Pia Schildmair

10.11.2004

São Luís / Brasilien - Seit drei Monate ist Pia Schildmair in Brasilien als Missionarin auf Zeit tätig. In diesem Rundbrief berichtet sie ihre ersten Erlebnisse.

Liebe Freunde, Verwandte und Bekannte!

Es sind nun schon mehr als drei Monate, seitdem ich nach Brasilien geflogen bin und ich habe in dieser Zeit bereits unheimlich viel erleben dürfen, an dem ich euch teilhaben lassen möchte. Bitte verzeiht mir, dass ich nicht jedes Mail einzeln beantworte, aber es ist hier immer sehr viel los und manchmal ist es auch ein wenig mühsam mit dem Computer. (Vor allem in der Regenzeit hatten wir viele Stromausfälle und der Computer stürzte recht oft ab, außerdem ist die Verbindung in unserem Viertel sehr langsam.) Trotzdem freue ich mich immer sehr, von euch zu hören. Danke für alle guten Wünsche!

 

Das Leben mit Elisangela und den Comboni-Missionaren

Ich wohne hier in einem kleinen Haus in der Vila Embratel, einem Stadtrandviertel von São Luís, gemeinsam mit Elisângela, einer afrobrasilianischen Comboni-Laienmissionarin. Inzwischen kenne ich schon die meisten Nachbarn, knüpfe neue Freundschaften und werde von der Familie von Elisângela recht herzlich aufgenommen. Die Mutter von Elisângela nennt mich inzwischen "ihre österreichische Tochter".
Elisângela ist sehr engagiert in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen am Rand der Gesellschaft. Da sie schon mit Barbara, meiner Vorgängerin zusammen gewohnt hat, kann sie sich gut in meine Situation hineinversetzen und ich kann mich mit allen möglichen Fragen über eine manchmal sehr fremde Kultur an sie wenden. Ja, es gibt für mich hier viel zu lernen, denn im Laufe der Geschichte sind hier afrikanische, indianische und portugiesische Kulturen verschmolzen.

In der Nähe von uns wohnen Pater Carlo (aus Italien, 50, arbeitet mit mir in der Gefängnispastoral) und Pater Jorge (der 37-jährige peruanische Pfarrer). Ich finde es sehr schön, dass wir Combonis und Comboni-Laienmissionare uns während der Woche jeden Tag um 6:30 zum Gebet und Austausch treffen. Es tut einfach gut, eine Spiritualität zu teilen und uns gegenseitig zu stärken.

 

Die brasilianische Mentalität und mir fremde Gewohnheiten

Immer wieder wird mir bewusst, wie sehr ich von meiner Kultur und den spezifischen Problemlösungsstrategien geprägt bin. Dazu ein paar Beispiele:

Als es mir das erste Mal passierte, dass ich nach einem Mittagessen auch noch zur anschließenden Dusche und zum Schläfchen in der Hängematte eingeladen wurde, war es mir fast zu peinlich, diese für mich sehr persönlich wirkende Einladung anzunehmen. Erst jetzt in der Reflexion mit meiner Vorgängerin Barbara wurde mir klar, dass die Dusche und das Schläfchen zu einer Einladung dazugehören - so wie man bei uns zum Händewaschen vor dem Essen eingeladen wird. Ich muss sagen, die Dusche und das Schläfchen nach dem Essen tun wirklich gut. Vielleicht könnte man diese Gewohnheit ja auch in Österreich einführen?  

Ein anderes Mal fuhr ich mit Pater Carlos mit dem Auto, als auf einmal alle Männer in den Autos vor uns die T-Shirts auszogen, einige Meter weiterfuhren und dann die T-Shirts wieder anzogen. Erst als wir näher an die Ampel kamen, wurde mir klar, warum: Die Ampel war so geschaltet, dass sie immer nur rotes Licht anzeigte. Leider gab es aber einen Apparat, der jede Nummerntafel fotografierte, die bei "rot" die Kreuzung überquerte. Die Männer waren klug und verhängten die Nummerntafel mit ihren T-Shirts, um nicht Strafe zahlen zu müssen! Als wir ein wenig später noch einmal an derselben Ampel vorbeikamen, kamen uns schon Männer entgegen, die gegen einen Real die Nummerntafel mit einem Fetzen verhängten. So schnell kann man neue Arbeitsplätze schaffen. Ich bewundere die brasilianische Flexibilität! (Wenngleich diese natürlich aus einer unheimlichen Not heraus entsteht!) 

Ich merke auch, dass das Verhältnis zu Gegenständen und der Umgang mit der Zeit anders sind. Es ist einfach wertvoller, mit den Menschen, die man auf dem Weg trifft, ein wenig zu reden, als pünktlich zu einem Treffen zu erscheinen. Die Menschen lassen sich nicht von den Zeigern der Uhr versklaven und das hat einen hohen Wert. Mitunter kann es jedoch zu unerwarteten Komplikationen führen: Ein Ehepaar hat den spanischen Pater gebeten, während der Gemeindemesse heiraten zu dürfen, was normalerweise nicht üblich ist. Dieser hat zugesagt und es war alles geplant. Als jedoch der Bräutigam eine halbe Stunde nach dem geplanten Beginn noch immer nicht erschienen war, hat der Priester begonnen, die Gemeindemesse zu feiern. Der Bräutigam erschien schließlich erst nach der Predigt und schließlich fand die Hochzeit doch noch statt.

 

Der Alltag in der Vila Embratel, einem Stadtrandviertel von São Luís

Die täglichen Besorgungen brauchen hier viel mehr Zeit als in Österreich. Ich schwitze hier sehr viel - São Luís liegt fast am Äquator - und muss dementsprechend oft Wäsche waschen. Das geschieht natürlich mit der Hand und braucht viel Zeit. Außerdem muss ich hier das Haus viel öfter putzen, weil einfach alles offen ist. Zwischen Ziegeln und Dach sind Freiräume, um den Luftdurchzug zu ermöglichen. Dementsprechend kommt viel Schmutz zusammen.  

Das tägliche Leben ist vom Rhythmus des Wassers geprägt. Jeden zweiten Tag bekommt unser Stadtviertel am Nachmittag Wasser. Wir haben zwar das Glück, uns einen Wasserspeicher am Dach leisten zu können, aber es kommt vor, dass das Wasser irgendwie verschwindet oder der Druck nicht groß genug ist, um den Speicher zu füllen. Den "Wassertag" erkennt man dann daran, dass am Nachmittag viele Menschen mit frischgewaschenen Haaren zu sehen sind und auf der Strasse viel Wasser vom Wäschewaschen entlang läuft. Unser Viertel hat nämlich noch keine Abwasserkanäle. (Und es sind auch für die nächsten 15 Jahre keine geplant.) So wird alles auf die Strasse geleitet und versickert irgendwo.  

Ein Teil unseres Viertels entstand schon vor 20 Jahren, andere Teile sind ganz neu. Der Aufbau der Infrastruktur verläuft jedoch sehr langsam. Wenn hier jemand einen Brief aufgeben will, muss er in die Stadt fahren, weil es keinen einzigen Briefkasten - ganz zu schweigen von einem Postamt - in der ganzen Gegend gibt. Es gibt in unserem Stadtviertel keine Möglichkeit, eine Standleitung einzurichten, weil die Nachfrage einfach zu gering ist. Wenn jemand das Glück hat, ein Bankkonto führen zu dürfen, muss er auch in die Stadt fahren, um an Geld zu kommen, aber auch sonstige Einzahlungen von Strom, Wasser etc. müssen in der Stadt erledigt werden. Glücklicherweise sind die wichtigen Strassen bereits asphaltiert und es gibt einen Bus, der uns mit dem Zentrum verbindet. Allerdings kostet die Einzelfahrt 1,20 bzw. 1,70 Reais und etliche Menschen, die vom Mindestlohn (300 Reais = 100 Euro im Monat) oder darunter leben, können sich diesen Luxus nicht leisten und gehen zu Fuß. Kinder unter 7 Jahren und Senioren ab 65 haben das Recht auf Freifahrt.  

Aber ich hoffe, dass sich in der nächsten Zeit hier etwas tun wird. Vor drei Wochen wurde eine Art Stadtviertelvertretung gewählt und inauguriert. Bei der von Elisângela moderierten Amtseinführung waren alle möglichen hohen Vertreter von Militär- und Zivilpolizei, der politischen Verantwortlichen und der Zivilgesellschaft zugegen. Eine der wichtigsten Aufgaben dieser Stadtviertelvertretung ist auch das Erarbeiten von Projekten, die den arbeitslosen Jugendlichen Chancen geben, damit sie nicht in die Drogen- und Gewaltszene abrutschen.  

Ein großes Problem, das sich derzeit stellt ist der geplante Bau eines riesengroßen (3 % der Weltproduktion!, etwa gleich viel wie ganz Brasilien derzeit produziert!) Eisen- und Stahlindustriekomplexes in unserer unmittelbaren Nähe. Studien belegen, dass dadurch binnen 5 Jahren in der ganzen Region Itaqui-Bacanga, in der derzeit mehrere hunderttausend Menschen wohnen, aufgrund der Umweltverschmutzung niemand mehr leben kann. Dieser Industriekomplex braucht genausoviel Wasser, wie die ganze Insel derzeit verwendet und schon jetzt gibt es nicht genug Wasser! Das produzierte Eisen und Stahl ist praktisch ausschließlich für den Export vorgesehen. Den Profit aus diesem Industrieunternehmen werden die jeweiligen Aktionäre in Europa und den USA ziehen. Brasilien ist aufgrund der Verschuldung gezwungen, solche von Weltbank und IWF auferlegten Projekte durchzuführen und wählt den Standort aus, an dem es am wenigsten Widerstand gibt, weil die meisten Menschen hier zu wenig Bildung haben, um zu verstehen, was diese Fabrikanlage für ihr Leben bedeutet. Es gäbe Standorte im Landesinneren von Maranhão, an denen ein solcher Industriekomplex ökologisch und sozial weniger Schaden anrichten würde, aber dann wäre der Gewinn für die multinationalen Konzerne geringer und deshalb wird nicht darüber nachgedacht.

 

Die Entscheidung zur Mitarbeit in der Gefängnispastoral

Nach einem dreiwöchigen Praktikum in der Gefängnispastoral von São Paulo und einer Woche in einem APAC (christlichen Gefängnis) in Minas Gerais bin ich nun seit 2 Monaten in São Luís. Die Entscheidung, in der Gefängnispastoral von São Luís mitzuarbeiten, ist in einem Gespräch mit P. Luigi, dem sehr sympathischen aus Italien stammenden Provinzial der Combonis von hier, recht schnell gefallen. Er hat mir zwar die Entscheidung, wo ich mitarbeiten will, überlassen, aber auch gesagt, dass sie mich mehr in São Luís brauchen würden als im Landesinneren und dass in der Gefängnispastoral viel zu tun wäre. Ich bin sehr dankbar für die gute Gesprächsbasis mit ihm und freue mich auf die drei Jahre Mitarbeit in der Gefängnispastoral. (Natürlich gäbe es noch viele andere Bereiche, in denen ich auch gerne mitarbeiten würde, aber ich habe halt nur ein Leben. Ich könnte zehn Leben leben, wenn ich all das tun wollte, was ich wichtig fände.)
Außerdem ist geplant, dass ich am Wochenende in einer (oder mehreren) Basisgemeinde mitmachen werde und dort die Schwangeren- und Kleinkinderpastoral aufbauen werde. Doch darüber werde ich in einem der nächsten Rundmails mehr schreiben.

 

Die Situation in den brasilianischen Gefängnissen

Die meisten Gefangenen sind junge, schwarze Männer aus den Stadtrandvierteln, die nie die Chance zu einer guten Ausbildung gehabt haben. 85% sind funktionelle Analphabeten. Einige haben nicht einmal lernen dürfen, wie sich ihr Name schreibt. (Auch heute noch werden viele Kinder von den Eltern statt in die Schule zum Arbeiten auf die Strasse geschickt um der Familie das Überleben zu gewährleisten. Sie arbeiten dann zum Beispiel als Straßenverkäufer oder Schuhputzer oder tragen die Einkäufe der Reichen zu deren Auto.)   

Die Situation in den brasilianischen Gefängnissen ist wirklich sehr prekär, viele der Gefangenen schlafen in Hängematten, die quer durch die Zellen gespannt sind oder am Steinboden. Die Zellen sind hoffnungslos überbelegt. In São Paulo habe ich zum Beispiel eine Polizeistation besucht, in der für 39 Gefangene Platz wäre und 190 untergebracht sind. Hier in São Luís leben in einer Zelle von 9 Quadratmetern im Schnitt 12 Personen. Oft fehlt es am Allernötigsten: Seife, Waschmittel, Zahnbürste und -pasta und Klopapier. In diesem Monat bekamen die gefangenen Frauen 2 Binden. In manchen Polizeistationen gibt es nur einmal am Tag Essen.   

Auch die medizinische Versorgung ist schlimm. Als ich hier in São Luís für einen Gefangenen, der eine Lungenentzündung hatte und einen sehr schlechten Gesundheitszustand hatte, die Krankenstation suchte, wurde mir gesagt, dass niemand mehr nach 17 Uhr behandelt würde und er auf die nächsten Öffnungszeiten warten müsste. Ein weiteres Problem besteht darin, dass die Gefangenen kaum Zugang zu Medikamenten haben. So können sich diverse ansteckende Krankheiten, wie Tuberkulose, Hepatitis, AIDS, Lepra etc. ungehindert ausbreiten.  

Wenn man dann hört, dass ein Gefangener den Staat im Monat 1200 Reais kostet - das sind etwa 400 Euro - dann fragt man sich, wo das Geld geblieben ist. (Böse Zungen, die behaupten, dass hier in Maranhão 90% der öffentlichen Gelder der Korruption zum Opfer fallen, könnten gar nicht so unrecht haben!)  

Die wenigsten der Gefangenen werden über den Verlauf ihrer Prozesse informiert und leider kommt es oft vor, dass Menschen einfach in den Gefängnissen vergessen werden, weil zum Beispiel die Akten des Prozesses verloren gegangen ist. Gerade in der vorigen Woche haben wir für einen Mann bei den Behörden interveniert, der schon vor zwei, drei Jahren entlassen werden hätte können, aber einfach vergessen worden ist. Ein anderer Mann ist schon seit mehr als einem Jahr eingesperrt, ohne jemals vorgeladen worden zu sein. Die Akten seines Prozesses scheinen ebenfalls verschwunden zu sein. Wir waren schon bei allen möglichen Behörden und alle sind erstaunt, dass er eingesperrt ist, weil am Gericht kein Prozess gegen ihn anhängig ist, aber niemand fühlt sich wirklich verantwortlich, etwas an diesem Missstand zu verändern.

 

Unsere Arbeit in der Gefängnispastoral

Ich finde es sehr schön, dass wir hier in São Luís in der Gefängnispastoral gut im Team arbeiten können. So können wir unsere Erfahrungen in der Gruppe besprechen und gemeinsame Lösungen finden. Es tut gut, in dieser schwierigen Arbeit eine starke "unidade" (Einheit) zu spüren. Am meisten engagiert sind hier in der Gefängnispastoral Padre Carlos (ein 50-jähriger italienischer Comboni-Missionar), Irmã Gabriela (eine 58-jährige italienische Ordensschwester), Irmã Maria (eine 31-jährige brasilianische Schwester), Márcio (ein sehr engagierter 20-jähriger brasilianischer Seminarist), Padre Luca (ein 39-jähriger italienischer Missionar) und ich. Außerdem besteht unser Team aus etwa 20 freiwilligen MitarbeiterInnen. Ein großer Teil von ihnen ist bereits etwas älter und von der Legio Mariens geprägt. (Die Legio Mariens ist hier sehr engagiert für Menschen am Rande der Gesellschaft und besucht zum Beispiel auch die Prostituierten!) Ich bewundere diese alten Damen immer wieder, wie sie sich auf eine so fremde Realität einlassen und mit großem Engagement ihren Glauben leben.  

Bevor ich über die einzelnen Tätigkeiten der Gefängnispastoral berichte, möchte ich einen Text stellen, den die Gefängnispastoral von Minas Gerais über ihre Arbeit zusammengestellt hat: "Die Gefängnispastoral versucht die Gegenwart Christi in der Welt des Gefängnisses zu sein. Die Fragen, die sich stellen sind: 'Was würde Jesus tun? Was würde er sagen? Wie würde er den Gefangenen behandeln?' Die Gefängnispastoral versucht durch ihr Zeugnis das Leben zu fördern und weder die Kirche noch die Gesellschaft vergessen zu lassen, dass der Gefangene ein Mensch ist. Deshalb setzt sich die Gefängnispastoral gegen die (unmenschliche) Art und Weise ein, wie sie behandelt werden."

 

Unsere Tätigkeiten sind sehr vielschichtig:

Wir versuchen, alle Trakte der 5 Gefängnisse im 2-Wochen-Rhythmus zu besuchen. Dennoch ist es fast unmöglich, für jeden, der mit uns sprechen will, genügend Zeit zu haben. (Es sind hier mehr als 2000 Menschen eingesperrt!) Wir besuchen am Dienstag und Mittwoch die Gefangenen in den einzelnen Zellen und bieten im „Banho de Sol“ (der Ort, an dem die Gefangenen einmal in der Woche unter freiem Himmel Ball spielen können) Treffen an, bei denen das Leben und der Glaube ins Gespräch kommen und wir gemeinsam beten oder Gottesdienste feiern.  

Am Donnerstag und Freitag gehen wir zu den Behörden (Gericht, Polizei, Landesgericht, Staatsanwaltschaft etc.) und versuchen Informationen über Prozesse zu erhalten und zu intervenieren, wenn Menschen im Gefängnis vergessen worden sind oder wenn grundlegende Rechte nicht gewährleistet wurden. Dazu ist es auch nötig, im Kontakt mit den SozialarbeiterInnen im Gefängnis zu bleiben und immer wieder mit den Direktoren der einzelnen Gefängnisse ins Gespräch zu kommen. (Die SozialarbeiterInnen haben übrigens kaum eine Möglichkeit, sinnvoll zu arbeiten, da ihre Arbeitsmaterialien immer wieder der Korruption zum Opfer fallen. Oft gibt es nicht einmal Papier um die längst überfälligen Anträge für die Gefangenen auszudrucken.) Außerdem geschieht es oft, dass die Familien der Gefangenen von den Beamten nicht informiert werden, wo sich der Gefangene befindet. In solchen Situationen treten wir mit den Familien in Kontakt und leiten die nötigen Informationen weiter.  

Eine anderer Teil unserer Arbeit besteht im Weiterleiten von Informationen über die tatsächliche Situation der Gefangenen an die zuständigen verantwortlichen staatlichen Stellen in Bundesstaat. Oft wissen die Verantwortlichen nicht, was sich an der Basis abspielt und fragen uns nach unserer Einschätzung in verschiedensten Fragen.  Um in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein für die Probleme des Strafvollzuges zu schaffen, organisieren wir Veranstaltungen bei denen die Themen auf künstlerische Weise angesprochen werden bzw. halten wir bei diversen Gruppen (z. B. Jus-Studenten) Vorträge.

 

Meine Erfahrungen in der Gefängnispastoral

Am liebsten sind mir bei unserer Arbeit die Besuche in den Gefängnissen, bei denen wir mit einigen Gefangenen über den Glauben und das Leben ins Gespräch kommen.  Wir bekommen immer wieder Rückmeldungen, dass sich die Gefangenen über unsere Besuche freuen.   

Ein Gefangener hat uns vor kurzem einen unheimlich schönen Dankesbrief geschrieben, in dem er sagt, dass er sich in unserer Gegenwart (wie sonst selten in seinem Leben) menschlich respektiert und geliebt fühlt. Er spürt, dass seine Würde anerkannt wird und er als Mensch geachtet wird, obwohl er schuldig geworden ist. Unsere Gegenwart macht es für ihm leichter, in dieser Hölle wieder an das Gute glauben zu können und daran, dass es (auch für ihn) ein Leben abseits von Hass und Gewalt geben kann.  

Ein anderer Gefangener sagte mir vor kurzem, dass niemand aus seiner Kirche Gefängnisbesuche machen würde, weil die Verantwortlichen Angst hätten, hinein zu gehen. Er sagt weiters, dass - obwohl wir noch nicht viel miteinander geredet haben - allein die Tatsache, dass wir sie an diesem Ort besuchen, ein starkes Zeugnis der Liebe Gottes sei. Am Ende dieses Besuches meinte er schließlich, dass unser Besuch eine heilende Wirkung habe, weil wir ihn mit den Augen Gottes ansehen.  

Eine andere Erfahrung, die ich hier beschreiben möchte, hat mit dem Eingestehen von Schuld zu tun. Es ist wohl (für jeden von uns) allzu menschlich, die eigene Schuld nicht sehen zu wollen und von sich weg zu schieben und es geschieht unheimlich viel, wenn ein Mensch es schafft, zu seiner Schuld zu stehen. Wer für die eigene Schuld die Verantwortung übernehmen kann, hat ein großes Stück Würde zurückerhalten.
Als wir mit einigen Gefangenen im Rahmen eines Glaubenskurses dieses heikle Thema ansprachen, wurde jeder aufgefordert, Situationen zu benennen, in denen er schuldig wird. Es ging darum, die Schuld auszusprechen, sich ihr zu stellen, um daran arbeiten zu können und um sie in Gottes Hände zu legen, damit er uns Kraft gibt, anders zu leben. Es hat mich sehr berührt, wie ehrlich manche der Gefangenen in dieser Gruppe waren und welche Kämpfe manche von ihnen ausstehen müssen, um dem Bösen im eigenen Inneren zu widerstehen.  

Ja, ich glaube, dass unsere wichtigste Aufgabe darin besteht, den Menschen ihre Würde zuzusprechen und an das Gute in ihnen zu glauben. Ich glaube, dass jeder Mensch resozialisierbar ist. Leider wird darauf im Strafvollzug in Brasilien überhaupt nicht geachtet. Als ich mein Praktikum im APAC (christliches Gefängnis, das nur mit Freiwilligen und somit ohne Polizei funktioniert) machen durfte, habe ich gesehen, wie sich Menschen ändern können. Im APAC hat jeder der Gefangenen die Möglichkeit, eine Ausbildung zu machen und zu arbeiten, sie bekommen medizinische Unterstützung, psychosoziale Hilfestellungen, die Möglichkeit, mit der Familie in Kontakt zu sein, und es gibt viele Freiwillige, die sich mit großem Engagement für die dort gefangenen Menschen einsetzen. Aber das Wichtigste, was sie dort erleben können, ist die Erfahrung des Glaubens, der in Schwierigkeiten tragfähig sein kann. (Wenn man bedenkt, dass die nationale Rückfallsquote der Haftentlassenen bei etwa 80 Prozent liegt und jene des APAC bei 15 Prozent, dann merkt man, dass die Gefangenen dort wirklich befähigt werden, ein normales Leben zu führen.)  

In diesen Tagen lese ich die Bibel oft mit den Augen von Menschen, die schuldig geworden sind und ich lerne eine neue Perspektive kennen. Da gibt es Paulus, der den Mord an Stephanus in Auftrag gegeben hat, der betrügerische Zöllner Zachäus, der Mörder Mose, die vielen Sünder, mit denen Jesus umging, der Straftäter, der neben Jesus gekreuzigt wurde und zu dem Jesus sagte, dass er noch an diesem Tag mit ihm im Paradies sein werde. Ein anderer beeindruckender Text der heiligen Schrift ist die Rede vom Hirten, der die 99 Schafe zurücklässt, um das eine zu suchen. Aber auch die Geschichte vom „verlorenen Sohn“ erzählt eigentlich von einem ohne Ende liebenden und barmherzigen Vater. Ich entdecke in der Bibel eine unendlich große Liebe Gottes zu den Menschen, die schuldig geworden sind. Nur durch diese Liebe kann Umkehr und Neuanfang geschehen. Ihr sind wir verpflichtet.

 

Ich bin überzeugt davon, dass die einzige Möglichkeit, die wir haben, etwas in einem Menschen zu ändern, die Liebe ist. Das ist der Weg Jesu gewesen, Liebe und Hingabe, auch wenn sie ihn viel gekostet hat. Letztlich ist es Gott, der die Kraft gibt, das Unmögliche zu tun...  

Ich weiß, dass es gut ist, dass ich hier mitarbeite und ich verspüre einen großen inneren Frieden. Die Lesungen der letzten Wochen aus dem Matthäusevangelium haben mir viel Kraft gegeben. Es hilft mir immer wieder, den Blickwinkel zu wechseln und zu versuchen, die Perspektive Gottes einzunehmen. Da wird mir meist sehr schnell bewusst, dass das Gefängnis genau der Ort ist, an dem Gott jetzt gerade MitarbeiterInnen braucht. An den anderen Orten gibt es genug hilfsbereite Menschen, am Ort des Kreuzes sind es immer wenige.

Ich hoffe, dass euch mein Rundbrief nicht zu lange vorkommt, aber ich habe versucht, ein paar Bereiche meines Lebens zu beschreiben. Es gäbe noch so vieles, was ich euch gerne mitteilen würde, aber das werde ich erst im nächsten Rundmail tun können.  

Vielen Dank für eure Freundschaft und alle guten Wünsche. Bleiben wir im Gebet und Engagement verbunden! Möge Gott uns dabei begleiten.


Eure Pia.

Oskar Berger