Kinderarbeit für Schokohasen?

18.04.2011

Afrika / - Ostern locken wieder die Schokohasen. Was viele nicht wissen: Für unsere süße Versuchung müssen auch Kinder auf afrikanischen Kakaoplantagen bis zum Umfallen schuften. Die Industrie gelobt seit Jahren Besserung. Leider erreichen die begonnenen Projekte bislang erst einen kleinen Teil der Kakaobauern!

Wolfgang Hardt wird der nächste Bissen Schokolade nicht mehr so süß schmecken wie früher. Das steht für den Journalisten fest. Für die aktuelle Ausgabe der „stadtgottes“, herausgegeben von den Steyler Missionaren, die sich in über 70 Ländern weltweit für bessere Lebensbedingungen aller Menschen einsetzen, schrieb der 42-Jährige eine Reportage über die katastrophalen Arbeitsbedingungen der Menschen auf rund 800.000 Kakaoplantagen der Elfenbeinküste. „Bei meinen Recherchen waren die aktuellen Studien des Südwind-Instituts, das sich für wirtschaftliche, soziale und ökologische Gerechtigkeit weltweit einsetzt, Gold wert. Friedel Hütz-Adams, der Autor der Studien, beschäftigt sich seit einigen Jahren mit den sozialen Problemen in den Kakaoanbaugebieten,“ erklärt Hardt.

820.000 Kinder schuften unter unwürdigen Bedingungen für unseren Gaumenschmauss
„Man muss sich die Zahlen einmal auf der Zunge zergehen lassen. Allein in der Elfenbeinküste arbeiten 820.000 Kinder in der Kakaobranche. 260.000 von ihnen so hart, dass es gegen die Konventionen der Vereinten Nationen verstößt“, so stadtgottes-Redakteur Wolfgang Hardt weiter. Friedel Hütz-Adams von Südwind sieht den Grund dafür in der Einkommenssituation der Bauern: „Für viele von ihnen ist das Anheuern von Aushilfen während der Erntezeit schlichtweg nicht finanzierbar.“

Ein Deutscher isst durchschnittlich elf Kilogramm Schokolade pro Jahr, ein Schweizer zehn. Dass sowohl die Kinder als auch die Plantagenbesitzer in völliger Abhängigkeit von den internationalen Kakaopreisen leben, weiß kaum jemand. Während die weltweite Schokoladenindustrie jährlich einen Umsatz von rund 70 Milliarden Euro macht, erhalten die Bauern von den Aufkäufern der Kakaobohnen, den „Pisteurs“, im Schnitt 75 Cent pro Kilo – die Grundlage für rund 40 Tafeln Schokolade. Preisgarantien gibt es keine. Hinzu kommen korrupte Beamte und Wegelagerer, die beim Transport der Bohnen an Kontrollstellen ihren ganz persönlichen „Zoll“ haben wollen. Deshalb sparen die Bauern bei der einzigen kalkulierbaren Größe: der Arbeitskraft. Und Kinder sind am billigsten. In der Regel sind es sogar die eigenen, die die Bauern bei der Ernte einsetzen.

Kindersklaven im Einsatz – damit es noch billiger wird
Ganz unten in der Hierarchie der Arbeiter stehen jedoch fremde Kinder aus den umliegenden, noch ärmeren Ländern wie Mali, Burkina Faso, Togo oder Benin. Sie werden von Menschenhändlern auf die Plantagen der Elfenbeinküste verkauft. Ihre Besitzer beuten sie unbegrenzt aus und halten sie wie Sklaven. Ein Kind, um die zehn Jahre alt, kostet 120 Euro. Je niedriger der Kakaopreis, desto eher bedienen sich die Plantagenbesitzer bei den Menschenhändlern. „Das Dramatische ist, dass die Kinder, die zu Sklaven gemacht werden, von ihren eigenen Eltern an die Menschenhändler verkauft werden“, wurde Wolfgang Hardt bei seinen Recherchen berichtet. Ihre Eltern sind so arm, dass sie oft keinen anderen Ausweg sehen, als ihre Kinder an die Menschenhändler zu verkaufen. Das Geschäft wird zumeist beim Abendessen mit dem Familienoberhaupt besiegelt. Die Eltern hoffen, dass die Kinder in der Elfenbeinküste eine bessere Zukunft haben.
Selbst wenn es die eigenen Kinder sind, die auf den Plantagen der Bauern arbeiten, sind die Folgen oft massiv: „Die Kinder, haben ohne Schulbildung kaum eine Perspektive, später aus ihrer Armut herauszukommen“, erklärt Friedel Hütz-Adams von Südwind. Der 44-Jährige hat mittlerweile die dritte Studie über die sozialen Missstände im Kakaosektor erstellt.

Lippenbekenntnisse der Industrie
In den Südwind-Studien wird deutlich, dass das Problem Kinderarbeit bei den großen Schokoladenherstellern wie Kraft Foods, Nestlé, Mars oder Ferrero schon lange bekannt ist. 2001 haben die Verbände der Kakao- und Schokoladenindustrie das Harkin-Engel-Protokoll unterzeichnet. In der freiwilligen Vereinbarung verpflichteten sie sich, bis 2004 die schlimmsten Formen der Kinderarbeit zu beenden: Zwangsarbeit, Tätigkeiten, die ein Kind dauerhaft vom Schulbesuch abhalten, das Tragen schwerer Lasten sowie der Umgang mit giftigen Substanzen und mit der Machete.

Die Wirklichkeit sieht anders aus: „Die Umsetzungsfristen des Protokolls“, so Hütz-Adams, „wurden mehrfach verlängert, und es zeichnet sich bis heute nicht ab, wann es vollständig erfüllt sein wird.“ Außerdem verlangte die Vereinbarung von den Schokoladenkonzernen, dass sie eine Stiftung gründen, die Entwicklungsarbeit in den Kakaogebieten leistet. So entstand 2002 die International Cocoa Initiative (ICI). Sie führt Projekte zur Bildung und zum Thema Kinderarbeit durch. Bei seinen Recherchen wurde Wolfgang Hardt jedoch berichtet, dass „vielerorts kaum mehr als ein Vortrag über Kinderarbeit gehalten wurde. Keine konkrete Hilfe.“

Es scheint, dass solche Projekte höchstens ein Tropfen auf den heißen Stein sind. Das Payson Center for International Development and Technology Transfer an der Tulane University in New Orleans hat die Wirkung des Harkin-Engel-Protokolls untersucht. Eindeutige Ergebnisse? Fehlanzeige. Klar ist: Lediglich 2,4 Prozent der Kinder im Alter zwischen fünf und 17 Jahren in den Kakaoanbaugebieten der Elfenbeinküste hatten überhaupt Kontakt zu einem der Projekte. Und: Nach wie vor gibt es Akteure im Produktionsprozess, die schlicht abstreiten, dass es Kinderarbeit auf den Plantagen gibt.

Konsumenten können etwas tun!
Ein erster Schritt kann die Nachfrage nach dem Ursprung und den Anbaubedingungen von Kakao- und Schokoladeprodukten sein. Derzeit gibt es im Kakaobereich neben einigen kleinen Organisationen drei größere Zertifizierer, die die Einhaltung von sozialen und ökologischen Standards überprüfen und die Produkte mit entsprechenden Siegeln versehen: Fairtrade Labelling Organizations International (FLO), Rainforest Alliance und Utz Certified. Das Siegel garantiert, dass beim Anbau des Kakaos soziale und ökologische Mindeststandards eingehalten wurden. Die Bauern erhalten für den zertifizierten Kakao von Fairtrade einen garantierten Mindestpreis, der ihnen ein menschenwürdiges Mindesteinkommen sichert, sowie eine Prämie, mit der Sozialleistungen finanziert werden. „Allerdings“, so fasst Friedel Hütz-Adams zusammen „hat der faire Handel bisher nur knapp ein Prozent Anteil am deutschen Markt für Produkte aus Kakao.“

Ganz auf Schokolade verzichten will stadtgottes-Redakteur Wolfgang Hardt aber letztlich nicht: „Vor allem auch deshalb, weil ich nicht glaube, dass es den Kakaobauern letztlich etwas nützt, wenn wir auf Schokolade verzichten. Was ihnen hilft, sind höhere und langfristig stabile Preise für die Kakaobohnen. Dann bräuchten sie nicht mehr die billige Arbeitskraft von Kindern. Hier ist die Industrie gefragt, aber auch der Verbraucher, der höhere Preise akzeptieren müsste. Fairtrade-Produkte sind ein wichtiger Schritt. Außerdem müssten Unternehmen per Gesetz dazu verpflichtet werden, in ihrer Lieferantenkette keine Kinderarbeit zu dulden. Immer noch stehlen sie sich aus der Verantwortung, indem sie achselzuckend darauf hinweisen, dass sie für die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen ja nicht verantwortlich seien.“

Kontakt:
Friedel Hütz-Adams, Südwind: E-Mail: huetz-adams@suedwind-institut.de, Tel.: 02241-259 735
Tamara Häußler-Eisenmann, Pressesprecherin Steyler Missionare: E-Mail: pr@steyler.de; Tel.: 02241-237-757

Wolfgang Hardt, Tamara Häußler-Eisenmann
 
Vom bitteren Kakao zur süßen Schokolade. Foto: ©Vera Schmacher Suedwind 
Vom bitteren Kakao zur süßen Schokolade. Foto: ©Vera Schmacher Suedwind
Bei der Kakaofrucht erinnert zunächst nichts an Schokolade. Foto: ©GEPA The Fair Trade Company Anne Welsing 
Bei der Kakaofrucht erinnert zunächst nichts an Schokolade. Foto: ©GEPA The Fair Trade Company Anne Welsing
Wolfgang Hardt kennt die dunklen Seiten der Schokolade. Foto: ©Achim Hehn
Wolfgang Hardt kennt die dunklen Seiten der Schokolade. Foto: ©Achim Hehn

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