Demonstration und Gebet für eine humane Asylpolitik

29.04.2013

St. Gabriel, Maria Enzersdorf / Österreich - Die vierte ROMARIA - Wallfahrt in Solidarität mit Flüchtlingen stand im Zeichen dringlicher Aufrufe und inständigen Gebets

„Gott ist da gegenwärtig, wo Menschen nach Leben und Zukunft suchen!“ Diese christliche Überzeugung rief der Steyler Missionar und Weltdorfpfarrer P. Franz Helm SVD beim Auftakt zu 23 km Fußmarsch von Schwechat nach Maria Enzersdorf in Erinnerung. Der Weg führte vom Flüchtlingsheim Zirkelweg der Pfarre Schwechat über das Wohnheim Abraham für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge des Don Bosco Flüchtlingswerks zum Haus St. Gabriel der Caritas Flüchtlingshilfe. Flüchtlingsheime werden zu Wallfahrtsorten, wenn die Worte Jesu ernst genommen werden: „Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen!“ (Mt 25, 35) 

Die Veranstalter informierten die Teilnehmer über drei dringende Aufrufe, die sie während der Wallfahrt unterschreiben könnten: Einer ruft christliche Gemeinden in Österreich dazu auf, den Flüchtlingen als gleichberechtigten Menschen zu begegnen und Maßnahmen der wirksamen Hilfe zu setzen. Ein zweiter Aufruf setzte sich gegen die drohende Abschiebung von zwei Bewohnern des Flüchtlingsheims der Pfarre Schwechat ein. Ein dritter fordert von politischen Entscheidungsträgern in Österreich und in der EU, für eine menschenrechtskonforme Asyl- und Migrationspolitik einzutreten.
Es war eine bunte Schar aus Jungen und Alten, religiös oder humanistisch Motivierten, Einheimischen und Asylsuchenden, die mit einem Kreuz an der Spitze und Transparenten mitten in der Menge unterwegs war. „Gott liebt und schützt die Fremden“, war da etwa zu lesen oder: „Wenn jeder bleibt in sein DAHAM, die Wirtschaft läge jetzt schon lahm“. Dieser Spruch hatte bei einem Wettbewerb der christlichen Gebetsinitiative „Dialog 16“, einer der Unterstützerinnen der Wallfahrt, gewonnen. 

Bei zahlreichen Stationen kam es zur Auseinandersetzung mit dem weiten Feld von Flucht und Migration. Bei der ältesten Kirche Wiens in Unterlaa berichtete die Schubhaftseelsorge über Begegnungen mit Menschen, die in Polizeianhaltezentren auf ihre Abschiebung warten müssen und oft jede Zukunftsperspektive verloren haben. Tarafa Baghajati, Iman und Obmann der Initiative Muslimischer ÖsterreicherInnen erzählte beim Islamischen Friedhof im 10. Wiener Gemeindebezirk von der schwierigen jahrelangen Suche nach einem Ort für die Bestattung von Muslimen in Wien. Herbert Langthaler von der Asylkoordination berichtete in der Kirche St. Nikolaus in Inzersdorf vom Rassismus, der nach wie vor fest verankert in vielen Köpfen sitzt, obwohl es – naturwissenschaftlich gesprochen und durch die DNA-Forschung belegt – keine Rassen, sondern nur Menschen gibt.
Bei der Mittagsrast im Wohnheim Abraham des Don Bosco Flüchtlingswerks Austria servierten die dort lebenden jugendlichen unbegleiteten Flüchtlinge den Wallfahrern ein Mittagessen. Ein ehemaliger Bewohner des Wohnheims erzählte, wie es ihm gelingt, in Österreich Fuß zu machen. Derzeit macht er eine Lehre als Zahntechniker. Solidarität trägt Früchte! 


Nach der Mittagspause riefen die Trommeln von Samba Attac zum Aufbruch. Beim Zug durch Inzersdorf-Neustadt wurden manche Bewohner durch den schwungvollen getrommelten Rhythmus aufmerksam auf den Zug der Solidaritäts-Wallfahrer. In der Pfarrkirche Neu-Erla berichtete die Steyler Missionsschwester Maria Petra Schüttenkopf von Solwodi Österreich über die schockierende Realität des Frauenhandels und der Zwangsprostitution. Ein Schutzhaus, das von mehreren Ordensgemeinschaften getragen wird, will Frauen in Not konkrete Hilfe anbieten. 

Die nächste Station der Wallfahrt war bei Shopping-Malls nahe der Triesterstraße. Hier erhielten die Wallfahrer Informationen über die Lage der Flüchtlinge weltweit. Von den über 42,5 Millionen, die 2011 auf der Flucht waren, flohen 15,42 Millionen ins Ausland. Von diesen lebten ganze 47.033 in Österreich. Im Libanon, das ungefähr so groß wie Oberösterreich ist, lebten Mitte April 2013 schon 416.000 Flüchtlinge in Lagern und Schätzungen zufolge wird es mit Jahresende eine Million sein. 

Eine weitere Station war dem Opfergedenken gewidmet. Tausende sterben auf der Flucht nach Europa, weil die Grenzen dicht gemacht und die Wege immer gefährlicher werden. Die Wallfahrer entzündeten ein Grablicht. Dieses trugen sie schweigend in einer Laterne mit, als Zeichen der Anteilnahme mit den trauernden Angehörigen der umgekommenen Flüchtlinge. Nach einer letzten Station, die dem Thema „Kinderrechte“ gewidmet und von ECPAT gestaltet war, erreichten die Wallfahrer das Missionshaus St. Gabriel, wo seit dem Jugoslawienkrieg ein Flüchtlingsheim der Caritas besteht. Bei einer Klostersuppe mit Brot erzählte ein ehemaliger Bewohner des Heimes, der mittlerweile dort als Betreuer arbeitet, dass im Lauf der letzten 20 Jahre 3.000 Flüchtlinge in St. Gabriel Hilfe erfuhren. Derzeit sind vor allem Familien und kranke Asylsuchende in der geschützten Atmosphäre des Klosters beherbergt.

Geistlicher Abschluss der 4. Romaria war ein Politisches Abendgebet in der Hl. Geist Kirche von St. Gabriel. Der Steyler Missionar und Schubhaftseelsorger P. Kofi Kodom dankte in seiner Homilie den Teilnehmern für das von ihnen gesetzte Zeichen der Solidarität: „Ihr zeigt durch Euer Hiersein, dass Ihr bereit seid, Jesus aufzunehmen, der uns als fremder und Obdachloser begegnet!“ Er stand dem Gottesdienst gemeinsam mit der evangelischen Pfarrerin von Liesing Gabriele Lang-Czedik vor. Die Schubhaftseelsorge trug zum Vater unser einen Dialog vor, der vielen unter die Haut ging. Da hieß es zum Beispiel: „Politiker, die ein Kreuz schwenken, um das christliche Abendland vor der muslimischen Invasion zu schützen, finden Beifall und es sind wenige, die energisch gegen diese Botschaft auftreten. - Herr, Dein Name wird von uns missbraucht, wenn wir ihn für unsere Zwecke einsetzen, wenn wir ihn verwenden, um Grenzen zu ziehen, um andere Menschen auszugrenzen. - Geheiligt werde dein Name.“ Nochmals wurde dazu eingeladen, die drei Aufrufe zu unterschreiben. Sie werden an die Österreichische Bischofskonferenz, das Innenministerium und politisch Verantwortliche in Österreich und in der EU weiter geleitet werden.

Franz Helm SVD