"Dein Ort ist, wo Augen dich ansehen."

24.12.2006

Sudan/ Deutschland - Die Steyler Missionarin Sr. Petra Bigge SSpS erhielt 2006 Missionsbestimmung für den Südsudan. Im September reiste sie ab nach Yei - ins Dreiländereck Kongo - Uganda - Sudan. Von hier kommt ihr Bericht: Über die Arbeit mit den Rückkehrer-Flüchtlingen und über die Situation der Menschen im Südsudan.

Ein ungewöhnlicher Satz von Hilde Domin, den ich an den Anfang meines Weihnachtsbriefes stelle. Eine Mitschwester schickte ihn mir vor einigen Tagen. Hier in Yei spüre ich Gottes Gegenwart in den Momenten, wo Menschen mich anblicken - nicht zuletzt in den Kindern, die jeden Tag rufen: "Kauwatschah (das heißt "Weiße"), wie geht es Dir?"; "Kauwatschah, ich bin hier." oder "Kauwatschah, sieht Du mich?".

Ganz herzlichen Dank für all die liebe Post, die ich in den vergangenen Wochen und Monaten erhalten habe. Einige Pannen gab es mit meinem Computer und mit meinem Memory Stick und so kam und kommt es immer wieder vor, dass Mails plötzlich verschwunden sind. Dadurch habe ich vielleicht nicht alle Mails beantwortet - bitte habt Verständnis dafür. Über einen kleinen Brief oder eine Nachricht von Euch freue ich mich jedes Mal.

Viele Fragen sind mir in den letzten Wochen in Euren Briefen gestellt worden, vieles war noch so fremd, und über anderes war ich selbst überrascht, so dass ich bis heute noch nicht darauf geantwortet habe. Ich versuche mal Schritt für Schritt von hier zu berichten.

 

Als wir in diesen Tagen Besuch aus Deutschland hatten (Misereor und AGEH) und diese Besucher nach den Flüchtlingslagern fragten, da ist mir wieder einmal bewusst geworden, dass ich selbst auch von Flüchtlingslagern ausgegangen bin, in denen ich arbeiten werde. Die gibt es auch im Sudan, doch nicht hier in Yei. 

Ich lebe hier in einer Nachkriegszeit, und die Menschen kehren heim aus dem Exil. Sie wollen an ihren alten Orten wieder wohnen, wollen alte Freunde treffen und ein normales Leben aufbauen. Nach 20 Jahren Krieg ist fast alles zerstört und es gibt kaum eine Infrastruktur. Wöchentlich kommen zwischen 400 und 800 Flüchtlinge aus Uganda und aus dem Kongo zurück nach Yei - in ihre Heimat. Von Januar bis September waren es 33.000 Flüchtlinge, die mit den offiziellen Transporten der UN nach Yei angekommen sind. Darüber hinaus gibt es viele Hunderte, die die Reise alleine und auf eigene Faust angetreten haben. Im nächsten Jahr soll eine Volkszählung stattfinden, um ein realistisches Bild zu bekommen.

Die Straße vor unserem Haus führt direkt zum Kongo, es sind ca. 35 km bis zur Grenze - also nicht weit. Die Flüchtlinge kommen auf großen LKWs mit Sack und Pack hier an. Den Transport führt GTZ (Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit - Deutschland) durch. Ihr Grundstück ist ca. 1 km von uns entfernt, als Organisation sind sie unsere nächsten Nachbarn. Deutsche Mitarbeiter gibt es jedoch in diesem Team nicht. GTZ wartet u.a. die UN-Autos und auch ein Auto, das uns zur Verfügung steht, fährt unter UN Flagge und wird von ihnen gewartet. So gibt es immer mal wieder Berührungspunkte.

Doch nun zurück zu den Flüchtlingstransporten. Am frühen Morgen fahren, unter Begleitung von Soldaten, ca. 20 LKWs in den Kongo und sind gegen 17.00 Uhr meist zurück. Am Nachmittag hört man schon von weitem die LKWs kommen. Dann hört man auch die Nachbarn! Sie heißen lautstark die "alten Freunde" willkommen. Es ist immer wieder schön mit anzusehen und anzuhören! "Dein Ort ist, wo Augen dich ansehen!". 

Seitdem ich im Sudan bin, wurde für ca. eine Woche der Rücktransport der Flüchtlinge ausgesetzt. Die LRA (Lord Resistance Armee) trieb ihr Unwesen, doch schon bald gingen die Friedensverhandlungen weiter, und die Flüchtlinge konnten weiter heimkehren.

Für eine Nacht bleiben die Flüchtlinge in der Stadt; sie bekommen Nahrungsmittel für drei Monate und einige Samen, um als Bauern ansässig zu werden und für ihren eigenen Lebensunterhalt sorgen zu können. Außerdem gibt es noch Geräte, um das Feld zu bestellen. Diese müssen sich aber mehrere Familien teilen. Am nächsten Morgen werden sie dann in die benachbarten Orte gefahren. Manche bleiben auch noch für einige Zeit bei ihren Verwandten im Ort, bis sie selbst eine Hütte gebaut haben. Dann kehren sie heim, gehen auf ihr altes Grundstück zurück.

Dies ist nicht immer ganz unproblematisch, da andere Familien sich bereits dort niedergelassen haben. Und die "Chiefs" müssen dann eingreifen und vermitteln. 

Die Bevölkerung ist hier "indigen". Viele sprechen die Bari Sprachen, dazu gehören die Menschen von den Stämmen der Kakua und Kuku. Die Flüchtlinge, die aus dem Kongo heimkehren, sprechen Lingala. So haben wir am Sonntag zwei heilige Messen: die eine in Bari, die andere in Lingala. Die meisten leben von ihrer Feldarbeit, haben einige wenige Hühner und einige Ziegen. Die Flüchtlinge, die während der Regenzeit gekommen sind, stellen Holzkohle oder auch Steine her, verkaufen dies und versuchen damit zu überleben.

Den Flüchtlingen wurde vom WFP (Welternährungsprogramm) für insgesamt sechs Monate Lebensmittel zugesagt. Die Flüchtlinge, die in den letzten Wochen kamen, sind gegen Ende der Regenzeit gekommen. Das heißt, sie konnten nicht mehr säen und müssen auf den nächsten Regen warten, der vermutlich erst im April kommt. Die Regenzeit war auch ungünstig, um Häuser zu bauen und so haben viele eine schwere Zeit hinter sich. Zurzeit hungern viele Flüchtlinge, da ihnen die zweite versprochene Lebensmittelration nicht ausgehändigt worden ist. Diese Not ist aber meist nicht so sichtbar, da die "Rückkehrer" so verstreut leben.

Verschiedene NGO's (Nicht-Regierungs-Organisationen), die sich monatlich zum "Protection Meeting" (dabei geht es um den Schutz der Flüchtlinge) treffen, haben einen Brief an das Welternährungsprogramm (World Food Programm) geschrieben. Mal sehen, wann die versprochenen Lebensmittel kommen.

Täglich werde ich mit Rufen nach Geld und anderen Dingen förmlich bombardiert. Sobald ich das Grundstück verlasse, fängt es an: "Gib mir dies und gib mir das." Für mich ist es schwierig, die Situation von Menschen wirklich einzuschätzen und dann kommt das Problem hinzu, dass es sich wie im Lauffeuer herumspricht, wenn man einer Person etwas gegeben hat. Gibt man dann jemanden nichts, dann kommt es zu Konflikten, ja bis dahin, dass Menschen dich umbringen wollen. Die Anfrage nach Geld ist jeden Tag so groß, dass ich mich entschieden habe, nicht zu geben, sondern Lobbyarbeit zu betreiben und durch JRS (Jesuiten Flüchtlingsdienst) als Organisation zu helfen. Wir bauen Schulen, bilden Lehrer aus und geben verschiedene Kurse für Lehrer und Katecheten etc. Auch dies benötigt immer wieder finanzielle Mittel.  

Zu Konflikten kommt es auch immer wieder mit der Bevölkerung, die während des Krieges im Land geblieben ist. Diese erfahren sich immer wieder als die Verlierer: Sie schauen mit Neid auf die Heimkehrer und die Unterstützung, die diese von der UNO erhalten. Schwer wiegt auch, dass die Bevölkerung, die im Land geblieben ist, in den Kriegsjahren die Armee mit Nahrungsmitteln zu versorgen hatte, so dass der Krieg gegen den Norden weiter geführt werden konnte. Ihr Leben war hart und mit genauso viel Leid übersät wie das derer, die geflüchtet sind.  

Da heißt es für uns, beiden Seiten gerecht zu werden und Hilfe für beide anzubieten, damit der Konflikt nicht noch größer wird. Durch das Leben mit so vielen Flüchtlingen hier hat sich für mich eine neue Dimension in unserer Spiritualität eröffnet. Jedes Mal wenn ich mich und unsere Steyler Gemeinschaft hier vorstelle, dann erzähle ich auch von Arnold Janssen und dass er unsere Gemeinschaft als "Flüchtling" in den Niederlanden gegründet hat. Und große verständnisvolle Augen blicken mich an, wenn ich davon erzähle.

Der JRS hat in diesem Jahr 46 Schulen begleitet und wir haben gemerkt, dass es zuviele und die Entfernungen auch zu groß sind. Die Schulen, die uns UNHCR übertragen hatte, werden wir im kommenden Jahr nicht mehr betreuen. Dann bleiben uns immerhin noch 23 Schulen. Es sind immer noch einige Schulen im Bau und es fehlen noch so viele Schulen hier. Für viele Kinder dient anstelle des Klassenraums der Mangobaum.

Es ist jedoch nicht nur mit dem Bau von Schulen getan. Die Lehrer müssen begleitet und geschult werden. Die Leitungen brauchen Unterstützung usw. Der Staat bezahlt den Lehrern bislang noch kein Gehalt. So zahlen die Eltern ein Schulgeld und dieses erhalten die Lehrer als "kleinen Lohn". Für die kleinen Dorfschulen mit geringen Schülerzahlen ist es eine große Herausforderung. In einer solchen Schule stellen u. a. die Lehrer Holzkohle her und verkaufen diese etc. Eine einmalige sehr kleine "Vergütung" von Seiten des Staates, besser gesagt "Wertschätzung", haben jetzt einige Lehrer erhalten. Andere waren nicht auf der Liste, da sie später eingestiegen sind. Im Ganzen gesehen hat diese kleine Wertschätzung viel Unruhe gebracht. Lehrer, die nichts erhalten haben, sind nicht mehr zum Unterricht gekommen. Ganze Schulen haben gestreikt und wollten damit die Forderung für alle durchsetzen. Die Kinder kamen dadurch nicht mehr zur Schule und mussten nach dem Streik wieder motiviert werden zu kommen. Die Eltern wollten nicht mehr die Unterstützung / Schulgeld bezahlen, da die Lehrer ja ihren Lohn schon erhalten haben usw. Daneben gibt es die ganz normalen alltäglichen Schwierigkeiten: Die Schulen funktionieren manchmal nur von 11 bis 13 Uhr und große Pausen sind dazwischen. Die Lehrer sind nicht genügend qualifiziert etc. Es fehlt nach diesen über 20 Kriegsjahren einfach an allem: Zeitgefühl, Disziplin, Bildung etc.

Auch im handwerklichen Bereich sind wenige ausgebildet. Dazu ein eigenes Erlebnis. Als ich kam, war das Haus in dem ich wohne, fertig. Doch es gab noch keinen Schrank. Ich wurde gefragt, was ich für einen Schrank haben möchte. Ich sagte: "Halb zum Hängen und halb mit Fächern, um etwas hineinlegen zu können." Nach einigen Tagen bekam ich meinen Schrank. Er bestand aus drei Brettern (oben eines und die zwei Seiten), einer Stange zum Hängen und für die Schuhe hatten sie drei Latten schräg hineingenagelt, so dass ich schön meine Schuhe stellen konnte. Leider gab es in Yei keine Kleiderbügel zu kaufen. Nach ein paar weitereren Tagen hatte ich ein Brett organisiert, so dass ich wenigstens eine Ablage hatte. Aus einem Tuch habe ich mir einen Vorhang genäht. Inzwischen habe ich jetzt auch ein paar Bügel und vermisse gar nicht mehr einen richtig schönen Schrank. Vieles wird nebensächlich.

Haus- und Küchenarbeit sind mühsam und nicht so einfachDoch auch kleine Dinge können zu großen Herausforderungen werden, wie zum Beispiel Wasser. Unsere Köchinnen bekommen es häufig einfach nicht in den Griff, für uns genügend Wasser abzukochen. Da viel mitgenommen wird und die Korruption sehr hoch ist, wird alles hier unter Verschluss gehalten - so auch die Küchenvorräte und Töpfe. Wir können nicht mal so eben Wasser abkochen - manchmal bereitet mir dies Stress, wenn nicht genügend abgekochtes Wasser zur Verfügung steht. Jetzt haben unsere Köchinnen beschlossen, sonntags erst zum Gottesdienst zu gehen und dann zur Arbeit zu kommen. In den letzten Wochen mussten wir uns das Frühstück selber zubereiten - aber wie und vor allem mit was, das war die Frage. Brot ist nicht so schnell gebacken und wir sind immerhin 5 km aus dem Ort entfernt – da gibt es nichts zu kaufen. Wir hoffen und arbeiten daran, dass sich auch dies in den nächsten Wochen besser einspielt. 

Vor einigen Wochen war die Versorgung im Ort nicht so gut gesichert. Viele von den Dingen, die es sonst üblich hier zu kaufen gibt, gab es nicht mehr: Teebeutel, Kaffee, Margarine, Marmelade, Milchpulver etc. Die Regenzeit hatte die Straßen in Schlammpisten verwandelt. LKWs blieben auf der Strecke oder kippten um. Zum Teil war die einzige Verbindungsstrecke zu Uganda unpassierbar und damit die Versorgung abgeschnitten. Die Preise kletterten ins unerschwingliche - für Einheimische gar nicht zu bezahlen. Zum Glück hatten wir einige Vorräte und immer wieder brachte unser Auto, wenn es nach Arua/Uganda fuhr, Nachschub.

Nun noch etwas zu meiner Präsenz hier. Mein Dasein steht unter dem Schlagwort: Glaubensbildung -"Faith building". Im Bistum gibt es Bischof Erkolano und seine 12 aktiven Priester. 8 sind Gemeindepfarrer in 8 Pfarreien mit unzähligen Gemeinden. Dann gibt es noch die Comboni-Missionare und Schwestern in einer Gemeinde des Bistums. Der Aufbau von kleinen christlichen Gemeinden nach Ende des Krieges ist das Leitbild im Bistum. Katecheten, die in den Kriegsjahren ernannt wurden, haben keine fundierte Ausbildung erhalten. So soll in Zukunft mein Schwerpunkt in der Weiterbildung solcher Leiter bzw. Religionslehrer stehen und die Hilfe beim Aufbau kleiner christlicher Gemeinden.

In diesen ersten Wochen und Monaten bin ich überall mithin gegangen, um zu sehen und zu lernen.

Nach einigen Wochen bin ich mit den Lehrern einer kleinen Dorfschule angefangen, Bibelteilen zu machen. Das war recht mühsam, da es für sie ungewöhnlich war, sich in Glaubensdingen auszudrücken. Inzwischen läuft es recht gut, da ich einmal wöchentlich zu ihnen fahre und ich ein Vertrauensverhältnis aufbauen konnte. Sie kommen jetzt auch mit den Fragen, die die Kinder ihnen im Unterricht stellen. Und wir sind einen Schritt weitergegangen: ich gebe eine Einführung in die Bibel und die Evangelien.

In der ersten und zweiten Adventswoche bin ich mit zwei Priestern aus dem Bistum in deren Pfarreien unterwegs gewesen. Diese zwei Pfarrer begleiten gemeinsam diese zwei Pfarreien. Einer von ihnen ist Monsigneur Djokondo. Er ist der erste sudanesische Priester und auch der älteste. (siehe Foto).

Im Anschluss an Gottesdienst und Taufen - meist über 20 oder 30 Taufen, habe ich mit den Erwachsenen und Jugendlichen zum Thema "Leben in Zeiten von Aids - Aids eine Herausforderung für Christen" gearbeitet. Das war eine sehr schöne Erfahrung und einige Gemeinden waren sehr spontan und offen in ihren Äußerungen. Viele Männer gehen während der Schwangerschaft ihrer Ehefrauen zu (einer) anderen Frau(en). Damit ist die Ansteckungsgefahr natürlich sehr groß.

Für einige Gemeinden war es das erste Mal, dass sie Zugang zu diesen Infos hatten - zumal die Gemeinden, die weit von der "Hauptstraße" entfernt leben.

Es gibt zunehmend mehr Familien, die sich aus dem Busch heraustrauen und an zentraleren Orten niederlassen. So entstehen immer mehr und mehr Gemeinden unter den Mangobäumen. Eine echte Herausforderung für die Seelsorge - denn die meisten Gemeinden befinden sich im Aufbau. Viele der Priester und auch der Bischof sind zum Teil erst seit drei Jahren aus dem Exil zurückgekehrt. Da braucht es schon noch einen sehr langen Zeitraum, bis Gemeinden wieder aufgebaut sind und Gebräuche und Traditionen wachsen können.

 

Wie schnell Gewalt um sich greift ist manchmal erschreckend.

Neulich traf ich einen Mann im Gefängnis an, der um Schutz dort angefragt hatte. Er ist Krankenpfleger. So verabreichte er auch Spritzen und andere Medizin in dem kleinen Ort, wo er lebte. Ein Mann kam mit Typhus und Malaria zu ihm. Er verabreichte eine Injektion und dabei starb der Mann. Die Verwandten wollten ihn töten, weil er am Tod des Mannes aus ihrer Sicht schuldig wurde. Aus der Sicht des Krankenpflegers kam dieser Mann jedoch viel zu spät zur Behandlung.

Es befinden sich auch Frauen im Gefängnis, die vergewaltigt wurden. Sie wurden beim "Ehebruch" ertappt, so die hiesige Rechtslage, und dafür müssen "beide" ins Gefängnis. Einmal traf ich ein 10jähriges Mädchen an - die Eltern hatten sie an einen verheirateten Mann "verkauft". Der Mann war inzwischen frei - doch das Mädchen war noch im Gefängnis.

 

Andere Begebenheit lassen sich noch erzählen:

Geschieht ein Autounfall oder wird ein Fußgänger auch nur leicht durch das Auto berührt, so muss der Autofahrer damit rechnen, dass es ihm ans Leben geht.

Ein Auto einer NGO fuhr auf einer der größeren Straßen. Es hielt in sicherem Abstand von einer Brücke, da sich Menschen auf dieser befanden. Plötzlich fiel ein Radfahrer ins Wasser. Die Meute wollte den Autofahrer der NGO dafür verantwortlich machen.

Als ich im November von Kampala zurück kam, holten mich Bruder Leonard (aus Uganda) und unsere Sekretärin Esther (aus dem Sudan) (siehe Foto) vom "Airstrip" ab. Es hatte etwas geregnet und Leonard fuhr extra langsam an Fußgängern vorbei. Doch da die Straße so kaputt war, rutschte ein Reifen in die große Pfütze ab und bespritzte zwei Passanten. Einer der beiden war so aufgeregt und verärgert, dass er Leonard verprügeln wollte. Wir gaben Esther schnell etwas Geld, damit sie den Schaden behebe. Doch der zweite Mann lehnte ab. Er hatte gemerkt, wie vorsichtig Leonard gefahren war - es war halt passiert.

Eine der Fluggesellschaften "Eagelair" weigerte sich vor drei Wochen, eine sehr ernsthaft erkrankte Person in ihrem Flugzeug nach Kampala zu transportieren, weil die Gefahr bestand, dass diese Person unterwegs sterben könnte und dann die Fluggesellschaft dafür haftbar gemacht würde. Da es sich um eine Verwandte eines "höheren Politikers" handelt, musste die Fluggesellschaft ihr Büro in Yei schließen, die Verantwortlichen musste innerhalb von 24 Stunden das Land verlassen und die Flugzeuge von Eagelair bekamen keine Landeerlaubnis mehr in Yei.

UN-DP (Entwicklungsprogramm der UNO) gibt Trainingskurse für Polizisten, Gefängnisbeamte und Richter, wie sie mit bestimmten Situationen umgehen sollen und lehrt die Menschenrechte. Alles muss halt in diesem Land wieder neu eingeübt und trainiert werden. Das wird nicht von heute auf morgen gehen.

Generell lässt sich noch sagen, dass viele Menschen hungrig nach Bildung sind. Gerne nehmen sie jede Möglichkeit wahr, die ihnen geboten wird. Es gibt natürlich auch die anderen, die ihre Kinder, speziell die Mädchen, nicht zur Schule schicken. In den Gemeinden, in denen ich in dieser Adventszeit wa,r sind 95 Prozent Analphabeten. Und für viele Gemeinden im Busch ist es das erste Mal, dass eine Weiße und auch eine Ordensfrau ihre Gemeinde bzw. ihren Ort besucht.

Im Gefängnis treffe ich auch immer wieder Menschen an, die mit Fußketten aneinandergefesselt sind. Ein schwer zu ertragender Anblick und die Augen dieser Gefangenen zeigen mir so oft ihre Ausweglosigkeit. Leider kann ich mich oft nur durch diesen Blickkontakt mit ihnen verständigen und doch sagen diese Augen, wie schwer es ist, überall gemeinsam hinzugehen - noch nicht einmal auf die dreckige und elendige Latrine geht es allein. Es gibt für sie keinen Ort, um wirklich mal für sich zu sein.

Über die Situation im Gefängnis lässt sich noch sagen, dass es für die 50-70 Gefangenen keinen eigenen Brunnen im Gefängnis gibt. Die gefangenen Frauen müssen nachts Wasser für alle Gefangenen heranschleppen.

Auch bringen die Frauen ihre Kinder bis zum Alter von 7 Jahren mit ins Gefängnis. So sind z. Zt. 4 bis 6 Kinder da. Aber auch Kinder im Alter von 8 Jahren sind unter den Gefangenen, so ein Junge der von "jemandem" bezahlt wurde, um nachts Hütten anzustecken.

Und jedes Mal überrascht und berührt es mich neu, wenn mir ein Dank von einem Gefangenen für meinen Besuch ausgesprochen wird. Oder wenn ich mich durch Blickkontakt verständigen kann. "Dein Ort ist, wo Augen dich ansehen."

Immer wieder spüre ich die Notwendigkeit auch Juba-Arabic zu lernen. Es ist ganz anders als das klassische Arabisch des Sudan. Meine Bemühungen in Deutschland sind leider umsonst gewesen. In diesen Tagen bin ich angefangen, etwas intensiver an die Sprache heranzugehen, nachdem ich mir am Anfang selbst Zeit gegeben habe, um mein Englisch zu verbessern. Damit geht es inzwischen besser und jetzt will ich auch über die Begrüßungsformeln im Juba-Arabic hinaus. Esther wird mir dabei helfen.

Vom Konflikt in Malakal haben auch die deutschen Zeitungen vor einigen Wochen berichtet. Es sind viele Menschen getötet worden - einige Zeitungen sprechen von 300 Toten und 500 Verletzten. Malakal liegt ca. 620 km Luftlinie von Yei entfernt. Wir haben hier nichts von den Unruhen mitbekommen. Bei uns ist es weiterhin friedlich. Im Krankenhaus von Yei waren 95 Soldaten stationär, die mit drei Flugzeugen zur Behandlung nach hier gebracht worden sind. Wie die Situation in Malakal zur Zeit ist, kann ich nicht sagen, wir bekommen unsere Infos lediglich aus den ausländischen Medien. Malakal ist die Erdöl-Gegend und deshalb gehen dort die Kämpfe weiter.

Uns bereitet die Situation in Darfur Sorgen. Unsere JRS Mitstreiter/Innen sind von dort abgezogen worden. Die Situation war zu unsicher. Es scheint, dass die Weltöffentlichkeit nichts vom dortigen Massenmorden mitbekommen soll.

 

Am Freitag, den 22.Dezember 2006. haben wir unsere Arbeit für dieses Jahr abgeschlossen und gehen in die Weihnachtspause. Viele unserer Mitarbeiter haben ihre Familien in Uganda, auch Br. Leonard hat seine Gemeinschaft dort. So werde ich mit Esther auf unserem Grundstück die Stellung halten und an Weihnachten mit einer Gemeinde den Gottesdienst in Lazu feiern, das ist in der Nähe der Grenze zum Kongo. Und zwischen den Feiertagen findet ein Trainingskurs für Katecheten statt, an dem ich auch beteiligt bin. 

Meine Mitschwester Marie Jose wird mit den Flüchtlingen in Uganda feiern.

"Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden. Und alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt." (Lk 3,4f)

Viel habe ich in diesen Tagen darum gebetet, wenn wir durch diese "elendigen Straßen" gerüttelt und geschüttelt wurden, dass ER kommen möge und begradigen soll, was uneben ist. Nicht nur die Straßen, sondern auch die Herausforderungen im gesellschaftlichen und politischen Bereich, die kleinen und die großen Dinge. Und gerade in diesem Bruchstückhaften entdecke ich ihn - Sein Ort ist gerade da, da wo Augen mich ansehen.

Auch wenn wir uns zu diesem Weihnachtsfest und zum Jahreswechsel nicht in die Augen sehen können, so wünsche ich Euch allen durch diese Zeilen ein gesegnetes Weihnachtsfest und dass SEINE Präsenz für Euch durch Augen, die Euch im Jahr 2007 ansehen, spürbar wird.

 

Von Herzen Eure Sr. Petra Bigge

Yei, im Advent 2006

Sr. Petra Bigge SSpS