Grundlagen des Dialogs

21.06.2011

St. Gabriel / Maria Enzersdorf / Österreich - Bei der Präsentation der englischen Ausgabe der „Studien zur Religionstheologie“ wurde die Grundlagenarbeit für den interreligiösen Dialog von Pater Andreas Bsteh SVD gewürdigt.

Der Dialog zwischen den Anhängern verschiedener Religionen ist eine Überlebensfrage für die Menschheit. Die Grundlagen und Voraussetzungen für diesen Dialog wurden in jahrzehntelanger Arbeit der Theologischen Hochschule St. Gabriel und des Religionstheologischen Instituts St. Gabriel in internationalen Konferenzen und Akademien bearbeitet. Ein Ergebnis dieser Arbeit ist die Veröffentlichung von sechs Bänden mit den Vorträgen und dazugehörenden Diskussionen zwischen 1992 und 1998, deren englische Ausgabe in einem Festakt an der Universität Wien am 21. Juni 2011 vorgelegt wurde.


Suche nach gemeinsamen Ausgangspunkten

Die Obfrau des Vereins „Sammlung De Nobili“, Univ.-Prof. Dr. Karin Preisendanz, steckte in ihrer Begrüßung die Bedeutung der Veröffentlichungen ab: Es geht darin um die Suche nach einer Religionstheologie, die den Dialog für das gemeinsame Miteinander aller Menschen und Kulturen auf der Grundlage ihrer jeweiligen Glaubenstraditionen ermöglicht. Der Verein Sammlung De Nobili und das Institut für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde der Universität Wien haben seit vier Jahrzehnten höchstes Interesse an dieser Arbeit und sie daher auch mitgetragen.


Imperativ der Wahrheitssuche

Pater Andreas Bsteh SVD blickte auf das Anliegen dieser Forschungen zum interreligiösen Dialog zurück: Für die Zukunft der Religionen sei es wichtig, die Herausforderung der Anderen anzunehmen. Als Leitlinien für die Konferenzen bezeichnete er 1. das Anliegen, die Begegnung dort zu suchen, wo sie den anderen wichtig ist (also nicht von der eigenen Position der anderen Religion gegenüber auszugehen); 2. sollte der anderen Religion mit radikalem Respekt begegnet werden, unter dem Imperativ der Wahrheitssuche; und 3. geleitet von der Überzeugung, dass der Mensch erst in der Selbstüberschreitung zu sich findet. Aufgrund dieser Überzeugungen sei es möglich, in der Suche nach einem vertieften Selbstverständnis die eigenen Hindernisse für die Begegnung im religiösen Dialog zu überwinden hin auf Gott, der größer ist als das Verständnis der Menschen davon. Dieser Aufgabe widmete sich das Religionstheologische Institut St. Gabriel in den Konferenzen, die in den vorgelegten Bänden ihren Niederschlag fanden.


Möglichkeiten des Dialogs

Professor Francis Clooney SJ von der Harvard Divinity School (USA) oblag die Würdigung der sechs Bände der Reihe. Er stellte die Ergebnisse der Dialogarbeiten in diesen Werken vor: Die Konferenzen verstanden sich als Vorarbeiten und Grundlegungen dafür, dass die Begegnung zwischen Anhängern der Religionen möglich würden. In einem ersten Schritt (jeweils der erste Band zum Dialog mit dem Hinduismus, Buddhismus und Islam) wurden die Anfragen dieser Religionen an das Christentum dargestellt. Der jeweils zweite Band stellt eine christliche Reflexion darauf dar, auch wenn Professor Clooney eine direkte Übereinstimmung von Anfrage und "Antwort" nicht entdecken konnte. Er erklärte diese Übereinstimmung daher, dass die Teilnehmer der Konferenzen aus einem immer noch einigermaßen einheitlichen Kulturraum hervorkommen, "hervorragende Gelehrte", aber auch eine Gruppe „älterer weißer Männer“, die sich aufgrund ihres vor allem deutschsprachigen Bildungs-, Kultur- und Weltanschauungshintergrunds relativ gut verstehen konnten. Professor Clooney würdigte dabei die erzielten Grundlegungen, von denen aus weiter am Dialog in der direkten Begegnung gearbeitet werden könnte.

Für diesen zukünftigen Dialog wünschte sich Professor Clooney Dialogteilnehmer, die diese drei anderen Religionen selbst praktizieren. Die Dialogkonferenzen würden Gewinn daraus ziehen, würde man sie durch die vielen anderen Religionen Afrikas oder Amerikas ausweiten. Allerdings hätten sich für diesen sinnvollen und notwendigen Dialog aufgrund der sehr unterschiedlichen geistesgeschichtlichen und kulturspezifischen Bedingungen die Gelehrten vermutlich nicht mehr auf gemeinsame Sprache und Begriffe einigen können.

Professor Clooney schlug abschließend vor, dass zu den jeweiligen zwei Bänden zu den drei Religionen noch ein dritter Band mit den Ergebnissen eines solchen Dialogs von Anhängern der verschiedenen Religionen hinzugefügt werden sollte. Als Anwendung der Grundlagen, die in den vorliegenden Bänden erarbeitet wurden, schlug er vor, etwa das Thema Offenbarung oder die Autorität zu Überlieferung und Lehre interreligiös und interkulturell durchzuarbeiten – eine Aufgabe, die noch viele Generationen von Theologen beschäftigen könnte.


Ein Vermächtnis

Abschließend kehrte Professor Adel Theodor Khoury von der Katholischen Theologischen Fakultät Münster zum Anliegen des Religionstheologischen Instituts St. Gabriel und des Abends zurück. Er berichtete kurz von seinen eigenen Erfahrungen und der Bereicherung durch die Mitarbeit an den Konferenzen: Es ging bei den Dialogbemühungen darum, sich den heutigen gesellschaftlichen Herausforderungen an die Religionen zu stellen, da gerade in den Religionen die Hoffnung auf das Leben begründet werden muss. Dabei würde die eigene Bekehrung zu einem tieferen Verständnis der eigenen religiösen Tradition auch bei den Gesprächspartnern zur Bekehrung und Vertiefung im Verständnis der eigenen Identität führen. Für Professor Khoury wurden in den Jahren dieser Arbeit wichtig 1. die Suche nach Verstehen der anderen Religion im Gespräch und im Hinhören auf die anderen; 2. die Treue zum eigenen Glauben, der umso mehr das Gespräch mit dem anderen ermöglicht, je größer diese Treue in der Begegnung und Offenheit wird; und 3. die Überzeugung, dass die Verschiedenheit eine gegenseitige Ergänzung erlaubt. Schließlich geht es bei allem Dialog um die Wahrheit, die nicht so sehr in Formulierungen, sondern im praktischen Tun offenbar wird.

Professor Khoury formulierte es als Erbe und Auftrag Pater Bstehs und des Religionstheologischen Instituts St. Gabriel, den Glauben an Jesus Christus als Quelle für das Leben aller Menschen immer tiefer zu verstehen und zu leben – „ein Vermächtnis“, das er den Anwesenden weitergab und auftrug.

Christian Tauchner SVD