Kein Fest für Angsthasen

22.12.2014

Sankt Augustin / Deutschland - Als Kind habe ich viel und gerne auf der Straße vor unserem Haus gespielt, so wie viele meiner Schulkameraden auch. Besonders beliebt war bei uns ‚Wer fürchtet sich vor dem schwarzen Mann?‘

Pater Norbert Cuypers SVD 
Pater Norbert Cuypers SVD

Wobei schwarz damals – politisch nicht korrekt – ganz unbedarft ein Synonym für „böse“ war. Ein Kind rief es den anderen zu. „Niemand!" – „Wenn er aber kommt?" wurde nachgefragt. – „Dann laufen wir!" In diesem Spiel kommt für mich eine Grunderfahrung von uns Menschen zum Ausdruck: Angst und Furcht ist jedem von uns schon einmal begegnet. Manch einer wird sogar als „Angsthase“ ausgelacht und verspottet, weil er oder sie sich im Leben scheinbar überhaupt nichts mehr zutraut.


Im ersten Buch der Bibel, der Genesis, wird davon berichtet, dass Adam und Eva sich erst dann vor ihrem Schöpfer zu fürchten begannen, als sie sich als nackt erkannten. Das will heißen: sie fühlen sich bloßgestellt, spürten instinktiv, dass durch ihr Fehlverhalten ihre Beziehung zu Gott empfindlich gestört war. Muss ich mich also in meinem Leben auch vor Gott fürchten, weil ich immer wieder Fehler mache? Ist Gott schlussendlich gar der „schwarze Mann“, vor dem ich Angst haben muss und vor dem ich weglaufe, in der Hoffnung, dass er mich nicht einfängt? Er ist doch der „Richter“, der mich für meine bösen Taten verurteilen wird. Wir spüren sofort: Solch ein Gottesbild engt ein und macht den Menschen letztlich unfrei.


Vor Gott Angst haben führt nicht zum Leben und ist überhaupt nicht biblisch. Ganz im Gegenteil. Menschen, die es in ihrem Leben mit Gott zu tun bekamen, wurden immer wieder von Gott selbst oder seinen Boten angesprochen: „Fürchte dich nicht!“. Das war in Nazareth so, als eine junge Frau namens Maria die Verheißung bekam, die Mutter Jesu zu werden. Das war auf den Feldern von Bethlehem so, als der Engel den Hirten die Botschaft von Jesu Geburt überbrachte. Nicht anders war es schließlich bei der Begegnung zwischen dem auferstandenen Christus und seinen Freunden am See von Tiberias. Wer die ganze Heilige Schrift gelesen hat, der weiß: Gott ist ein Liebhaber des Lebens und damit auch ein Freund des Menschen. Warum sonst feiern wir in den kommenden Tagen seine Menschwerdung?


Die Botschaft von Weihnachten lehrt mich also nicht, vor Gott Angst zu haben, sondern vielmehr, mich auf die Freundschaft mit ihm einzulassen und damit das Abenteuer meiner eigenen Menschwerdung zu wagen. Menschen, die aus Liebe zu Gott lebten, hatten keine Angst vor ihrem Leben. Im Gegenteil, sie wurden dadurch zu mutigen und starken Persönlichkeiten. Teresa von Avila, die spanische Mystikerin aus dem 16, Jahrhundert, die von ihren Mitschwestern und den Kirchenvertretern so oft missverstanden und abgelehnt wurde, war beispielsweise solch eine Persönlichkeit. Von ihr ist der Satz überliefert: „Nichts beunruhige dich, nichts ängstige dich: Wer Gott hat, dem fehlt nichts.“ Aus dieser Überzeugung zu leben heißt dann vielleicht für mich heute, dass ich mich am Arbeitsplatz für mein Christsein nicht zu schämen brauche, auch wenn ich den Spott meiner Kollegen zu erwarten habe oder dass ich meinen Stammtischbrüdern in ihren sexistischen oder gar rassistischen Sprüchen auch einmal zu widersprechen wage, wo sie mit ihren Bemerkungen deutlich übers Ziel hinausschießen. Das ist nicht immer einfach, aber gerade an Weihnachten wird auch mir Mut zugesprochen: „Fürchte dich nicht!“

Norbert Cuypers