Pia Schildmair

20.12.2005

São Luís / Brasilien - Im Rundbiref zunächst etwas über die Schwangeren- und Kleinkinderpastoral, dann ein paar aktuelle Eindrücke aus der Gefängnispastoral, danach geht's vom Konkreten ein bisschen mehr ins Allgemeine und von derSituation der hiesigen Kirche und Politik.

Advent 2005

Liebe Freunde, Verwandte und Bekannte!

Zunächst möchte ich mich bei euch ganz herzlich für die vielen Antwortmails bedanken. Auch wenn ich nicht alle beantworten konnte, habe ich mich sehr darüber gefreut. Es tut gut, um eure Freundschaft und Verbundenheit zu wissen. Ganz besonders möchte ich mich auch bei jenen bedanken, die sich telefonisch bei mir gemeldet haben. Wie schön ist es doch, hin und wieder vertraute Stimmen zu hören. 

Um euch einen Überblick über den Rundbrief zu geben, eine kurze

Einleitung:
Zunächst erzähle ich über die Schwangeren- und Kleinkinderpastoral, dann folgen ein paar aktuelle Eindrücke aus der Gefängnispastoral. Danach werde ich mich vom Konkreten ein bisschen mehr ins Allgemeine wagen und über die Situation der hiesigen Kirche und Politik berichten. Zuletzt ein paar persönliche Gedanken. Der Rundbrief ist wieder sehr lang, aber anhand dieser Orientierung könnt ihr auswählen, welche der Teile euch besonders interessieren...

 

1. Teil: Die Schwangeren- und Kleinkinderpastoral
In diesem Kapitel geht es zunächst allgemein um die Schwangeren- und Kleinkinderpastoral. Dann werde ich über meine ersten Erfahrungen erzählen.

 

Die "Pastoral da Criança"
Den ersten Teil meines Rundbriefes möchte ich diesmal der "Pastoral da Criança" widmen. Diese Pastoral entstand 1982 im Rahmen einer Initiative des damaligen UNICEF-Direktors gemeinsam mit Bischof Arns aufgrund der Erkenntnis, dass die Kirche das Leben vieler Kleinkinder retten kann. Meist sind es Kinder unter 6 Jahren, die aus Gründen sterben, die leicht zu verhindern wären. Heute ist die "Pastoral da Criança" in ganz Brasilien organisiert und leistet einen wichtigen Beitrag in der Begleitung von Schwangeren und von Müttern mit Kleinkindern.

Die freiwilligen MitarbeiterInnen der "Pastoral da Criança" besuchen die Schwangeren und Mütter mit Kleinkindern regelmäßig zuhause und organisieren monatlich ein Treffen aller begleiteten Mütter und Kinder in der Kirche. Bei diesem Treffen wird gemeinsam gebetet, mit den Kindern gespielt, über Kindererziehung, Hygiene und Gesundheit ausgetauscht und die Kinder werden gewogen.

Wenn Schwangere und Kleinkinder unterernährt sind, dann überlegt die "Pastoral da Criança" gemeinsam mit der Basisgemeinde, wie ihnen geholfen werden kann. Sind die Kinder krank, werden mögliche Hausmittel besprochen. Handelt es sich um eine schwerwiegendere Erkrankung, hat die "Pastoral da Criança" die Möglichkeit, den Kindern und Schwangeren noch am selben Tag einen Arzttermin zu sichern. (Dies ist leider nicht selbstverständlich. Oft müssen die Menschen hier auf Arzttermine sehr lange warten. Als zum Beispiel eine Bekannte von mir vor kurzem während der Schwangerschaft ein Kind verloren hat, hat ihr der Gesundheitsposten nur für drei Wochen später einen Termin für die Küretage geben können! Manche Menschen warten im staatlichen Gesundheitssystem fast ein Jahr lang auf einen Platz in der Chemotherapie.) Außerdem werden jene Fälle, in denen Schwangere oder Kleinkinder vom staatlichen Gesundheitswesen nicht versorgt wurden, von der "Pastoral da Criança" dokumentiert und (rechtlich) verfolgt.

 
Die "Pastoral da Criança" in meiner Pfarre
In meiner Pfarre begann die "Pastoral da Criança" vor 4 Jahren. Inzwischen ist sie in 5 Basisgemeinden implantiert. Meine Aufgabe ist, sie in "meiner Basisgemeinde" Jambeiro (siehe später) aufzubauen und die freiwilligen MitarbeiterInnen der Pfarre zu begleiten. Deshalb habe ich nun in den Monaten Oktober und November selber die Grundausbildung der "Pastoral da Criança" gemacht und bereits angefangen, einzelne Familien zu besuchen. Einige junge Frauen aus meiner Basisgemeinde haben sich bereit erklärt, in der "Pastoral da Criança" mitzumachen. Sobald diese die Grundausbildung abgeschlossen haben, werden wir versuchen, jene Familien ausfindig zu machen, die eine Begleitung besonders nötig haben. Es gibt viele Mädchen, die mit 14 oder 15 schwanger werden, von ihren Partnern im Stich gelassen werden und kaum Unterstützung von ihrer Familie erwarten können. Eine andere sehr traurige Tatsache ist, dass hier viele (junge) Frauen an Abtreibungen sterben. Es ist in Brasilien verboten, abzutreiben und geschieht daher geheim und oft auf lebensgefährliche Weise für die Schwangeren.

 

Meine ersten Erfahrungen in der "Pastoral da Criança"

Bei meinen ersten Familienbesuchen ist mir sehr viel Elend begegnet und es hat mich das Ausmaß der Armut und des Hungers erschüttert. So möchte ich euch jetzt ein paar Situationen beschreiben, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind. Bei meinem Hausbesuch habe ich mit einer Mutter geredet, die im Monat davor krank gewesen war und ich habe sie gefragt, ob es ihr jetzt besser ginge. Sie hat darauf geantwortet, dass es ihr gut ginge und dass sie nur Hunger habe. So als wäre es das Normalste auf der Welt, an Hunger zu leiden. Bei einem anderen Besuch hat ein 7- jähriges Kind dauernd geschrieen: "Ich habe Hunger, ich habe Hunger!" Immer wieder klopfen Leute an unsere Türe und bitten um etwas zum Essen. Mich zerreißt es manchmal fast innerlich, wenn ich eine Mahlzeit für uns richte und mir bewusst wird, dass es in meiner Nachbarschaft gerade Menschen gibt, die nicht genug zum Essen haben.  

Ein anderes Mal habe ich gemeinsam mit Rosileine, einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin der "Pastoral da Criança" eine 18-jährige besucht, die Mutter von einem Baby und einem 3-jährigen Kind ist. Ihr Haus, besser gesagt ihr Hütte, hat einen Lehmboden und funktioniert gleichzeitig als Werkstatt. Die Kinder sind unheimlich vernachlässigt und stecken zum Beispiel den Lehm vom Boden, auf dem auch einige Tiere herumlaufen und ihre Geschäfte verrichten, in den Mund. Das 8 Monate alte Baby hat einen sehr großen Bauch aufgrund von Würmern oder/und Unterernährung und wirkt sehr schwach und krank.  Als ich sie fragte, ob sie mit den Kindern regelmäßig zur medizinischen Kontrolluntersuchung ginge, antwortete sie, dass sie nicht wüsste, wo der Gesundheitsposten sei. So haben wir beschlossen, dass Rosileine sie am nächsten Tag begleiten würde und dass sie in Zukunft gemeinsam zu den Kontrolluntersuchungen gehen würden.  

In der "Pastoral da Criança" gibt es aber auch unheimlich schöne Momente. Als ich eine 18-jährige Schwangere besuchte und mit ihr besprach, was das Baby nun schon alles könne und wie weit es schon entwickelt sei, hat mich ihre Vorfreude sehr berührt. Es ist einfach ein Wunder, wenn ein neuer Mensch entsteht und wir können nie genug über Gottes Schöpfung staunen. Wie schön, dass wir einen kleinen Beitrag daran leisten können, das geschenkte neue Leben zu erhalten.

 

2. Teil: Ein paar Eindrücke aus der Gefängnispastoral
Da ich im letzten Rundbrief schon sehr viel über die Zustände und unsere Arbeit im Gefängnis geschrieben habe, möchte ich jetzt ein paar konkrete Begebenheiten und Personen beschreiben. Danach berichte ich vom Leidensweg eines Gefangenen, der schon längst entlassen werden hätte können und auf den das Justizsystem nur aufgrund unserer Intervention aufmerksam geworden ist. Zuletzt beschreibe ich das Problem von Machtmissbrauch und Folter im Gefängnis sowie unsere Arbeit in diesem Zusammenhang.

 

Berührende Erlebnisse im Gefängnis
Nach wie vor sind für mich die persönlichen Begegnungen mit den Gefangenen der wichtigste Teil meiner Arbeit. Es ist einfach schön, mit suchenden Menschen über das Leben und den Glauben ins Gespräch zu kommen und eine Hoffnung teilen zu können.  

Während dieser Gespräche darf ich auch immer wieder bemerken, wie Gott mich berührt. Als wir zum Beispiel anlässlich der "Woche der Gefangenen" einen Gottesdienst feierten, gab es einen Austausch mit der Fragestellung, wann jeder Einzelne Gotteserfahrungen gemacht hat. Es hat mich erschüttert und berührt, als ein Gefangener erzählte, dass er Gottes Gegenwart in dem Moment, als er in den Kopf geschossen wurde, besonders intensiv gespürt hat. Andere berichteten, dass sie Gottes Nähe gespürt haben, als sie gefangen genommen wurden, wieder andere von Momenten der Gottesbegegnung im Gefängnis. Mir ist sehr bewusst geworden, wie wenig ich doch von Gott verstanden habe und wie wenig er sich in Schablonen pressen lässt. Er ist einfach viel größer als mein Vorstellungsvermögen. Er lässt Menschen in den unmöglichsten Situationen seine Gegenwart spüren. Ich lerne immer mehr, über seine Güte zu staunen.  

Immer wieder schenkt mir Gott Momente einer tiefen menschlichen Begegnung mit Menschen im Gefängnis. Es sind Augenblicke, in denen das Leben mit all seinen Abgründen und Höhenflügen zur Sprache kommt, in denen wir gemeinsam mit Gott ringen oder sprachlos verstummen angesichts seines Wirkens. In diesen Momenten erzählen wir einander ungeschminkt die Realität unseres Lebens.  

Andere Male darf ich nur ahnen, dass Gott jene Menschen, die wir besuchen, berührt. Manchesmal geschieht es, dass während der Gebete oder der Messe eine sehr "dichte" Stimmung entsteht. Zum Beispiel hatten wir einmal während der Messe eine Jesus-Ikone aufgestellt, um denjenigen, die nicht die Kommunion empfangen können, eine symbolische Möglichkeit zu geben, ihrer Sehnsucht nach Gott Ausdruck zu verleihen. Es sind nämlich nur sehr wenige der Gefangenen, die die Vorbereitung zur Erstkommunion gemacht haben. Bei diesem Symbolakt konnten aber alle nach vorne kommen und mit ihrer Hand die Ikone berühren und so symbolisch ihre Sehnsucht nach Gott ausdrücken. Währenddessen sangen wir das Lied "Segura na mão de Deus e vai..." - "Halte dich an der Hand Gottes fest und geh..." Für mich war dieser Moment einer der inhaltsstärksten und ausdruckvollsten während all unserer Gebete.  

Manchmal ist es nicht leicht, jene Menschen zu begleiten, die an ihrer Schuld schwer tragen. Besonders hat mich die Situation eines 27-jährigen berührt, der für 28 Jahre verurteilt ist und seit 8 Jahren gefangen ist. Er sucht Gott und setzt sich derzeit sehr damit auseinander, was er bisher im Leben getan hat und wofür er gelebt hat. Es fällt ihm unheimlich schwer, die eigene Schuld zu tragen und er ist sehr depressiv und suizidgefährdet. Immer wieder zieht er die Bilanz, dass er alles falsch gemacht hat und dass sein Leben keinen Wert mehr hat. Ich wünschte so sehr, dass Gott ihm besonders seine Liebe spüren lässt, sodass er erhobenen Hauptes in Würde ein neues Leben beginnen kann. Welchen Schatz haben wir doch im Sakrament der Umkehr und Vergebung. Es sind wenige, die es wagen, diesen Schatz zu öffnen. Der Gefangene hat ihn noch nicht gefunden. Vielleicht kann ja der/die eine oder andere von euch für ihn beten...   

Am Ende dieses Unterkapitels möchte ich die Sehnsucht eines 26-jährigen Gefangenen beschreiben, einmal wieder den Sternenhimmel sehen zu können. Das ist sein größter Traum. Dieser wird sich allerdings erst in vielen Jahren erfüllen lassen können, weil er ein Urteil von 26 Jahren erhalten hat. Er sagt selbst, dass er sich sehr verändert hat. Er hat im Gefängnis zum Glauben gefunden und versucht nun auf ganz andere Weise zu leben. Ich finde es immer schön, ihn zu treffen. Er ist für mich ein Symbol dafür, dass jeder Mensch in jeder Situation die Möglichkeit hat, zu wählen. Nicht immer haben wir einen großen Spielraum, aber immer können wir wählen, wie wir den jeweiligen Lebensabschnitt leben und welche Werte wir ausstrahlen. In seinem Fall sind es Liebe und Güte.

 

Unsere beeindruckenden MitarbeiterInnen in der Gefängnispastoral
Wir haben in der Gefängnispastoral das große Glück, sehr engagierte ehrenamtliche MitarbeiterInnen in unserem Team zu haben. Ich möchte euch an dieser Stelle zwei von ihnen (und dann auch P. Carlo) vorstellen.

Dona Nair ist Brasilianerin, Ende 40 und Mitglied der Legio Mariens. Sie erzieht 8 Adoptivkinder, von denen die größten über 30 Jahre und der kleinste 3 Jahre alt sind. Dona Nair hat ein offenes Herz für alle Menschen, die in Nöten sind. Besonders beeindruckt mich ihre Großzügigkeit, obwohl sie selber nicht viel hat. (Als wir zum Beispiel unsere Generalversammlung hatten, konnte sie nicht kommen, aber hat für jemanden das Mittagessen bezahlt, der es sich nicht leisten kann.) Sie lebt von ihrem kleinem Geschäft und strahlt immer viel Lebensfreude und Güte aus. Als es einmal geschah, dass wir von den Wärtern 3 Stunden lang im Gefängnis vergessen worden sind, hat sie einfach die Ruhe bewahrt und die Zeit genützt, die Gefangenen, mit denen wir zusammen eingesperrt waren, besonders gut kennen zu lernen. Ich finde es besonders schön, mit welch mütterlicher Liebe sie die Gefangenen behandelt. Wenn sie einmal nicht ins Gefängnis mitgehen kann, werde ich mindestens von zehn Gefangenen gefragt, ob es ihr gut gehe und was geschehen sei.  

Ester ist ein Monat älter als ich, hat zwei Kinder im Alter von 13 und 10 Jahren und ist ebenso Mitglied der Legio Mariens. Auch sie ist sehr engagiert in der Gefängnispastoral und hilft uns abgesehen von den Gefängnisbesuchen auch bei unseren Gerichtsgängen. Es beeindruckt mich ihre Hingabe und Bereitschaft zum Engagement. Obwohl es derzeit für sie unheimlich schwierig ist, weil ihr Bruder schwer krank ist, hilft sie, wo sie nur kann - den anderen Kranken und ihren Angehörigen, und auch uns in der Gefängnispastoral. Sie hat vor einigen Jahren einen anderen Bruder durch sinnlose Gewalt verloren und setzt sich dennoch für diejenigen ein, die im Gefängnis sind und Gewalt angewendet haben. Das ist für mich ein starkes Zeichen von christlicher Vergebung und Güte.  

Auch die Geschichte von Pater Carlo und seine Entscheidung zum Engagement in der Gefängnispastoral sind beeindruckend. Er war vor einigen Jahren Opfer eines Raubüberfalls geworden und hatte sich gefragt, warum die Täter so viel Gewalt angewendet haben, obwohl er ihnen gleich alles gegeben hatte. Er beschreibt als seine Schlussfolgerung aus diesem Erlebnis, "dass es nicht genügt, was die Kirche normalerweise macht. Es reicht nicht, Messe zu feiern und sich der Gruppe zuzuwenden, die immer die Kirche besucht. Es ist nötig, den pastoralen Aktionskreis zu vergrößern und denjenigen das Evangelium zu bringen, die dazu keinen Zugang haben.
Im Gefängnissystem gibt es niemanden, der dem Gefangenen als Mensch Aufmerksamkeit schenkt. Es gibt keine Psychologen, Sozialarbeiter oder andere Personen, die mit dem Gefangenen über ihn selbst, das Verbrechen, das Leben und die Träume sprechen. Sich den Gefangenen zu nähern ist ein privilegierter Weg, die Gesellschaft zu verändern."

 

Zu Unrecht gefangen (oder: meine Arbeit als Detektivin!)
Um euch einen kleinen Einblick in das ungerechte Rechtssystem zu geben, möchte ich euch die Geschichte eines 20-jährigen Gefangenen erzählen, der sich keinen privaten Rechtsanwalt leisten kann und der ohne unsere Interventionen wohl noch ein paar Jahre zu Unrecht gefangen gewesen wäre. Er hat sich am 4. Mai 2005 mit den Fragen an uns gewandt, warum er eingesperrt sei, welches Urteil er erhalten habe oder ob er aus Präventionsgründen eingesperrt worden sei. Wir sind am 12. Mai 2005 aufs Gericht gegangen und haben die Antwort erhalten, dass es in diesem Prozess viele Angeklagte gäbe und der Prozess daher lange brauchen würde. Als wir ihm am 14. Juni 2005 die Antwort brachten, meinte er, der angeführte Prozess könne nicht von ihm sein, da viele Daten nicht übereinstimmen und er keine Komplizen gehabt habe. Also gingen wir mit dieser Auskunft am 17. Juni 2005 aufs Neue zum Gericht. Dort fand sich kein anderer Prozess unter diesem Namen und wir wurden nach den Namen seiner Komplizen gefragt, da der Prozess im Computer oft nur unter dem Namen eines der Angeklagten aufscheint. Am 28. Juni 2005 beteuerte er aufs Neue, dass er keine Komplizen gehabt habe. Diesmal waren wir so klug und haben ihn nach den Namen seiner Eltern gefragt. Als wir am 1. Juli 2005 am Gericht nach den Namen der Eltern desjenigen fragten, dessen Prozess im Computer aufscheint, wurde klar, dass es zwei Personen mit demselben - in Brasilien sehr häufigen - Namen gibt. Das Gericht hatte uns nur über den Prozess des anderen Auskunft geben können.

Als er uns am 23. August noch einmal nach dem Urteil fragte, hatten wir keinerlei Idee mehr, wo wir den Prozess suchen könnten. Deshalb riefen wir den Vater des Gefangenen an, ob er etwas über den Prozess wüsste, doch auch dieser war hilflos. Er gab uns jedoch die Nummer der Patentante, die mehr über den Prozess wisse. Diese war zunächst nicht erreichbar, doch später stellte sich heraus, dass auch sie keine Ahnung hatte. Als wir ihn am 13. September 2005 wieder im Gefängnis besuchten, beschlossen wir, mit den Beamten im Gefängnis, die für die Abwicklung der Haft zuständig sind, zu sprechen. Diese waren jedoch mehrere Male, als wir das Gefängnis besuchten, nicht an ihrer Dienststelle zu finden. Am 4. Oktober 2005 schließlich konnten wir mit ihnen sprechen, aber sie hatten auch keine Ahnung, weshalb er eingesperrt sei. So sagten sie uns, wir sollten ihn fragen, welche Polizeistation ihn gefangen genommen habe und mit dieser Antwort zu ihnen kommen. Sie meinten weiters, dass wir in dem Fall, dass wir dort keine Antwort über den gegenwärtigen Aufenthaltsortes des Prozesses finden würden, uns an den Staatsanwalt wenden müssten. Der Gefangene teilte uns am 26. Oktober 2005 mit, dass er am 2. Oktober 2004 in einer Polizeistation im Zentrum gefangen genommen worden war und noch am gleichen Tag in die Polizeistation im 2. Polizeibezirk überstellt worden war, wo er etwa 1 Monat geblieben ist, bevor er in das Gefängnis geliefert worden ist. So gingen wir am 4. November 2005 auf die Polizeistation im Zentrum, die uns informierte, dass sie nur gefangen nehme und die Gefangenen gleich an die andere Polizeistation weiterleite und deshalb keine Akten der Gefangenen verwalte. Sie gaben uns aber den Tipp, in der Polizeistation des zweiten Polizeibezirkes die Nummer bzw. Kopie der Akten der polizeilichen Untersuchung zu erbitten. Am 18. November 2005 schließlich gingen wir auf die Polizeistation des 2. Polizeibezirkes. Dort wollte man uns zunächst nicht zum Polizeichef vorlassen, doch nach einigen Diskussionen wurden wir zu ihm vorgelassen. Dieser erzählte uns, dass er sich an den Fall erinnere. Der Mann sei wegen illegalen Waffenbesitzes gefangen genommen worden und habe bei seiner Verhaftung mit dem Fuß die Scheibe eines Polizeiautos zerschlagen. Der Polizeichef war sich aber nicht sicher, ob die Anzeige wegen Sachbeschädigung eingestellt worden war oder weitergeleitet worden war. Im Gefängnis habe er zunächst einen Vornamen falsch angegeben. Wir sollten also auch unter dem anderen Namen suchen. Sie gaben uns auch die Nummer des Prozesses vom Gericht. Mit diesen Daten gingen wir am 25. November 2005 noch einmal aufs Gericht. Im Computersystem der Informationszentrale schien der Prozess nach wie vor nicht auf, weder unter dem einen, noch unter dem anderen Namen, auch nicht unter der Nummer. So gingen wir auf die Untersuchungszentrale, wo sich nach vielen genauen Nachfragen unsererseits herausstellte, dass die Polizeistation am selben Tag zwei Prozesse eröffnet hatte und diese am gleichen Tag im Gericht angekommen sind. (Verwaltungsfehler!) Einer dieser Prozesse war am 1. Richteramt gelandet, der andere am 8. Richteramt. Sie sagten uns weiters, dass es bei dem Prozess vom 1. Richteramt am 19. November 2004 ein Entlassungsbescheid an das Gefängnis ausgestellt worden war und der Prozess am 3. Jänner 2005 mit dem Freispruch geendet habe. Der Prozess war am 12. August 2005 archiviert worden. Es stellt sich weiters heraus, dass der Gefängnisdirektor allerdings den Entlassungsbescheid abgelehnt habe, weil eben der Prozess vom 8. Richteramt noch anhängig war. Dort jedoch informierte man uns, dass der Prozess des 8. Richteramtes bereits am 26. Jänner 2005 zurückgelegt und archiviert worden war und sich nicht mehr am Gericht, sondern im Archiv in einem anderen Stadtteil befinde. Sie sagten weiters, dass er nicht wegen dieses Prozesses gefangen sei und am 26. Jänner sicher ein Entlassungsbescheid an das Gefängnis gesendet worden ist. Wir sollten doch zu diesem Archiv fahren, dort eine Kopie des Entlassungsbescheides holen und diese dem Gefängnis übergeben. Als ich daraufhin ziemlich klar meine Meinung sagte, dass das wohl Aufgabe des staatlichen Systems und nicht der Gefängnispastoral sei, einigten wir uns darauf, dass die zuständige Frau des 8. Richteramtes mir eine Bestätigung schrieb, dass gegen den Gefangenen von diesem Richteramt nichts vorliege, was eine Inhaftierung begründe. Mit dieser Bestätigung und der Kopie des Entlassungsbescheides des anderen Prozesses besuchten wir am 29. November 2005 den Gefangenen, der spätestens seit 26. Jänner 2005 freigelassen sein hätte sollen. Wir versuchten, mit dem Direktor zu reden, doch dieser war nicht für uns zu sprechen. Also übergaben wir dem Gefangenen die Dokumente. Als wir das Gefängnis verließen und uns noch mit den Beamten am Eingang unterhielten, teilten diese uns mit, dass es der Gefangene geschafft habe, beim Direktor vorzusprechen und auf der Stelle entlassen worden war. Hätten wir nicht all diese Wege gemacht, wäre er wahrscheinlich noch einige Zeit zu Unrecht eingesperrt gewesen. Das Traurige an dieser Begebenheit ist, dass es etliche ähnliche Fälle gibt, an deren Aufklärung wir arbeiten, weil sich sonst niemand für diese Menschen einsetzen würde und das staatliche System versagt.

 
Das traurige Kapitel Folter
Leider begegnen uns als Gefängnispastoral immer wieder Situationen des Machtmissbrauches durch Polizisten und Gefängniswärter. Es ist dann meist unmöglich, zu wissen, welche der (von den Gefangenen bzw. Polizisten oder Gefängniswärtern) dargestellten Versionen die Wirklichkeit beschreibt. Dennoch müssen wir handeln, wenn uns Gefangene davon erzählen, dass sie von Gefängniswärtern geschlagen oder gefoltert werden. Es kommt wahrscheinlich viel öfter vor, als wir ahnen. Auf jeden Fall sind viele der Gefangenen eingeschüchtert und haben Angst vor den Konsequenzen, wenn sie in der Öffentlichkeit gegen Polizisten auszusagen.

Wenn allerdings Gefangene gegen Polizisten wegen Folterung Anzeige erheben wollen, leiten wir diese an die zuständigen Stellen weiter. In den letzten Monaten waren es drei Folteranzeigen. Zwei gegen Militärpolizisten und eine gegen einen Gefängniswärter, der sich, als er vom Dienst suspendiert wurde, umgebracht hat. Er wusste, was es für ihn bedeutet, schuldig gesprochen zu werden. In der Welt des Gefängnisses hier in Brasilien gibt es kein Erbarmen für Ex-Polizisten. 

Außerdem haben wir gemeinsam mit Justitia et Pax und anderen kirchlichen Gruppen sowie Bischof Dom Xavier eine staatsanwaltliche Untersuchung einleiten lassen wegen des Vorgehens der Militärpolizei beim "Grito dos Excluidos" einer Wallfahrt, bei der im Rahmen des Gebetes Ungerechtigkeiten benannt werden und für Gerechtigkeit gebetet wird. Die Militärpolizei hat bei ihrem Vorgehen gegen die angemeldete öffentliche Veranstaltung einige Menschen, darunter zwei Schwestern leicht verletzt und ein Seminarist, der einer gestürzten Frau helfen wollte, ist von der Militärpolizei so verletzt worden, dass er ins Krankenhaus geliefert werden musste. Er hat aber Gott sei Dank keine weiteren Schäden davongetragen. Auf keinem Fall ist jedoch ein solches Vorgehen der Militärpolizei akzeptabel.  

Um einen humaneren Strafvollzug herbei zu führen, der das Folterverbot, die Menschenrechte, das Strafvollzugsgesetz und die UNO-Mindestregeln im Umgang mit Gefangenen beachtet, sind wir als Gefängnispastoral in den verschiedensten Gremien präsent, wie zum Beispiel im "Forum zur Humanisierung des Strafvollzuges", im "Komitee zur Bekämpfung der Folter", bei der Gründung einer Ombudsstelle im Gefängnis, im "Forum zur Erziehung (der Gefängniswärter) in Menschenrechten", im "bundesstaatlichen Forum für Menschenrechte", etc.


3. Kapitel: "Meine" Basisgemeinde und die Kirche in São Luís
In diesem Teil möchte ich euch meine Basisgemeinde vorstellen und dann ein wenig den Blick weiten auf die Kirchensituation in São Luís, die derzeit nicht sehr einfach ist.

 

"Meine Basisgemeinde" und die Pfarre "Hl. Daniel Comboni"
Die kirchl. Basisgemeinde, zu der ich gehöre, heißt São João Batista de Jambeiro. Sie ist dem hl. Johannes dem Täufer geweiht und befindet sich im Stadtteil Jambeiro. Jambeiro ist eines der ärmsten Stadtviertel. Ein großes Problem stellt sich in der Regenzeit. Da das Stadtviertel sehr tief gelegen ist, kommt alles Wasser von den anderen Stadtvierteln, spült den ganzen Schmutz an und bringt viele Krankheiten mit sich. Viele der Straßen sind in der Regenzeit nicht passierbar, weil das Wasser 30 cm hoch steht. Regelmäßig werden auch die Häuser überflutet. Da es meistens ab Mittag regnet, müssen die Kinder in der Regenzeit den ganzen Nachmittag im Haus bleiben und es herrscht eine sehr triste Stimmung. Offiziell wurde die Straße bereits drei Mal zementiert, aber die Durchführung ist bisher immer der Korruption zum Opfer gefallen.

Bis 2003 hat eine einzige Pfarre den ganze Bereich Itaqui-Bacanga mit seinen 240.000 Bewohnern umfasst. 3 Comboni-Missionare waren in diesem Bereich seit 1986 für (letztlich) 34 kirchliche Basisgemeinden zuständig. Im Jahre 2003 wurde der Bereich in die drei Pfarren Vila Embratel (Hl. Daniel Comboni), Anjo da Guarda und Vila Nova unterteilt, wobei die letzten beiden Pfarren Diözesanpriestern übergeben wurden.
Die Comboni-Missionare sind also nur noch in der Pfarre der Vila Embratel tätig. In unserem Pfarrgebiet (Hl. Daniel Comboni) wohnen etwa 80.000 Menschen und mehr als die Hälfte der Bewohner sind katholisch. (Diese Angaben sind eine Schätzung, da es keine offiziellen Statistiken gibt.) Abgesehen von den Katholiken gibt es viele verschiedene Freikirchen.  

Unsere Pfarre teilt sich in 13 Basisgemeinden auf und Jambeiro ist eine der kleinsten davon. In unserer kleinen Kirche gibt es nur etwa 60 Sitzplätze (vgl. in der größten Basisgemeinde gibt es etwa 500 Sitzplätze!), aber dafür zeichnet sich unsere Basisgemeinde durch eine sehr gute Gemeinschaft aus. In unserer Basisgemeinden trifft sich wöchentlich ein Hauskreis, die Legion Maria, drei Katechesegruppen für Kinder, eine Jugendgruppe und es gibt gelegentlich Taufvorbereitungskurse für Eltern, die Kinder taufen lassen wollen. Weiters existiert eine Gruppe, die die Finanzen verwaltet und einen Basisgemeinderat. Immer wieder gehen wir auf "Pfarrmission" und laden die anderen Einwohner des Stadtteils in die Basisgemeinde ein oder beten in ihren Häusern. Alle zwei Wochen kommt einer der beiden Comboni-Missionare, um mit uns Eucharistie zu feiern. Gelegentlich gibt es auch Taufen in unserer Basisgemeinde.

 

Höchst unterschiedliche Kirchenkonzepte
Als die anderen beiden Pfarren von Diözesanpriestern übernommen wurden, haben diese ein anderes Kirchenkonzept verfolgt, in der alles zentralisiert in der Hauptkirche geregelt wird und nur selten in den Basisgemeinden, die nun Kapellen genannt werden, Messe gefeiert wird. Für alles andere - Gebetsgruppen, Katechese für die Kinder und Erwachsene, die neu zum Glauben gefunden haben, Taufvorbereitung etc. - müssen die Leute nun einen langen Weg auf sich nehmen. Das aber bedeutet, dass besonders die Armen, die es sich nicht leisten können, mit dem Bus zu fahren, vom Gemeindeleben ausgeschlossen werden, weil der Weg in die Hauptkirche oft eine oder bis zu zwei Stunden zu Fuß ist. So haben viele engagierte Basisgemeindemitglieder der Kirche enttäuscht den Rücken zugewendet und sich einer näher gelegenen Freikirche angeschlossen. Abgesehen davon ist es natürlich traurig, wie viele Charismen und Fähigkeiten von engagierten Basisgemeindemitgliedern auf einmal nicht mehr zählen. Warum sollten diejenigen, die näher bei der Hauptkirche wohnen, bessere Katechisten sein als diejenigen, die weit weg wohnen? Wie schade, wenn die Menschen nun nicht einmal mehr in ihrer Basisgemeinde miteinander wöchentlich Wortgottesdienst feiern können. Welches Recht hat die Kirche, Menschen auszuschließen, bloß weil sie am absoluten Rand der Gesellschaft wohnen? Klar, für die Priester ist es angenehmer, in der Hauptkirche zu bleiben, als der Reihe nach die Basisgemeinden zu besuchen. Aber ist das die Kirche, die wir wollen?

 

Die Basisgemeinde Vila Isabel, die der Pfarre Anjo da Guarda zugeordnet werden hätte sollen, hat Widerstand geleistet und es geschafft, den Bischof zu überzeugen, dass sie zur Pfarre Hl. Daniel Comboni gehören will, um als Basisgemeinde weiter zu bestehen. Es ist immer schön, dorthin zu kommen, weil es eine Basisgemeinde ist, in der sehr viel Begeisterung und spirituelle Tiefe zu spüren ist. Wie gut, dass es sie gibt.  

Ein anderes Problem, das ich in diesem Zusammenhang sehe, ist das Priesterbild. Wenn hier jemand Priester wird, ist das ein großer sozialer Aufstieg. Priester zu sein bedeutet, Prestige zu haben, eine Karriere anzustreben, ein Auto zu besitzen (Prestigesymbol!), den Lebensstandard zu steigern. Es gibt unter den Diözesanpriestern einen großen Streit um die reichen Pfarren. Fast niemand will an den Stadtrand, weil dort die Pfarrmitglieder bei weitem weniger zum Unterhalt der Priester beitragen können. Außerdem streben es die meisten an, weiter zu studieren, um größere Chancen auf eine reiche Pfarre oder gut bezahlte Arbeitsstelle zu haben. Einerseits ist diese Haltung irgendwie verständlich, andererseits aber kommt es mir manchmal vor, als ob das Evangelium hinter vielen wirtschaftlichen Überlegungen zurückbleibt. Ich glaube, dass es hier wirklich sehr schwierig ist, zu wissen, welche Gründe jemanden dazu bringen, Priester zu werden.

 

Ein Skandal, der unsere Diözese schüttelt
Unsere Diözese wird derzeit durch einen Pädophilieskandal geschüttelt. Ein Priester wurde gefangen genommen, weil er mit 4 Jugendlichen im Stundenhotel auf frischer Tat ertappt worden ist. Während der Zeit seiner Beschattung durch die Zivilpolizei wurden in 2 Monaten 50 Besuche in Stundenhotel gezählt. Er hat in einem Interview ausgesagt, dass er mit 50 männlichen Kindern und Jugendlichen sexuellen Kontakt gehabt habe und mit ihnen gemeinsam Drogen konsumiert habe. Er sagte weiters, dass ihn die Jugendlichen erpresst haben, an die Öffentlichkeit zu gehen. Es stellt sich also die Frage, woher dieser Priester das Geld hatte, um die erpressten Gegenstände zu zahlen. Er sagte außerdem, dass der Bischof (Dom Paulo) von seinem Problem gewusst habe und ihn in psychologische Behandlung geschickt habe, die er ein Jahr lang gemacht habe. Als Grund für seine pädophilen Tätigkeiten nannte er, dass ihm das Prestige und das Geld gefehlt habe, weil er nicht zum Pfarrer ernannt worden war. Er sagte weiters, dass er nicht der einzige Priester sei, der mit Jugendlichen sexuellen Kontakt gehabt habe. Auch die 13 Jugendlichen, die bereits gegen ihn ausgesagt haben, nannten noch andere Priester. Anfang Dezember wurde ein anderer Priester verhaftet. Derzeit laufen mehrere Verfahren gegen weitere Priester.

Natürlich hat dieser Skandal Auswirkungen auf die ganze Kirche. (Ich glaube, meine österreichischen Freunde kennen diese nur zu gut!) Viele Menschen wenden der Kirche den Rücken zu. Diejenigen, die engagiert sind, ernten Spott. Die Glaubwürdigkeit aller Amtsträger und auch Laien wird in Frage gestellt.

  

Unser neuer Bischof
Ein Hoffnungzeichen in dieser schwierigen Kirchensituation scheint mir die Ernennung von Dom José Belezario zum neuen Erzbischof von São Luís zu sein. Er hat schon ein paar Jahre im Landesinneren als Bischof gearbeitet und löst nun Dom Paulo ab, der aus gesundheitlichen Gründen um seinen Rücktritt angesucht hat. An seinem ersten Wochenende als Erzbischof von São Luís hat Dom José Belezario gleich die Generalversammlung von der Gefängnispastoral besucht und uns seine Arbeitsschwerpunkte beschrieben. Ich habe einen recht guten Eindruck und traue es ihm zu, die Kirche aus dieser schwierigen Situation herauszuführen. Möge Gott ihm für diese Aufgabe viel Heiligen Geist schenken.

 

4. Kapitel: Versuch von sozialpolitischen Analysen
In diesem Teil möchte ich zunächst die politische Grundstimmung beschreiben, dann die traurigen Ergebnis der Waffen(verkaufs)volksabstimmung und des Baus des Eisen- und Stahlriesen beleuchten und zuletzt ein paar Fälle beschreiben, in denen Wertvorstellungen aufeinanderprallen.

 

Politische Grundstimmung
Ohne ins Detail gehen zu wollen, muss ich leider feststellen, dass die politische Großwetterlage stark bewölkt und stürmisch ist. Die meisten Menschen haben unter anderem aufgrund der letzten großen Korruptionsskandale, in die die PT (Arbeiterpartei) verstrickt ist, das Vertrauen in Lula verloren und ziehen sich enttäuscht aus allem, was Politik betrifft, zurück. Viele, die die Wahl Lulas als große Chance für eine gerechtere Politik gesehen haben, die die Bürger- und Menschenrechte beachtet und einen sozialen Ausgleich schafft, sind enttäuscht worden. Oft hört man, dass es ganz egal ist, wer an der Macht ist und dass sich nie etwas an der Armut ändern wird, in der große Teile der Bevölkerung leben. Mich erschreckt die Hoffnungslosigkeit, die jetzt den (noch viel korrupteren) Parteien der Superreichen ein leichtes Spiel beschert.

 

Die Volksabstimmung über das Verkaufsverbot von Feuerwaffen und Munition (oder: ein "Nein!" mit Folgen)
In dem oben genannten politischen Kontext ist das Ergebnis der Entwaffnungsvolksabstimmung zu sehen. Am 23. Oktober 2005 war ganz Brasilien aufgefordert, über die Frage des Verkaufsverbotes von Feuerwaffen und Munition abzustimmen. Um die Abstimmungsfrage zu verstehen, muss man wissen, dass am 22. Dezember 2003 ein Statut zur Entwaffnung in Kraft getreten ist, das das Waffengesetz verschärfte. Darin wurde das Tragen von Waffen in der Öffentlichkeit verboten, das Besitzalter angehoben, die Besitzregeln und die Bestimmungen rund um den illegalen Waffenhandel und internationalen Feuerwaffenhandel verschärft. Im Oktober dieses Jahres stand nun die Volksabstimmung über die Frage des Verkaufsverbotes von Feuerwaffen und Munition auf dem Programm.  

Damit ihr die Brisanz der Entwaffnungsvolksabstimmung ein wenig besser verstehen könnt, ein paar Daten: In Brasilien zirkulieren etwa 17,5 Millionen Waffen (bei 170 Millionen Einwohner - Stand 2000) von denen etwa 90% in der Hand von Zivilisten sind. Im Jahr 2003 sind im Schnitt in Brasilien täglich 108 Menschen an Feuerwaffen gestorben, also fast 40 000 im Jahr. Die meisten der Opfer und Täter sind junge Männer unter 25 Jahren, die in Banden- bzw. Drogenkonflikte verwickelt sind.

Um euch nicht länger auf die Folter zu spannen, das (traurige) Ergebnis der Volksabstimmung war "Nein!", ein "Nein!" zu Verkaufsverbot von Feuerwaffen und Munition. Brasilienweit sprachen sich etwa zwei Drittel der Bevölkerung für das Recht aus, Waffen zu (ver)kaufen. Ein Großteil der Bevölkerung hat dabei - meines Erachtens - nicht verstanden, dass viele Fragen bereits im Entwaffnungsstatut geregelt sind und dass es nur um die Frage des Verkaufsverbotes ging. Also ist dieses "Nein!" noch viel weiter zu fassen. Viele hatten gemeint, es ginge um das Recht, Waffen zu besitzen.

Sehr oft wurde angeführt, dass auf diese Weise die "guten Menschen" entwaffnet würden, damit die "Banditen" freies Spiel haben. Diese Unterscheidung ist allerdings sehr fragwürdig, weil es gerade die Waffen in den Häusern der "guten" Menschen sind, die für viele Morde verwendet werden. Es sind viele ("gute") Familien, in denen der eine oder andere Jugendliche in den Banden- bzw. Drogenkrieg verwickelt ist und Opfer oder Täter wird. Viele Menschen haben somit für das Recht auf Verteidigung gestimmt, ohne sich bewusst zu werden, dass sie in der Nacht, in der meist die Überfälle geschehen, meist im Schlaf überrascht werden und nie schnell genug zur Waffe greifen können, um sich zu verteidigen. Außerdem besteht für diejenigen, die eine Waffe im Haus haben, ein bei Weitem größeres Risiko, getötet zu werden. Die meisten der jugendlichen Mörder führen an, dass sei eigentlich niemanden umbringen haben wollen, aber getötet haben, weil sich das Opfer gewehrt habe.

Die Kirche hat sich sehr klar für ein Waffen(verkaufs)verbot ausgesprochen, doch die Werbung der Waffenindustrie war professioneller, manipulativer und spielte mit den Ängsten der Menschen. Außerdem ist diese Entscheidung in eine Zeit gefallen, in der der Korruptionsskandal von der PT an die Öffentlichkeit drang. Somit ist das "Nein!" auch ein "Nein!" zur PT und zu Lula. Aber das "Nein!" hat noch viel weiterreichende Auswirkungen. Gleich nach dem "Nein!" kam aufs Neue die Forderung nach einer Volksabstimmung zur Wiedereinführung der Todesstrafe in die Medien.

 

Der Eisen- und Stahlindustriekomplex (oder: Wie leicht man Arme manipulieren kann)

Ich habe im letzten Rundbrief das Problem des geplanten Baus eines riesengroßen Eisen- und Stahlindustriekomplexes (3% der Weltproduktion) in unserer unmittelbaren Nähe beschrieben. Es gibt Studien, die besagen, dass in unserer ganzen Region Itaqui-Bacanga (240 000 Einwohner) aufgrund von Umweltverschmutzung und Wassermangel in fünf Jahren niemand mehr leben kann. Vorige Woche wurde das Gesetz geändert, das aus unserer Insel, die bisher "ländliche Zone" war, nun eine "Industrieregion" machte. Der Bau ist nun nicht mehr aufzuhalten.  

Besonders hat mich dabei erschüttert, dass die Menschen, die derzeit auf dem Areal leben, diesen Bau wollen, weil sie davon überzeugt sind, dass sie dort Arbeit finden werden. Sie nehmen jedoch nicht zur Kenntnis, dass sie als Analphabeten dort (fast?) keine Chance auf einen Arbeitsplatz haben. (Das haben die Erfahrungen von anderen Fabriken, die in Maranhão gebaut wurden, gezeigt. Die meisten Arbeitsplätze wurden an qualifiziertes Personal aus São Paulo vergeben.) Es gab eine öffentliche Volksanhörung vor der Abstimmung der bundesstaatlichen Vertreter. Dazu wurden Menschen von den Dörfern, die ausgesiedelt werden müssen (14 000 Personen sind davon betroffen), mit Bussen hingefahren und erhielten während der Veranstaltung Chips und Erfrischungsgetränke von der Firma, die den Bau plant. Wie leicht sind doch arme Menschen ohne Bildung zu kaufen! Sie können sich sonst nie Chips und Cola leisten und gehen daher davon aus, dass es die Firma gut mit ihnen meint.

 

Wertekonflikte
Bei diesem Industriekomplex hat das Recht auf Gewinn über jenes auf Leben, Gesundheit und Natur gesiegt. Dieser Wertekonflikt, der durch unser neoliberales Wirtschaftssystem an vielen Orten vorprogrammiert ist, hat vor zwei Monaten in einem anderen Fall durch eine unerwartete Handlung eines Bischof zu einer Verlagerung der Gewichte geführt. Doch dazu mehr im nächsten Unterkapitel:  

 

Ein Bischof im Hungerstreik (oder: Der Wert des Lebens und der Natur über dem Eigentum)
Ich glaube, dass die Nachricht vom Hungerstreik von Dom Frei Luiz aus der Diözese Barra in Bahia bis zu euch gedrungen ist. Er hat am 26. September 2005 seinen Hungerstreik gegen die Verlegung des Flusses São Francisco begonnen, nachdem alle anderen Interventionen keine Frucht gebracht hatten. Dieser sollte in das Gebiet reicher Menschen umgeleitet werden, um etliche Kraftwerke zu errichten. Für viele Fischerdörfer und Flussbewohner würde das allerdings das Ende der Lebensgrundlage bedeuten und die Folgen für Natur und Umwelt wären nicht absehbar. Erst als ihm ein Treffen mit Lula und die (vorläufige) Einstellung der Umleitungspläne zugesichert worden sind, hat Dom Frei Luiz nach ein paar Wochen den Hungerstreik beendet.

 

Ein Richter, der die Gefangenen entlässt (oder: Das Recht auf eine menschenwürdige Haft)
Eine andere unerwartete Handlung hat Dr. Livingsthon José Machado, der Vollzugsrichter von Contagem in Minas Gerais, gesetzt. Er hat ab 10. November 2005 die Haft von 52 Gefangenen suspendiert und ihre Entlassung angeordnet, da es nicht genug Plätze im Gefängnis gab und daher keine menschenwürdige Behandlung möglich sei. Am 23. November 2005 wurde Dr. Livingsthon José Machado vom Dienst suspendiert. Zurück bleibt die bittere Erkenntnis, dass sein legitimes Grundanliegen, jedem Menschen das Recht auf eine menschenwürdige Haft zu gewähren, hier mit Füßen getreten wird.  

Der Mord an Sr. Dorothy Stang (oder: Sehnsucht nach Gerechtigkeit)
Eine gute Nachricht zu Letzt: Am 9. Dezember 2005 wurden die beiden Auftragskiller, die Sr. Dorothy Stang (US-Missionarin von Notre Dame) am 12. Februar 2005 im Bundesstaat Pará erschossen hatten, zu 17 bzw. 28 Jahren Haft verurteilt. Wie gut, wenn der Prozess nicht in der „Impunidade“ (= Straffreiheit) endet. Nun müssen wir nur noch hoffen, dass der Großgrundbesitzer, der den Mord in Auftrag gegeben hat, ebenso verurteilt wird.

 

5. Kapitel: persönliche Gedanken
Am Ende dieses langen Rundmails noch ein paar persönliche Gedanken. Manchmal macht mir die Ungerechtigkeit und Armut mit der ich hier konfrontiert bin, sehr zu schaffen. In Österreich ist es leichter, nichts vom Leid der Vielen auf der Welt zu sehen.   

Aber andererseits darf ich unheimlich viel Lebensfreude und Solidarität unter den Menschen spüren. Als meine Wohnungskollegin für ein Monat verreist war, haben sich unsere Nachbarn und Freunde rührend um mich gekümmert. Es zählt einfach das Miteinander. Ein anderes Beispiel für Solidarität lebt mir meine Basisgemeinde vor. Jedesmal, wenn ich abends alleine heimgehen müsste, begleitet mich eine bunte Gruppe von Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern bis an die große Straße, wo es nicht mehr gefährlich ist. Welch schöne und wichtige Geste! Ich bin den Menschen von hier sehr dankbar für die liebevolle Aufnahme.  

Nicht zuletzt bin ich Gott dafür dankbar, dass er mich auf diesen Weg geführt hat. Das Leben in bzw. für die Mission macht viel Sinn. Es ist in gewisser Weise eine Antwort auf all den Wahnsinn, der täglich zwei Drittel unserer Menschengeschwister (der Weltbevölkerung) betrifft. Ich kann nicht wegsehen und schweigen. Wie schön, am Reich Gottes mitzuarbeiten, sich einzusetzen für Werte wie Frieden, Gerechtigkeit, Liebe, Leben und Menschenwürde, einfach die eigene Zeit und Kraft jenen zu schenken, die es besonders brauchen, als Dienst an Gott und den Mitmenschen. Kurz gesagt: Ich weiß, dass ich gerade am richtigen Ort bin, auch wenn es manchmal nicht leicht ist. Ich kann nur jedem wünschen, diese Erfahrung machen zu dürfen.  

Möge uns alle der gute und menschenfreundliche Gott begleiten, durch neue Erfahrungen herausfordern, immer liebensfähiger machen und uns täglich mehr von sich zeigen. Unser Leben liegt in seinen guten Händen. Er weiß, was er tut und wofür er uns braucht.

 

Eure Pia.

Oskar Berger