Internationalität als Markenzeichen

10.02.2012

Steinhausen / Schweiz - Der Betriebswirtschafter Emil Inauen hat 2010 / 2011 eine Doktorarbeit über Führungsstrukturen in deutschsprachigen Ordensgemeinschaften geschrieben. Ein Auszug aus den Umfrageergebnissen.

„115 der angefragten 224 Gemeinschaften haben mitgemacht, die Fragebogen korrekt ausgefüllt“, teilt Emil Inauen, Mitarbeiter des Instituts für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Zürich, in einem Kommuniqué mit. In der Auswertung seien Gemeinschaften aus der Schweiz (27), Deutschland (59) und Österreich (29) vertreten. Darunter befinden sich auch sieben Niederlassungen der Steyler Missionare.

Die befragten Ordensgemeinschaften hatten durchschnittlich 20 Mitglieder. „Erstaunlich ist, dass es vorwiegend einheimische sind“, schreibt Inauen. Dem Nachwuchsproblem werde kaum mit ausländischen Patres und Brüdern begegnet. Von einer „Re-Missionierung“ sei bei den untersuchten Organisationen nichts zu spüren, obwohl viele Orden international tätig seien. Die Steyler Missionare bilden hier eine Ausnahme. In ihren Gemeinschaften leben Patres und Brüder aus den verschiedensten Ländern. Internationalität ist ihr Markenzeichen.

Als „problematisch“ bezeichnet Inauen die Altersstruktur. Die beste Situation findet sich bei Prämonstratensern und Zisterziensern (Altersdurchschnitt zirka 50 Jahre). Der höchste Wert liegt bei 75 Jahren. „Betroffen“ davon sind die Afrikamissionare. Die sieben befragten Steyler Gemeinschaften weisen einen Altersdurchschnitt von 64 Jahren auf.

 

Religiös motiviert

Obwohl viele Gemeinschaften existenziell bedroht sind, ist die Motivation in den Orden intakt. Inauen betont: „Im Vergleich zu anderen Organisationsformen schneiden die Ordensleute sehr gut ab. Das Ordensleben wirkt positiv auf Schaffenskraft und Motivation ihrer Mitglieder.“ Religiöse Motivatoren seien von überragender Bedeutung für Arbeit und Aufgabenerfüllung.

Grosse Unterschiede gibt es in der Zentralisierung der Orden. Am dezentralsten geführt sind der Benediktiner- und der Zisterzienserorden. Am wenigsten Mitspracherecht hat der einzelne Pater und Bruder bei den Oblaten sowie den Afrikamissionaren. Geht es um die spirituelle Mitsprache an der Basis, bewegen sich die Steyler Missionare im Mittelfeld.

Wirtschaftliche Entscheide hingegen stehen mehrheitlich in der Verantwortung der übergeordneten Instanzen. „Interessant ist, dass sich die Demokratisierungstendenz in den letzten zehn Jahren deutlich abgeschwächt hat, der Trend eher wieder in die andere Richtung weist“, hält Inauen fest. Gleichzeitig habe sich das Gefühl der Loyalität unter den Mitgliedern verstärkt.

 

Individualisierung

Zuoberst auf der Liste der Problembereiche stehen die Nachwuchssorgen, die Altersstruktur, die Arbeitsbelastung, die Zeitknappheit, die Nachfolgeregelungen sowie die wachsende Individualisierung. Während Altersstruktur und Zeitknappheit für die Steyler Missionare nicht zu den drängenden Anliegen gehören, bereiten Nachfolgeregelungen und Individualisierung oftmals Kopfzerbrechen.

Laut Inauen ist die wirtschaftliche Situation im überwiegenden Teil der Gemeinschaften ausgeglichen. Die sieben Steyler Gemeinschaften erachten ihre finanzielle Situation als angespannt bis ausgeglichen.

Die Steyler Missionare sehen sich als wenig kontemplativ, obwohl sie sich im Durchschnitt fast zwei Stunden am Tag dem Gebet widmen. Kartäuser und Zisterzienser sind am stärksten kontemplativ ausgerichtet.

Am meisten Ferientage dürfen sich die Oblaten (30), die Augustiner Eremiten (29) und die Dominikaner (28,4) gönnen. Die Steyler Missionare befinden sich mit 22,25 eher am anderen Ende der Skala.

Als häufigste Austrittsgründe wurden genannt: Zölibat (34 Prozent), Probleme im Zusammenleben (14), psychische oder andere gesundheitliche Probleme (13), Glaubenskrisen (11) und Selbstverwirklichung (9).

Laut Einschätzung der Steyler Missionare bleibt etwas mehr als die Hälfte der Patres und Brüder mit letzten Gelübden dem Orden ein Leben lang treu.
Vom Missbrauchskandal im Frühling 2010 waren / sind 14 der untersuchten Gemeinschaften betroffen. „Wir haben entsprechend untersucht, ob spezifische Führungsstrukturen Missbrauch begünstigen, was wir nicht empirisch nachweisen konnten“, erklärt Inauen. Die Missbrauchsfälle seien in Ordensgemeinschaften mit stark unterschiedlichen Führungs- und Kontrollsystemen aufgetreten. 

 

Xaver Schorno
 
Die Steyler Missionare sind ein bunt gemischtes Völkchen  - Bild Eva-Maria Schornozoom
Die Steyler Missionare sind ein bunt gemischtes Völkchen - Bild Eva-Maria Schorno