgewiesen werden könnte, wäre dies ein starker Hinweis auf einen historischen Kontakt, wenn nicht sogar gemeinsamen Ursprung dieser Bevölkerungsgruppen.

Grauer: Greifen Sie für Ihre Studien auf weitere Quellen zu Pygmäensprachen zurück, etwa von französischen oder belgischen Kolonialbeamten, Ärzten oder Missionaren? Oder auch von Georg Schweinfurth?

Kilian-Hatz: Ich suche überall nach historischen Quellen, insbesondere dort, wo Missionare tätig waren. Heute sind viele Regionen, in denen sie tätig waren, aufgrund der gewaltsamen Konflikte dort unzugänglich.

Grauer: Seit dem ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts finden innerhalb der Linguistik verstärkt historische Sprachaufzeichnungen von Missionaren Beachtung. Ihre Eigenheiten und ihre Bedeutung als Quelle werden etwa von Otto Zwartjes und Klaus Zimmermann diskutiert. Dies geschieht unter der Kategorisierung „Missionarslinguistik“. Würden Sie die Manuskripte, die Sie bearbeitet haben, der Kategorie „Missionarslinguistik“ zuordnen?

Kilian-Hatz: Jein. Ohne dass sie ausgebildete Linguisten waren, erstellten die „alten“ Missionare handwerklich großartige Wortlisten und grammatische Analysen. Sie genügen noch heutigen Standards. Aber natürlich kooperierten sie mit der Kolonialverwaltung und den Missionaren vor Ort. Die reinen Sprachdaten sind jedoch weitgehend objektiv und losgelöst von Ideologien.

Grauer: In Ihrem Lebenslauf weisen Sie darauf hin, dass Sie der Frage nachgehen, inwieweit afrikanische Pygmäensprachen „als Wege zur Ursprache der Menschheit“ dienen können. Wenn ich dies richtig verstehe, geht es Ihnen somit darum, möglichst frühe Sprachstadien der Menschheit zu rekonstruieren. Sie befinden sich in dieser Hinsicht in gewissem Sinne in der Nachfolge Wilhelm Schmidts, dem Gründer des Anthropos Institutes, der unter anderem auch aus diesem Grund die ethnologische und linguistische Erforschung von Pygmäengruppen besonders förderte und deren Dringlichkeit betonte. Würden Sie eine solche Kontinuität sehen und in welchem Punkt würden Sie den Unterschied im Zugang betonen?

Kilian-Hatz: Es besteht ganz klar eine Kontinuität, und ich freue mich daher auch, hier forschen zu können, aber es geschieht natürlich in einem anderen Zeitgeist. Ich arbeite mit moderner wissenschaftlicher Methodik und deren Ansprüchen. Es geht nicht darum, Belege für eine Ideologie zu finden, sondern darum, den bereits angesprochenen Mythos in Frage zu stellen und dann Belege für oder wider zu finden. Das Ende ist offen und ich bin auf die Ergebnisse gespannt.

Grauer: Um noch einmal auf die Verfasser der Aufzeichnungen zurückzukommen. Peter Schumacher und Paul Schebesta sind in den 1950er bzw. 1960er Jahren verstorben. Sind Sie Anton Vorbichler noch begegnet? Konnten Sie ihm noch Fragen stellen zu seinem Forschungsaufenthalt in Zentralafrika in den 1960er Jahren und seinen Sprachaufzeichnungen?

Kilian-Hatz: Leider konnte ich Anton Vorbichler nicht treffen. Ich kannte aber Weggefährten von Schebesta und Vorbichler, wie den bereits genannten Robert Brisson.

Grauer: Das Schlagwort der „Digital humanities“ macht derzeit die Runde. Planen Sie, die von Ihnen mit Hilfe der hier lagernden Manuskripte erhobenen Daten in digitaler Form zugänglich zu machen oder in ein bestehendes Sprachdatenbankprojekt einzuspeisen? Nutzen Sie selbst solche Datenbanken?

Kilian-Hatz: Ich finde es im Prinzip eine gute Sache, wenn auf Datenbanken zugegriffen werden kann, wenn sie denn sinnvoll angelegt sind.

Grauer: Die Digitalisierung erfasst nun nicht nur in zusehendem Maße die linguistische Forschung, sondern auch wissenschaftliche Zeitschriften. Sie sind selbst Mitherausgeberin einer Zeitschrift gewesen, der Annual Publications in African Linguistics (APAL). Wie sehen Sie die Entwicklung? Werden traditionelle (gedruckte) wissenschaftliche Zeitschriften, mit regelmäßigem Erscheinungszeitpunkt, weiterhin auf dem Markt präsent sein, oder werden sie zugunsten von online-Zeitschriften, moderierten Internetforen und wissenschaftlichen Blogs vom Markt verschwinden? Es wurden ja bereits einige renommierte Zeitschriften eingestellt oder gänzlich auf digitale Veröffentlichung umgestellt.

Kilian-Hatz: Ich gehe davon aus, dass es auch weiterhin Zeitschriften mit review-Prozess geben wird. Niveau ist unabhängig vom Medium. Es ist wichtig, sich auf Informationen verlassen zu können. Online-Foren und -Blogs besitzen den Vorteil, dass man schnell in Kontakt treten kann mit seinen Kolleginnen und Kollegen. Sie sind aber primär ein Diskussionsforum und kein Informationsforum.

Grauer: Wenn Sie nun an die Zeitschrift Anthropos denken, die nun in ihrem 112. Jahrgang erscheint, was wünschen Sie sich für deren Zukunft? Wie würden Sie auf die Veränderungen im Zeitschriftenmarkt reagieren? Die früheren Jahrgänge von Anthropos sind seit fast zehn Jahren über die Zeitschriftendatenbank jstor erhältlich, würden Sie weitere Schritte hinsichtlich einer Öffnung für digitale Formate gehen?

Kilian-Hatz: Vielleicht könnte ein moderiertes, fachbezogenes Diskussionsforum auf der Internetseite von Anthropos eingerichtet werden. Ein Forum, das dann auf Artikel verweist und diskutiert.

Grauer: Zum Abschluss noch die berühmten drei romantischen Fragen, die Ethnolog*Innen immer wieder gestellt werden, die auch sicherlich einer Linguistin gestellt werden können. Welche Ethnie hätten Sie gerne vor dem Erstkontakt mit Europäern getroffen? Welchen Ethnologen/Linguisten oder welche Ethnologin/Linguistin hätten Sie gerne einmal getroffen? Was hätten Sie ihn oder sie gefragt?

Kilian-Hatz: Ich hätte gerne die ersten afrikanischen Immigranten nach Europa getroffen, also meine Vorfahren vor 150.000 Jahren. Ich würde dann einmal ganz fest lauschen und wäre gespannt, was ich dann so hören würde. Ich hätte natürlich gerne Paul Schebesta und Anton Vorbichler getroffen, um mit ihnen über ihre Forschungsreisen zu den Pygmäen zu sprechen. Und natürlich würde ich gerne Alexander von Humboldt treffen und mit ihm auf Reisen gehen. Wenn das nicht klappt, würde ich gerne die Gebrüder Grimm treffen und ihnen einmal bei ihren lexikographischen Arbeiten über die Schulter schauen.

Grauer: Sehr geehrte Frau Professor Kilian-Hatz, vielen Dank für das Gespräch. Ich wünsche Ihnen interessante Funde und freue mich auf Ihren nächsten Besuch hier im Anthropos Institut.

 

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Frau Professor Christa Kilian-Hatz 
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Harald Grauer 
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