Durch die Krise kommt keiner allein

20.01.2016

St. Gabriel / Maria Enzersdorf / Österreich - Christian Rathner berichtet von der schwierigen Situation in Griechenland: Wie sich ein Volk neu gefunden hat, und was Europa davon lernen kann.

Christian Rathner zitiert aus seinem Buch: 'Durch die Krise kommt keiner allein' 
Christian Rathner zitiert aus seinem Buch: 'Durch die Krise kommt keiner allein'

Im dritten Vortrag der Reihe „Visionen erden - Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ erzählt Christian Rathner, der als Journalist der ORF Hauptabteilung Religion tätig ist, von eigenen Erfahrungen aus Griechenland. Er beginnt mit erschütternden Beispielen über die Auswirkungen der Finanzkrise und erwähnt dann positive Ansätze für einen Neustart, die für ganz Europa wichtig wären.
Der Bericht über den Selbstmord eines Rentners, der sich öfftentlich erschoß und in einem Abschiedsbrief die Regierung mit den Kollaborateuren während der Besatzung im letzten Weltkriegs verglich, löste nicht nur in Griechenland Entsetzen aus und führte zu Ausschreitungen und Kämpfen, sondern ging auch den Zuhörern durch Mark und Bein. „Dieser Rentner war auch ein Wirtschaftsflüchtling“, denn er konnte mit der geringen Rente nicht mehr leben und verzweifelte daran.
Oder das Beispiel eines Architekten, der mit sechzig in Pension ging, weil es für ihn keine Aufträge mehr gab, und dessen wirtschaftliche Krise die ganze Familie in ein Dilemma stürzte. Viele Menschen haben von heute auf morgen nicht nur ihre Arbeit verloren, sondern auch ihre Würde. Es wurde immer wieder von Selbstmorden berichtet, deren genaue Anzahl man allerdings nicht weiß. Die Arbeitslosigkeit stieg bis auf 27,5%, ist inzwischen wieder etwas gesunken, aber das vor allem, weil viele das Land verlassen haben. Die Sozialstruktur hält nicht lange, denn es gibt zwar für ein Jahr lang ein geringes Arbeitslosengeld, danach aber nichts mehr, ganz egal, wie lange man Beiträge eingezahlt hat.
Einerseits liegt viel Schuld bei den Griechen selbst, aber andererseits ist der Hauptgrund des Niedergangs bei der mangelnden Konstruktion des Euro zu suchen, die den Staat in so große Abhängigkeiten getrieben hat.

Obwohl sich die meisten jetzt nicht viel leisten können, ist doch vielen wichtig, dass niemand allein bleiben soll.
‚Mirmingi’ (μυρμήγκι) - es bedeutet Ameise - ist ein Beispiel für den Einsatz gegen die Not von Menschen, die nichts zu essen haben. Es geht nicht um Barmherzigkeit, sondern um Solidarität. Arme und Reiche tun sich zusammen und gehen gemeinsam betteln. Sie stehen vor Supermärkten und bitten um Sachspenden wie z. B. Nudeln. Dann werden in einem gemeinsam gemieteten Lokal Essenspakete zusammengestellt und an Bedürftige verteilt. Da entsteht Gemeinschaft, entstehen Freundschaften.
Ein weiteres positives Beispiel sind die Sozialkliniken. Ärzte helfen den Menschen, die keine Krankenversicherung haben. Zunächst war dies für die vielen Flüchtlinge gedacht, heute sind der Großteil der Betreuten Griechen.
Dahinter steht die Einstellung, dass alles getan werden muss, dass niemand stirbt, und damit wächst das Vertrauen, dass daraus ein Staat entstehen kann, der das Überleben sichert.

Europa kann daraus lernen, dass das Zusammenstehen lebens- und überlebensnotwendig ist, gerade in den derzeitigen Krisen, die - sich überlagernd - Flüchtlinge, Umwelt, Finanzen oder Gewalt betreffen.
Der Referent schloss seine Ausführungen vor den betroffenen Zuhörern mit der Frage: Sollen die Kräfte des Egoismus (Faschismus und Nationalismus) die Zukunft bestimmen oder finden wir in und für ganz Europa Wege auf einander zu?

Franz Pilz SVD