„Es müssten nur viel mehr Leute tun ….“ - Zum Nikolaustag auch einmal an die Armen denken

06.12.2010

Deutschland - Der Heilige Nikolaus ist nicht nur Schutzpatron der Kinder, sondern auch der Banker. Nikolaus wusste sein Geld richtig anzulegen, indem er es den Armen gab. Grund genug, sich einmal mit den Chancen des ethischen Investment auseinanderzusetzen. Der Vorsitzende des neu gegründeten Ethikausschusses der Steyler Bank, Dr. Klaus Gabriel, im Gespräch mit Tamara Häußler-Eisenmann über die Macht der Verbraucher, mit ihrem Geld die Welt zu verändern.

Herr Dr. Gabriel. Seit vielen Jahren beschäftigen Sie sich mit Nachhaltigkeit am Finanzmarkt. Welche Auswirkungen hatte die globale Finanzkrise auf den Bereich des ethischen Investments?

Die ethischen Banken haben zunächst einmal sehr viel Zulauf gehabt. Aber je mehr wir uns vom Auslöser dieser Finanzkrise entfernen, desto mehr lässt dieser Zustrom auch wieder nach, die Leute sind wieder mehr auf Rendite fixiert. Aber ich glaube ja, dass die Finanzkrise noch nicht vorbei ist. Vielmehr bin ich der Meinung, dass wir im Jahr drei der Finanzkrise sind und damit wird auch das Thema der ethischen Geldanlagen weiterhin lebendig bleiben. Aber insgesamt haben die Ethikbanken von diesem Thema sehr profitiert, weil auch einfach klar geworden ist: Es gibt Alternativen. Und das ist ja auch in den Medien sehr stark kommuniziert worden.  

Dr. GabrielWenn alle Banken so gehandelt hätten, wie die Steyler Bank – also nach klaren ethischen Kriterien – wäre es dann nie zu solche einer globalen Finanzkrise gekommen?

Ja, da ist was dran. Die Problematik bei der Finanzkrise ist ja, dass viele Dinge nicht mehr reflektiert worden sind. Die meisten Bankmanager haben ja gar nicht wirklich gewusst, was sie da gemacht haben und in welche Produkte sie da eigentlich investiert waren. Die Verantwortung wurde dann abgeschoben an eine Ratingagentur, einen Wirtschaftsprüfer, einen Aktienhändler. Jeder hat die Verantwortung noch ein wenig weiter abgegeben. Und das ist schon ein ethisches Grundproblem unserer Zeit: da viele Dinge komplexer werden, versucht man nicht mehr für die Dinge als solche Verantwortung übernehmen zu müssen, sondern nur noch Verantwortung auszulagern und sich selbst für den Fall der Fälle möglichst gut abzusichern. Eine ethische Bank informiert sich über die Bedingungen ihres Handelns, weil das ein Grundzug ethischen Handelns ist. Und das Gegenteil davon ist, dass ich die Verantwortung abschiebe. Das ist moralisch nicht verantwortbar.  

Dr. Gabriel, Sie sind gelernter Banker. Wie kommt ein Banker, der sich doch auf die Rendite konzentrieren sollte, darauf, sich mit Ethik auseinanderzusetzen?

Ich habe mich bei meiner Arbeit als Banker schon immer nach dem Sinn gefragt, was ich da tue. Während meines Studiums bin ich von dieser Wirtschafts- und Gerechtigkeitsfrage nie losgekommen. Aber ich habe während meines Volkswirtschaftsstudiums gemerkt, dass genau die spannenden Dinge dort nicht behandelt werden. Sie kriegen dort Methoden vermittelt, werden aber nicht angeleitet zur kritischen Reflektion dieser Theorien und Ideen, die hinter den verschiedenen volkswirtschaftlichen Konzepten stehen. Genau diese Fragen jedoch wurden mir dann im Theologie- und Philosophiestudium beantwortet. Hier habe ich gemerkt, dass dies die eigentlich interessanten wirtschaftlichen Studien sind. Denn es gibt in der christlichen Ethik eine sehr breite Auseinandersetzung mit den Gerechtigkeitsfragen in der Wirtschaft.

Was ist denn das Spezifische einer christlichen Ethik?

Eine christliche Ethik kann sich nicht darauf beschränken zu sagen, wir sind nicht in problematische Praktiken involviert und damit sind wir fein raus. Also zum Beispiel, dass man nicht in Rüstungsunternehmen investiert oder in Unternehmen und Wirtschaftspraktiken, die gegen Menschenrecht verstoßen. Das ist zwar sehr wichtig, aber darüber hinaus hat die christliche Ethik auch noch Sorge dafür zu tragen, dass diese Praktiken abgeschafft werden. Und da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Ich kann die Öffentlichkeit informieren, ich kann Menschen dafür sensibilisieren, ich kann Teil einer Bewegung gegen diese Praktiken werden. Und je glaubwürdiger ich in einem Bereich agiere, umso klarer kann ich das auch kommunizieren.  

Die meisten Banken agieren so: Wir bleiben bei unsere Geschäftsmodell, wozu auch unethische Geldanlagen gehören, aber wir legen zwei drei ethische Fonds auf, dann können wir damit allfällige Kundenanfragen abdecken. Wenn man es braucht holt man es aus der Schublade und sagt, das haben wir ja auch. Und diese Banken wundern sich jetzt, dass die Kunden ihnen das nicht abkaufen. Es ist halt nicht glaubwürdig und das merken die Kunden. Das ist übrigens ein Grund, warum die Steyler Bank seit Jahren ein so deutliches Wachstum verzeichnet. Die Kunden merken, dass die Steyler Bank bereits in ihren Grundzügen durchweg ethisch agiert.  

Ist die Steyler Bank besonders ethisch, weil ihre Gewinne nicht in Aktionärstaschen fließen, sondern direkt in die sozialen Projekte der Steyler Bank?

Ethik ist ja kein geschützter Begriff. Und unter Ethik kann man sehr viel verstehen. Das definiert auch jede Bank anders. Und ethische Verantwortung fällt auch oft sehr unterschiedlich aus. Ich würde sagen, es gibt mehrere Banken mit Zugängen zur Ethik. Es ist einfach eine Frage der Weltanschauung. Ich glaube im Wesentlichen kommt es darauf an, wie Verantwortung gelebt wird im Umgang mit Geld und dabei muss man sich auf bestimmte Werte beziehen. Und für eine christliche Bank, wie die Steyler Bank, ist es nun halt das Christentum. Und dort steht in letzter Konsequenz einmal das Liebesgebot. Es geht darum, das Gebot der Nächstenliebe auch in finanzwirtschaftlichen Kreisläufen ernst zu nehmen. Bei einer christlichen Geldanlage ist das Geld Zweck und nicht Selbstzweck. Die ethische Geldanlage bleibt zwar eine Geldanlage und ist keine Spende, sprich: das Geld soll erhalten bleiben und seinen Wert behalten. unter christlichen Gesichtspunkten heißt das aber nicht, dass ich auf Teufel komm raus Gewinne maximieren muss. Da gibt es einfach andere Werte aus einer christlichen Sicht, die über den Erträgen stehen. Es gibt Dinge, die wichtiger sind als eine bloße Geldanlage oder eine bloße Rendite. Es geht um Renditeoptimierung, aber nicht um Renditemaximierung.  

Dass bei der Steyler Bank nicht nur Ethik drauf steht, sondern auch drin ist, beweist zuletzt sicherlich auch der neu geschaffene Ethikausschuss, dem sie als Vorsitzender vorstehen. Warum wurde dieser bisher nicht gebraucht?

Der Ethikausschuss wurde bisher nicht gebraucht, weil die Geschäftsführung durch ihr Engagement und ihre Beteiligung an verschiedenen Initiativen - beispielsweise bei CRIC - ihre Reflexionsräume hatte und moralische Fragen der Geldanlage schon in anderen Kontexten erörtert wurden. Im Laufe der Zeit jedoch hat sich für die Geschäftsführung herausgestellt, dass sie zu bestimmten sehr spezifischen Fragestellungen gerne Unterstützung hätte. Sie wollte zur Abrundung oder Reflexion ihrer Entscheidungen ein kritisches Gremium haben, das ihnen Hinweise gibt, was sie besser machen kann, sie aber auch bestätigt oder kritisiert. Eine unserer ersten Aufgaben werden sein, herauszuarbeiten, was sind die ethischen Werte der Steyler Bank und wie können die nach außen kommuniziert werden. Und dann sicherlich die Frage, wie die ethischen Kriterien, mit denen die Bank arbeitet, begründbar sind. Also die Frage, ob die bestehenden Kriterien die Ethik der Bank abdecken oder ergänzt und verändert werden müssen.  

Und dann diskutieren wir sicherlich auch die Frage, was mit Unternehmen passiert, in die die Bank bisher investiert hat und wo die Ratingagentur plötzlich sagt, dass sie gegen Kriterien, die die Bank festgelegt hat, verstößt. Früher hat man es einfach so gemacht, dass man das Unternehmen rausgeworfen hat. Mittlerweile aber gibt es den Begriff des Engagements. Also nicht nur ein Unternehmen reinnehmen oder rauswerfen, sondern verschiedene Szenarien entwickeln, um mit dem Unternehmen zum Beispiel auch einmal einen kritischen Dialog zu führen. Um über die Öffentlichkeit diese Bedenken zu kommunizieren. Somit kann man Druck auf das Unternehmen ausüben. Engagement schaut zum Beispiel so aus, dass der Investor dem Unternehmen einen Brief schreibt, indem ihm mitgeteilt wird, dass es gegen bestimmte Ethik-Kriterien des Investors verstößt und man keine Möglichkeit hat, weiterhin in das Unternehmen zu investieren. Das Unternehmen erkennt dann, dass es nicht egal ist, wie es wirtschaftet, sondern dass es Akteure gibt, die auf die ethische, soziale und ökologische Performance eines Unternehmens achtet. Und das erzeugt wiederrum in diesem Unternehmen vielleicht eine Bereitschaft, in diesen Bereich der Nachhaltigkeit mehr zu investieren.  

Da geht es ums Sensibilisieren. Aber hört ein Weltunternehmen wie BP beispielsweise auf eine kleine Bank wie die Steyler Bank?

Das ist richtig. BP wird sich wahrscheinlich nicht dran kratzen. Ich kann mich aber trotzdem nicht herausreden nach dem Motto, es hat eh keine Wirkung, deshalb brauch ich es auch nicht zu machen. Mittlerweile gibt es ja auch viel mehr Investoren, die in diese Richtung zielen. Und wenn sich halt zehn Steyler Banken bei BP melden, dann wird sich BP sicherlich auch einmal etwas dazu denken. Von daher macht es sicherlich Sinn. Es gibt auch eine ganze Bandbreite von Möglichkeiten: Man kann sich organisieren, man kann mit anderen Investoren gemeinsam eine Resolution verabschieden. Man kann es öffentlich kommunizieren, man kann es politisch kommunizieren. Es gibt also eine Reihe von Möglichkeiten, die offen stehen.

Insgesamt haben Sie aber schon Recht. Das Volumen der ethischen Geldanlagen ist tatsächlich noch zu gering noch, um eine Kapitalwirkung zu entfalten. Aber dennoch muss man sich mit der Wirkung beschäftigen. Das grundlegende Ziel im ethischen Investment ist ja nicht, durch sein ethisches Investment ein reines Gewissen oder eine weiße Weste zu haben, sondern um tatsächlich in der Praxis etwas zu verändern.  

Aber um eine Wirkung zu erzielen, müssen mehr Leute mitmachen, oder?

Wenn Sie die Kapitalwirkung ansprechen, ist das sicherlich zutreffend.. Das war ja die ursprüngliche Idee, dass man sagt, Investoren aus ethischen Gründen nicht in Unternehmen investieren, müssen diese teurer oder umständlicher woanders Kapital aufnehmen. Ein ökonomischer Effekt dessen wäre dann, dass diese unethischen Unternehmen sagen, okay, dann lass ich mich eben auf Ethik und Nachhaltigkeit ein, um Kosten zu sparen. Dafür braucht es aber eine kritische Masse und die ist noch lange nicht erreicht. Die jetzt man Markt für ethische Geldanlagen befindlichen Summen liegt in Deutschland derzeit so um die zwei Prozent. Das ist noch zu wenig.  

Wieviel müsste es sein?

Wenn zehn oder zwanzig Prozent der Gelder nach konkreten ethischen Kriterien angelegt wären, hätte das am Kapitalmarkt vermutlich bereits entsprechende Auswirkungen. Nämlich in der Verteuerung der Finanzierungskosten der Unternehmen. Das heißt, der Effekt ist möglich, es müssten nur viel mehr Leute ihr Geld ethisch investieren.  

Und daran muss man arbeiten…

Ja und da gibt es verschiedene Hebel. Wenn die öffentliche Hand beispielsweise entscheiden würden, wir legen unser Geld jetzt auch nur nach ethischen Kriterien an, wäre das ein Riesenhebel. Ebenso, wenn die großen Versicherungen mitmachen würden. Dann käme eine riesige Schwungmasse in Gang. Und dann könnte man tatsächlich auch über diese Kapitalwirkung etwas erreichen.  

Und neben dieser Kapitalwirkung gibt es dann noch die Kommunikation …

Genau. Das ist das Engagement. Man versucht durch das eigene Verhalten als ethischer Investor darauf hinzuweisen, dass es Leute gibt, die darauf schauen, ob ein Unternehmen etwa gegen Menschenrechte verstößt und macht das zum Gegenstand seiner Anlagepolitik. Die Kunden finden das in der Regel sehr interessant und werden nachdenklich. Sie sagen dann vielleicht: Ich kaufe auch meine Lebensmittel im Biomarkt und meine Fairtradeprodukte, warum schau ich eigentlich nicht bei der Geldanlage drauf? Die Steyler Bank will ja auch nicht herausstellen, dass sie die beste oder einzige Ethikbank der Welt wäre, sondern ihr geht es um eine Veränderung des Finanzmarktes und damit letztlich um die Lebensbedingungen der Menschen weltweit. Die Risiken, die vom Finanzmarkt ausgehen, die sozialen Verwerfungen und Verzerrungen des Finanzmarktes, betreffen ja auch sehr stark die Arbeit der Steyler Missionare. Es geht der Steyler Bank daher in einem größeren Kontext um eine Veränderung der Funktionsweisen des Finanzmarktes.  

Vielen Dank für das Gespräch!

02.12.2010 | Tamara Häußler-Eisenmann