„Mein persönliches Zeugnis gegen jeden Missbrauch von Sexualität und Liebe“

07.02.2012

Steyl / Niederlande - Am Freitag, 10. Februar wird Severin Parzinger seine Erstgelübde bei den Steyler Missionaren in Steyl ablegen. Mit seinem Noviziatsleiter Nobert Cuypers hat Severin über Gelübde, „berufen-sein“ und „Glück“ gesprochen.

Am 10. Februar wirst du deine ersten Gelübde als Ordensmann ablegen. Kannst du kurz sagen, welche Gelübde das sind und was sie dir bedeuten?

„Die drei Gelübde, die ich versprechen werde, sind Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam. Das Gelübde der Armut beinhaltet für mich mehr als nur einen einfachen Lebensstil. Dieser gehört natürlich ganz klar dazu. Darüber hinaus aber und vor allem bedeutet dieses Gelübde mir, alles loszulassen, mir meine persönliche Begrenztheit und Abhängigkeiten einzugestehen. Das Armutsversprechen richtet sich gegen jede materielle, oberflächliche Befriedigung von Bedürfnissen. Dieses Gelübde ist mein Ausdruck der gelebten Solidarität mit den armen und randständigen Menschen. Es ist mein „Ja“ zum Leben.


Mit den gewohnten Bezeichnungen für das zweite Gelübde, Ehelosigkeit oder Keuschheit, kann ich persönlich nicht viel anfangen. Sie klingen für mich negativ oder althergeholt. Ich würde die damit gemeinte Lebensentscheidung eher „Gelübde der Liebe“ oder „Gelübde der Hingabe“ nennen. Denn es geht dabei für mich nicht nur darum, keine Beziehung mit einer Frau zu haben oder Verzicht auf Sex. Vielmehr soll es meine Haltung sein, alles Gott hinzuhalten, mich ihm ganz zu überlassen, bedingungslos. Es bedeutet Lieben statt Beherrschen, Schenken statt Nehmen und Rauben. Das Gelübde der Liebe ist mein persönliches Zeugnis gegen jeden Missbrauch von Sexualität und Liebe. Mein „Ja“ zur Liebe.


Ebenso kommt es für mich beim Gelübde des Gehorsams nicht darauf an, sich alles diktieren zu lassen oder nur Befehlen zu gehorchen. Sondern die Welt so wahrzunehmen, wie sie ist, alles das anzunehmen, was das Leben mir bringt. Das Gehorsamsgelübde ist ein klarer Protest gegen jede Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen und Natur. Aber auch gegen unsere „Beweissucht“, immer alles genau wissen zu wollen, bis ins kleinste Detail; „Ich glaube nur das, was du mir zeigen und beweisen kannst!“. Das ist meiner Meinung nach zu kurz gegriffen. Ein gelebtes, grenzenloses Vertrauen in Gott und die Mitmenschen dagegen findet seinen Ausdruck im Gehorsamsgelübde. Und Vertrauen kann man nicht beweisen. Mein klares „Ja“ zu Freiheit und Vertrauen.“


Du hast Dich in Deiner Vorbereitungszeit ja intensiv mit den Gelübden auseinandergesetzt…

„Ja klar. Dabei war ich dann ziemlich überrascht, als ich feststellte: Diese Gelübde, das ist ja gar nichts Neues in meinem Leben, nichts Aufgesetztes. Sie sind vielmehr die kontinuierliche Fortführung dessen, was in meinem bisherigen Leben schon präsent und prägend war, was jeder Mensch in unterschiedlicher Weise lebt, bewusst oder unbewusst. Das Versprechen der Gelübde ist mein bewusstes „Ja“ zu dem Leben, das Gott mir schenkt; ein vertrauensvolles „Ja“ zu meiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.“


Als Du Dich vor einem Jahr entschieden hast, Dich den Steyler Missionaren anzuschließen… Was heißt es für Dich „Ich bin berufen!“

„Berufen sein“ bedeutet für mich in erster Linie „Gerufen sein“. Gott ruft mir zu, er sieht mich an und ruft mich zu sich: „Komm, folge mir!“ So, wie im Evangelium Jesus seine Jünger rief. Der persönliche Gott, der mich anschaut, der sich nach mir sehnt, mich ganz individuell ruft und zu mir sagt: „Komm mit, ich hab noch mehr vor mit dir.“ Gott hat einen Plan für meinen Lebensweg, für mich und für jeden Menschen, und er will diesen Weg mit mir gehen. Dabei bin ich immer wieder erschüttert und bestaune die radikale Überzeugungskraft der Worte Gottes, der Bibel: „… und sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm … und sie ließen ihren Vater im Boot zurück“. Wenn sich ein Paar erinnert, wie sie ihren zukünftigen Ehepartner kennen lernten und das Gefühl hatten: „Der oder die ist es! Das ist der Mensch, mit dem ich mein weiteres Leben verbringen will!“ Und nichts konnte sie mehr davon abhalten. Die gleiche radikale Überzeugungskraft des Rufes Gottes, in der Liebe. Gott ruft uns, immer wieder, jeden Tag neu. Und er wartet auf unsere Antwort. Für mich ist der tägliche Ruf Gottes Zusage und Herausforderung zugleich. Ich bin nicht berufen, sondern ich werde gerufen.“


Woher nimmst du die Sicherheit, dass dich ein Leben mit diesen drei Versprechen glücklich machen kann?

Sicherheit habe ich keineswegs. Gewissheit zum Glücklich-Sein gibt es wohl auch nicht. Aber ich gehe mit großem Vertrauen in Gott und die Zukunft darauf zu – aus der Erfahrung, dass dieser Lebensstil mich auch bisher glücklich gemacht hat. Ich spüre, dass diese Entscheidung im Moment die richtige für mich ist, ich habe ein gutes Gefühl dabei. Vielleicht ist es ein wenig wie mit dem Fisch, der im Wasser glücklich ist, dort ganz „in seinem Element“ ist und nur dort glücklich leben kann.


Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute auf Deinem weiteren Weg.

 

Die Erstgelübdefeier findet am 10. Februar um 10.45 in der Unterkirche der Steyler Missionare im niederländischen Steyl statt.

Severin Parzinger, 23 Jahre, ging nach dem Abitur für 20 Monate als Missionar auf Zeit mit den Steyler Missionaren nach Bolivien. Im Herbst 2010 trat er in die Steyler Ordensgemeinschaft ein und legt am 10. Februar 2012 in dieser Gemeinschaft die ersten zeitlichen Gelübde ab. Die Fragen stellte Pater Norbert Cuypers SVD

Tamara Häußler Eisenmann
 
Severin Parzinger mit seinem Noviziatsleiter Norbert Cuypers (c) steyler missionarezoom
Severin Parzinger mit seinem Noviziatsleiter Norbert Cuypers (c) steyler missionare
Severin Parzinger im MaZ-Einsatz (c) steyler missionarezoom
Severin Parzinger im MaZ-Einsatz (c) steyler missionare