„Den Mut haben, die Wahrheit zu sagen“

03.08.2012

Seit drei Wochen ist Pater Heinz Kulüke der neue Generalsuperior der Steyler Missionare. Bei seinem Besuch im Mutterhaus in Steyl sprach der 56-Jährige mit Corinna Rogge über schlaflose Nächte, Gottes Pläne und die Bedeutung der Steyler Laien.

Guten Tag, Herr Generalsuperior. Herzlichen Glückwunsch zur Wahl. Ihre Mitbrüder setzen großes Vertrauen in Sie, Sie zum Chef des siebtgrößten Männerordens weltweit zu machen.
Die Wahl bedeutet in der Tat ein großes Vertrauen meiner Mitbrüder. Schon bei den vergangenen Generalkapiteln in den Jahren 2000 und 2006 gab es Anzeichen dafür, dass ich irgendwann einmal in Rom arbeiten muss, aber damals hatte ich wirklich keine Zeit. Ich wollte mit meiner Arbeit für die Armen auf den Philippinen weitermachen. Als jetzt schon wieder mein Name auf der Liste stand, bekam ich zunächst furchtbare Angst. Ich hatte zitternde Knie und schlaflose Nächte.

Warum das?
Meine Pläne waren fertig. Ich wollte zurück auf die Philippinen. Ich wollte zusammen mit den Menschen in den Slums leben und dort auch arbeiten. Aber dann habe ich mich gefragt: Was will Gott von mir? Will er vielleicht mehr für mich, als dass ich in den Slums lebe und meinen Weg auf den Philippinen weitergehe. Vielleicht will er ja, dass ich diese Projekte auch in anderen Ländern initiiere.

Was sind für Sie denn die großen Themen, an denen die Steyler in den nächsten Jahren auch weiterarbeiten sollen?
Also ich möchte etwas für die Menschen tun, die mir am Herzen liegen und das sind die, die am Rande der Gesellschaft leben. Also Menschen auf Mülldeponien, Menschen in verarmten Fischerdörfern, Straßenkinder, Mädchen, die in Rotlichtmilieus ausgebeutet werden. Überhaupt ist der Menschenhandel weltweit ein großes Thema, ebenso wie Migration ein großes Thema ist. Ich denke, in dieser Richtung werde ich auch weiterarbeiten. Mit dem großen Netzwerk, das die Steyler haben, können wir viel erreichen. Und damit meine ich nicht nur die Steyler Brüder und Patres, sondern auch unsere Missionsschwestern, die Anbetungsschwestern, die Missionarinnen und Missionare auf Zeit und alle Menschen, die uns nahe sind. Ganz wichtig dabei sind auch die vielen Laienmitarbeiterinnen und –mitarbeiter. Alle sind sehr wichtig für uns, damit wir diese große Arbeit machen können.

Darüber hinaus geht mir ein Gedanke nicht aus dem Kopf: Wir haben in den letzten Jahren vielen vielen Leute geholfen. Das geht in die Tausende – weltweit. Aber: Die Armen werden immer mehr. Wir haben auf den Philippinen mit 1.000 Menschen auf den Müllhalden angefangen. Heute sind es 6.000. Ähnlich ist es bei Straßenkindern und mit Mädchen in Rotlichtmilieus. Die Anzahl der Armen steigt drastisch. Und da stelle ich die Frage: Warum sind die Armen arm? Wir müssen den Mut haben, diese Frage zu stellen. Es gibt einfach Strukturen, die nicht verantwortbar sind. Strukturen, die wir als Menschen nicht hinnehmen können. Als Christinnen und Christen haben wir eine ganz große Verantwortung nach der Wahrheit zu suchen.

Sie meinen also, dass die Welt die Steyler Missionare – einen Missionsorden - braucht?
Wir laufen ja nicht herum, fangen Heiden ein und taufen sie. Das ist ja längst vorbei. Im Grunde geht es um einen mutigen Einsatz für Wahrheit und Gerechtigkeit. „Wo immer ich meine Wahrheit gefunden habe, da habe ich Gott gefunden“, hat der heilige Augustinus einmal gesagt und darum geht es. Wir müssen einfach den Mut haben, uns für Wahrheit und Gerechtigkeit einzusetzen. Und wenn dann die Frage gestellt wird, wird ein Missionsorden gebraucht, werden die Steyler Missionare gebraucht, dann ist die Antwort darauf ein ganz klares Ja.

Und dann glaube ich auch - auch wenn es in der Kirche nicht besonders beliebt ist - dass wir die Stimme der Armen sein müssen. Dass wir mit unseren Steyler Strukturen, mit unseren Vertretern bei den Vereinten Nationen, Vivat International, auch den Mut haben müssen, den Entscheidungsträgern die Sachen so vorzulegen, wie sie in der Tat sind.

Im Übrigen braucht die Welt nicht nur die Steyler, sondern auch die anderen religiösen Gemeinschaften. Das war ja schon zurzeit Arnold Janssens so: die Zusammenarbeit mit Laien. All die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ähnlich wie wir, aus dem religiösen Glauben heraus hochmotiviert sind das Wort Gottes im Alltag umsetzen. Die Samaritergeschichte ist für mich persönlich ganz wichtig. Ich habe immer betont, nicht vorbeizugehen, wenn unsere Hilfe als Steyler Missionarinnen und Missionare gebraucht wird. Das gilt für die Anbetungsschwestern, die Missionsschwestern, die Missionare, und unsere Mitarbeiter weltweit.

Vielen Dank für dieses Gespräch und wir wünschen Ihnen einen guten Start in Rom.

Corinna Rogge