Respekt öffnet Türen

In knapp 80 Ländern rund um den Globus begegnen Steyler Missionare anderen Kulturen und Religionen mit Offenheit und Respekt. Ausgewählte Beispiele zeigen, wie das Engagement der Steyler Brüder und Patres von großer Achtung für das Andersartige geprägt wird.

Wasser für alle

Als Pater Marsel Arjon zum ersten Mal nach Kabongo kam, einem kleinen Dorf im Norden Togos, musterte ihn die Lokalbevölkerung kritisch. Ein christlicher Missionar? In einer überwiegend von Muslimen bewohnten Gemeinde? Mit bekehrungsvollen Absichten?

Pater Marsel Arjon und der Imam von Kabongo, einem kleinen Dorf in Togo, eröffnen feierlich gemeinsam einen neuen Brunnen auf dem Dorfplatz. 
Pater Marsel Arjon und der Imam von Kabongo, einem kleinen Dorf in Togo, eröffnen feierlich gemeinsam einen neuen Brunnen auf dem Dorfplatz.

Es brauchte Zeit, bis die Dorfbewohner dem Steyler Missionar offener begegneten. Vielleicht war es ein Dorffest, das den entscheidenden Anstoß gab – als Pater Marsel ausgelassen in den „Kinatchung“ einstimmte, einen lokalen Tanz. Vielleicht war es auch das freundschaftliche Verhältnis, das Pater Marsel zu Ibrahim aufbaute, dem 89-jährigen Imam des Dorfes.

Vor kurzem ist mit Pater Marsels Hilfe ein Brunnen gebaut worden. Vorher mussten die Dorfbewohner jeden Wassertropfen mühevoll aus dem Nachbarort herbeischaffen. Jetzt können sie das kühle Nass direkt auf den Dorfplatz pumpen. Offen steht der Brunnen allen, Muslimen wie Christen. „Als Missionar möchte ich schließlich für alle Menschen da sein, unabhängig von ihrer Hautfarbe, von ihrem Geschlecht oder ihrer Religion“, sagt Pater Marsel. „Jesus war schließlich auch für alle da!“

Achtung vor den Ausgegrenzten

Diese offene und respektvolle Haltung, die sich am Lebensbeispiel Jesu orientiert: Sie ist charakteristisch für das Missionsverständnis, aber auch die Lebensweise der Steyler Missionare. „Als Steyler leben wir in internationalen und interkulturellen Gemeinschaften miteinander“, sagt Pater Heinz Kulüke, der Generalsuperior der Steyler Missionare. „Allein dafür bedarf es eines großen Respekts vor dem Anderen. Unsere Kommunitäten sind ein wesentlicher Teil unserer Mission. Der Alltag in ihnen fordert uns heraus und bereichert uns zugleich.“

Als Missionar auf den Philippinen hat Kulüke jahrzehntelang demonstriert, was es heißt, diese interne Haltung treffend nach außen zu übertragen. Der Steyler Missionar begegnete den Menschen in den Slums von Cebu City ohne Vorbehalte – auch den Mädchen in den Rotlichtvierteln der Stadt.

„No judgement“ heißt entsprechend das Credo seines Nachfolgers Bruder Paul Bongcaras, der bis heute Nacht für Nacht in den Straßen Cebus unterwegs ist und jenen Beachtung schenkt, die von anderen ausgegrenzt werden: Arme, Obdachlose, Prostituierte. „Wir verurteilen diese Menschen nicht für das, was sie sind oder getan haben“, sagt Bruder Paul. „Wir respektieren sie, geben ihnen das Gefühl, mit ihnen gemeinsam auf dem Weg zu sein. Sünder sind wir alle. Niemand ist perfekt auf dieser Welt. Und es gibt immer einen Ausweg."

Jeden Abend ist Kulükes Nachfolger vor Ort, Bruder Paul Bongcaras, auf dem Straßenstrich von Cebu City unterwegs und hat immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Ängste der Mädchen. 
Jeden Abend ist Kulükes Nachfolger vor Ort, Bruder Paul Bongcaras, auf dem Straßenstrich von Cebu City unterwegs und hat immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Ängste der Mädchen.

Im anderen Christus entdecken

Dieser Art „wegweisend“ arbeiten Steyler Missionare in rund 80 Ländern der Erde, setzen sich für die Zukunft von Straßenkindern im Kongo ein, für Gefängnisinsassen in Brasilien, für Menschen mit Behinderung in Bolivien und für Leprakranke in Indien. Auch die Steyler Missionsschwestern kennen keinerlei Berührungsängste, bilden auf der philippinischen Insel Bohol junge Mädchen zu Multiplikatorinnen für eine Aufklärungskampagne über Sextourismus aus, helfen in Indien HIV-infizierten Frauen und Mädchen, die von ihren eigenen Familien verstoßen worden sind, engagieren sich in Rumänien für Roma-Familien, die selbst von Ordensleuten vor Ort gemieden werden. Im römischen Generalat der Schwestern ist vor kurzem ein Gebäudeteil in ein „Haus der Hoffnung“ umfunktioniert worden, in dem derzeit eine muslimische Mutter mit ihren drei Kindern und den Schwestern gemeinsam unter einem Dach wohnt.

„Wir können in allen Menschen Christus entdecken“, ist der Steyler Kongo-Missionar Hugo Tewes überzeugt. 
„Wir können in allen Menschen Christus entdecken“, ist der Steyler Kongo-Missionar Hugo Tewes überzeugt.

Das Engagement der Ordensleute: Es fußt auf ihrem unvoreingenommenen Interesse an den Menschen und Lebensumständen vor Ort. Der Steyler Kongo-Missionar Hugo Tewes sieht dieses Interesse und den Respekt der Steyler vor anderen Kulturen schon im Namen der Ordensgemeinschaft – „Gesellschaft des Göttlichen Wortes“ – begründet. „Der Evangelist Johannes lehrt uns im ersten Kapitel seines Evangeliums, dass das Wort Fleisch geworden ist“, sagt Tewes. „Jesus, der fleischgewordene Gottessohn, hat unsere menschliche Natur angenommen. Diese menschliche Natur beschränkt sich nicht auf das jüdische Volk, sondern bezieht sich auf die ganze Menschheit. Folglich können wir in allen Menschen und in allen Kulturen Christus entdecken und zollen ihnen entsprechenden Respekt.“

Demut und Dialog

Die Liste der Steyler Ethnologen und Anthropologen, die diese Entdeckungsreise zu ihrer Lebensaufgabe machten, ist lang. Pater Wilhelm Schmidt, der Anfang des 20. Jahrhunderts die „Wiener Schule“ der Kulturkreislehre begründet hat, Pater Martin Gusinde, der zwischen 1918 und 1924 vier Forschungsreisen nach Feuerland unternahm, der Krobo-Experte Pater Hugo Huber oder Pater Anton Quack, der sich viele Jahre lang um eine kritische Auseinandersetzung zwischen Mission und Anthropologie bemühte: Sie alle haben das heutige Missionsverständnis entscheidend mitgeprägt. Seine zentrale Haltung: nicht von oben herab mit Kreuz und Schwert, sondern auf Augenhöhe mit anderen Menschen, Religionen und Kulturen. Sein zentrales Instrument: der respekt- und vertrauensvolle Dialog.

Pater Ewald Dinter engagiert sich auf der philippinischen Insel Mindoro für das Naturvolk der Mangyanen.  
Pater Ewald Dinter engagiert sich auf der philippinischen Insel Mindoro für das Naturvolk der Mangyanen.

In einem solchen steht heute etwa der Steyler Missionar Fernando Diaz mit den Mapuche-Indianern in Chile, für deren Rechte und Anerkennung er sich einsetzt. Sein Mitbruder Ewald Dinter engagiert sich auf der philippinischen Insel Mindoro für das Naturvolk der Mangyanen. „Anfänglich bin ich an viele Mauern gestoßen“, erinnert sich Dinter. „Ich habe mich lange gedulden müssen, bis sie Vertrauen zu mir gefunden hatten. Eines Tages bei einem Fest kamen zwei alte Mangyanen zu mir und sagten: ‚Wir haben dich Tag und Nacht beobachtet. Und uns ist aufgefallen: Du hast keine einzige negative Bemerkung über unsere Kultur gemacht. Deshalb haben wir uns entschieden, dass du jetzt alles wissen darfst. Wir nehmen dich auf.‘ Das war einer der glücklichsten Momente meines Lebens.

Zu den glücklichsten Momenten seines Lebens zählt jener, in dem die Mangyanen ihn als einen der Ihren akzeptiert haben.  
Zu den glücklichsten Momenten seines Lebens zählt jener, in dem die Mangyanen ihn als einen der Ihren akzeptiert haben.

In der Begegnung: Flagge zeigen

Die Demut, mit der die Steyler anderen Kulturen begegnen, wird zu einer „mutigen Demut“, wenn sie dabei ihren christlichen Auftrag nicht vergessen. Beispiel Pater Michael Shaji: Im Norden Tansanias setzt sich der Steyler Missionar für das Nomadenvolk der Massai ein. Sein Respekt vor ihrer ausgeprägten ethnischen Identität ist ehrlich und aufrichtig. Dennoch scheut er sich nicht, in seinen Predigten jene Traditionen und Lebensweisen anzusprechen, die dem Christentum widersprechen. „So halte ich zum Beispiel die Männer immer wieder zu einem respektvollen, gleichberechtigten Umgang mit ihren Frauen an“, erklärt der Steyler Missionar. „Ich setze mich für den Schulbesuch der Kinder ein und argumentiere gegen die Zwangsbeschneidung und –verheiratung junger Mädchen.“

Der Steyler Missionar Pater Michael Shaji ist Seelsorger bei den Massai in Tansania.  
Der Steyler Missionar Pater Michael Shaji ist Seelsorger bei den Massai in Tansania.
Für Bischof Vincent Boi-Nai in Ghana ist trotz allen Respekts klar: „Als Christen müssen wir die Würde des Menschen verteidigen.“  
Für Bischof Vincent Boi-Nai in Ghana ist trotz allen Respekts klar: „Als Christen müssen wir die Würde des Menschen verteidigen.“

Im Norden Ghanas respektieren die Steyler Missionare, dass auch für überzeugte Christen Elemente und Ansichten aus den Naturreligionen eine Rolle spielen. Das tief verwurzelte magische Denken in den Köpfen der Menschen birgt jedoch manche Herausforderung für die Missionare, etwa wenn in der Kultur der Konkomba Menschen mit Behinderung als „Geister in Menschengestalt“ betrachtet, versteckt oder gar getötet werden. "Als Christen müssen wir hier ganz klar die Würde des Menschen verteidigen", sagt Vincent Boi-Nai, Steyler Bischof in der Diözese Yendi. "Wir müssen den Menschen ihre Angst nehmen und Aufklärungsarbeit leisten, insbesondere bei den Katechisten, aber auch bei den traditionellen Hebammen im Dorf.“

Achtsamkeit und Selbsterkennung

So respektvoll sich Religionen und Weltanschauungen begegnen: Reibungspunkte bleiben nicht aus. Dennoch ist Bruder Bernd Ruffing, der fünfeinhalb Jahre als Missionar in Thailand gearbeitet hat, überzeugt: „Jede Religion trägt etwas Gutes in sich und bringt dem Menschen etwas Gutes bei, damit er ein besserer Mensch werden kann.“

Bruder Bernd Ruffing (li.) ist überzeugt: „Jede Religion trägt etwas Gutes in sich.“  
Bruder Bernd Ruffing (li.) ist überzeugt: „Jede Religion trägt etwas Gutes in sich.“

Er selbst habe durch den Dialog mit Menschen aus anderen Kulturen und Religionen gelernt, wie wichtig es ist, das eigene Handeln zu überdenken und nicht vorschnell zu urteilen. „Dieser Tage habe ich an einem Workshop zum Thema Konflikttransformation in einem großen Flüchtlingscamp teilgenommen“, sagt Bruder Bernd. „Viele der Teilnehmer sind Muslime. Als ich morgens beobachtete, wie ein Mann meiner guten Freundin seine Hand verweigerte, war ich zunächst schockiert. Wir respektlos! Mir war es aber wichtig, das nicht vorschnell zu verurteilen. Und das war gut so, denn genau dieser Mann war es, der in den kommenden zwei Tagen alle Namen der ausländischen Frauen behielt, freundlich mit ihnen interagierte und wirklich sehr interessiert am Austausch war. Die körperliche Distanz, die ihm seine Religion gegenüber Frauen vorschreibt, hatte nichts mit seiner Haltung ihnen gegenüber zu tun. Ich selbst kam mir derweil wie ein Elefant im Porzellanladen vor, als ich während einer Kleingruppenarbeit ganz spontan einer muslimischen Mitarbeiterin meine Hand reichen wollte, um zum Ausdruck zu bringen, dass ich toll fand, wie wir in einer Sache die gleichen Ideen hatten.“

„Respekt muss allgegenwärtig sein“

Respekt für andere stärkt die eigene Wahrnehmung, baut Berührungsängste ab: Eine Haltung, die in Steyler Schulen und Bildungseinrichtungen auch an kommende Generationen vermittelt wird. Offen stehen sie Kindern und Jugendlichen aller Nationen, Religionen und Konfessionen.

„Ohne Respekt mache es keinen Sinn, über Gott zu sprechen“, meint der Steyler Generalsuperior Heinz Kulüke. 
„Ohne Respekt mache es keinen Sinn, über Gott zu sprechen“, meint der Steyler Generalsuperior Heinz Kulüke.

In der indonesischen Provinz Ende gibt es darüber hinaus noch ein ganz besonderes Schulprojekt. Ganz selbstverständlich arbeiten dort Steyler Missionare an einer muslimischen Schule mit, engagieren sich dafür, dass jährlich 200 Kinder unterrichtet werden können. „Gleichzeitig ist diese Schule ein fester Teil des Ausbildungsprogramms für den Steyler Nachwuchs in Indonesien geworden“, erklärt der Steyler Generalsuperior Heinz Kulüke. „Als Teil ihrer Ausbildung unterrichten die Seminaristen in dieser Schule und lernen so, Menschen anderer Religionen mit Respekt zu begegnen. Das Projekt hat schon vielen die Augen geöffnet.“

Und dennoch, räumt der Steyler Generalsuperior ein, gebe es noch viel zu tun. „Jede menschliche Begegnung muss durch Respekt gekennzeichnet sein“, so Kulüke. „Gerade in einer Welt, in der es viel Intoleranz und Gewalt gibt, wird es immer wichtiger, diesen Respekt ganz konkret zu leben.“ Ohne Respekt mache es keinen Sinn, über Gott zu sprechen und missionarisch zu wirken. „Papst Franziskus geht dabei mit gutem Beispiel voran.“

Markus Frädrich, Steyler Mission
 
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Ausstellung Mission Respekt

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Besuchen Sie die Ausstellung "Mission Respekt" im Foyer des Klosters Sankt Augustin.

Bis zum 31. Oktober täglich geöffnet von 9-19 Uhr.

Gottesdienste im Missionsmonat

Missionspriesterseminar St. Augustin
Missionspriesterseminar St. Augustin

Gottesdienste im Missionsmonat Oktober:

Eucharistiefeier: sonntags,
um 9:15 Uhr in der Klosterkirche
und um 19:00 in der Krypta