"Der Film ergab sich aus einem Gefühl heraus"

"Endstation Müll" ist der Titel einer 45-minütigen Fernsehreportage, die im Mai auf n-tv und im Juni auf RTL ausgestrahlt wird. Sechs Tage lang waren Autor Andreas Kuno Richter und Kameramann Christian Büttner mit Pater Heinz Kulüke und seinem Team auf den Müllkippen von Cebu unterwegs. Ein Dreh, der bei beiden Filmemachern nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat.

Andreas Kuno Richter und Christian Büttner (Mitte) mit Pater Paul (links) und jungen Frauen aus einem der Sozialprojekte der Steyler. ©A. Kuno Richter 
Andreas Kuno Richter und Christian Büttner (Mitte) mit Pater Paul (links) und jungen Frauen aus einem der Sozialprojekte der Steyler. ©A. Kuno Richter

Sie sind beide schon in einigen Teilen der Welt mit der Kamera unterwegs gewesen. Wie war es, auf den Deponien von Cebu City zu drehen?

Andreas Kuno Richter: Wir wussten ja, was uns erwartet. Uns war schon klar, dass der Dreh auf den Deponien nicht einfach werden würde. Durch den Gestank, die tropische Hitze, die Beschaffenheit des Bodens, der ja aus meterdicken Müllschichten besteht. Gleich am ersten Drehtag haben wir die Schraube einer Stativplatte im Müll verloren. Unmöglich, sie dort wiederzufinden. Wir haben festes Schuhwerk angezogen, um uns vor gefährlichen Gegenständen im Müll zu schützen. Vor dem Betreten jeder Hütte haben wir die Köpfe eingezogen, um nicht an einem der Blechdächer hängen zu bleiben. Aber an die Ratten und Moskitos, die wir während der Interviews verscheuchen mussten, haben wir uns bis zuletzt nicht gewöhnt.

Christian Büttner: In Cebu City liegen die Extreme dicht beieinander. Da sind die Menschen auf den Deponien, zu deren Armut noch die unglaublichen Umstände ihres Schicksals kommen. Da ist die Stadt, die nach westlichen Maßstäben strebt und lebt und Konsum über Konsum bietet. Und da ist das Rotlichtmilieu, dem man nicht entkommen kann und in dem ich mich immer fühlte, als sei ich in einem Vakuum angelangt, in dem nichts Menschliches mehr existiert. Dieser Gemengelage begegnen die meisten Filipinos mit völliger Selbstverständlichkeit. Ich selbst hätte den ganzen Tag damit zubringen können, völlig auszurasten oder in Depressionen zu verfallen.


Der Eingang zur Deponie ©A. Kuno Richter 
Der Eingang zur Deponie ©A. Kuno Richter

Wie haben die Menschen auf den Mülldeponien auf Sie als westliches Filmteam reagiert?

Christian Büttner: Die Menschen auf den Deponien haben etwas sehr Besonderes an sich. Trotz ihrer Armut haben sie eine Würde. Es gibt diese eine Aufnahme im Film von einer älteren Dame. Sie wühlt im Müll und gleichzeitig sieht sie so aus, als hätte sie eben noch mit den Enkeln im Kaffeehaus gesessen. Sie hat sich herausgeputzt, trägt im ordentlich gekämmten, weißen Haar einen Haarreifen. Eine Dame, die in ihrem hohen Alter noch darauf achtet, wie sie aussieht. Als würde sie nicht im Müll arbeiten. Diese Dame ist immer Teil meiner Erzählungen über Cebu.

Andreas Kuno Richter: Mich hat vor allem der ungebremste, warme, herzliche Kontakt mit den Kindern bewegt - und deren Ehrlichkeit, trotz ihrer Situation. Mehrfach sind mir während des Drehs die Stifte heruntergefallen, mitten im Müll. Die Kinder brachten sie mir jedes Mal zurück. Am letzten Abend auf der Deponie haben wir unsere Taschenlampe an eines der Mädchen verschenkt. Als wir dann später im Dunkeln etwas suchten, gab uns das Mädchen beschämt die Lampe zurück. Wir würden sie seiner Ansicht nach dringender benötigen.

Die Mülldeponie in Cebu City  ©A. Kuno Richter 
Die Mülldeponie in Cebu City ©A. Kuno Richter

Welche Begebenheiten sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Andreas Kuno Richter: Das Interview mit der 28-jährigen Julieta, der man  die Würde genommen hat, ihre Bleibe und ihr Neugeborenes. Ich habe selten in einem Interview so viele Tränen vergossen.

Christian Büttner: Als ihr während unseres Interviews unaufhörlich die Tränen über die Wange liefen, war es nicht leicht, die Kamera laufen zu lassen. Zwar verstand ich kein Wort, aber ich ahnte, welches Leid in ihren Worten lag. Doch dabei ging mir ebenso durch den Kopf, es einfach aufnehmen zu müssen. Um ungeschnitten zeigen zu können, was in Cebu tagtäglich und immer wieder passiert. Später haben wir erfahren, dass Julieta lange daran gezweifelt hatte, dass wir, die Weißen, sie wirklich "nur" interviewen wollten. Das hat mich förmlich umgehauen - und es verdeutlicht ungemein, welche Barrieren Pater Heinz Kulüke überwinden musste, um das Vertrauen dieser Leute zu gewinnen.

Pater Heinz und Jumarie auf der Deponie im Bezirk Laray ©A. Kuno Richter 
Pater Heinz und Jumarie auf der Deponie im Bezirk Laray ©A. Kuno Richter

Wie überhaupt haben Sie Pater Heinz Kulüke erlebt?

Andreas Kuno Richter: Eine meiner ersten Fragen an ihn war, wann er denn seine Akkus lädt. Und er sagte, er sei ein Arbeiterkind, er sei es gewöhnt, ununterbrochen auf den Beinen zu sein. Und das ist tatsächlich so. Er ist ein ungeheurer Praktiker. Er ist Arzt, er ist Seelsorger, er fährt Auto, er ist Logistiker - es gibt nichts, was er nicht macht. Er und sein Team kümmern sich um die körperlichen, aber auch um die geistigen Probleme der Menschen. Und vor allem um die Kinder. Wir schwer es für die Ordensleute teilweise war, die Eltern davon zu überzeugen, dass ihre Kinder zur Schule gehen müssen! Es ist das Ergebnis jahrelanger Überzeugungsarbeit.

Christian Büttner: Pater Heinz ist ein wahnsinnig gelassener und humorvoller Mensch. Ein Tausendsassa! Im Jugendsprech würde ich sagen: Er läuft durch die Straßen und hat überall seine "Buddys". Jeder kennt ihn. Er macht seine Arbeit nicht allein. Dennoch muss man einfach den Hut davor ziehen, mit welcher Ausdauer er die Projekte in Cebu über all die Jahre aufgebaut hat. Heinz Kulüke ist einer jener seltenen Menschen, die einfach ihre Arbeit machen, weil sein Gewissen ihm sagt, dass sie getan werden muss. Das würde er am liebsten ohne großes Aufsehen machen. Ich bin trotzdem sehr dankbar, dass er seine knappe Zeit unserem Dreh zur Verfügung gestellt hat.

Pater Heinz Kulüke hilft oft stundenlang  ©A. Kuno Richter 
Pater Heinz Kulüke hilft oft stundenlang ©A. Kuno Richter

Nach so einem Drehtag, dicht gepackt mit Ereignissen und Begegnungen im Müll: Kann man da abends abschalten?

Andreas Kuno Richter: Abends in unserem feinen Hotel haben wir erst mal den Fahrstuhl vollgestunken - und mussten eine Stunde lang duschen. Dann sind wir durch die Stadt gelaufen, mal gemeinsam, mal getrennt.

Christian Büttner: Unser Feierabendbier haben wir - mangels anderer Möglichkeiten - manchmal in der Mango-Road getrunken, der Rotlichtmeile schlechthin. Dort haben wir dann erschüttert festgestellt: Die Klischees vom Sextourismus stimmen. Die Menschen auf den Deponien nennen sich "Aasgeier" - in der Mango-Road kommt es dann zum Rollentausch. Die Ausländer fallen wie Aasgeier über ihre Beute her. Über junge Mädchen, die "leeren Hüllen", die nur darauf hoffen, dass der Freier ihnen nicht allzu viel antun wird. Alle Moral scheint verloren. Abschalten kann man da nicht.

Seit zehn Jahren gibt es in Talisay City einen Kindergarten  ©A. Kuno Richter 
Seit zehn Jahren gibt es in Talisay City einen Kindergarten ©A. Kuno Richter

Was nehmen Sie aus Ihrer Drehzeit mit nach Deutschland?

Christian Büttner: Die schockierende Erkenntnis, wozu Menschen offensichtlich fähig sind. Es ist und bleibt unbegreiflich. Ich frage mich dann oft, ab wann und wo so viel schiefgegangen ist. Heutzutage ist kein Ort auf der Welt mehr "fern". Und doch passiert so viel im Verborgenen. Menschen wie Pater Heinz Kulüke sind dabei die letzten "Außenposten der Zivilisation" und im Nachgang der Reise beobachte ich mich oft dabei, wie ich ärmeren Menschen begegne. Oft reicht schon ein Gespräch, ein nettes Wort. Pater Kulüke ist auch hier wieder das beste Beispiel: Völlig egal wo! Hauptsache, man fängt an!

Julieta musste schon als Kind durch Sex Geld verdienen. An Heiligabend starb ihre Tochter Princess Angel bei der Geburt  ©A. Kuno Richter 
Julieta musste schon als Kind durch Sex Geld verdienen. An Heiligabend starb ihre Tochter Princess Angel bei der Geburt ©A. Kuno Richter

Ist das die Botschaft Ihres Films?

Andreas Kuno Richter: Wir wollten in erster Linie die Geschichten der Menschen vor Ort erzählen. Sie - ihr Schicksal - steht im Mittelpunkt. Selbst die Musik, die wir verwenden, ist ihre Musik - die Musik, die Raffy Sanchéz gern hört, der ehemalige Straßenjunge, der heute andere Straßenkinder unterrichtet. Und die Musik von Roselyn, die mit ihren 13 Geschwistern auf dem Müll lebt und von einem Leben als Krankenschwester träumt. Ich bin wirklich froh, dass der Film so geworden ist, wie er ist. Wir haben beim Schneiden nicht eine Sekunde an irgendein Publikum, eine Zielgruppe gedacht. Der Film ergab sich eher aus einem Gefühl heraus.

Christian Büttner: Die Botschaft von "Endstation Müll" ist: Wenn wir das Gute in uns wiederfinden, wenn wir uns davon frei machen, uns über den Besitz zu definieren, wenn wir daran arbeiten, uns als Menschen zu verbessern um unserer selbst Willen, dann können wir die Probleme unserer Welt angehen. Wenn Menschen Menschen helfen, ohne einen Gegenwert zu verlangen, können alle zufrieden werden. Dass eine Veränderung durch einen einzelnen Menschen angestoßen werden kann, zeigt dieser Film.

Heiligabend auf einer Mülldeponie  ©A. Kuno Richter 
Heiligabend auf einer Mülldeponie ©A. Kuno Richter

Sie widmen Ihren Film am Ende Princess-Angel, Julietas Baby, das an Heiligabend bei der Geburt gestorben ist.

Andreas Kuno Richter: Wir haben uns schon während der Drehzeit intensiv über unsere Gefühle ausgetauscht. Als wir den Film geschnitten und gestaltet haben, kam uns beiden der gleiche Gedanke: Wir müssen den Film Princess-Angel widmen. Auch unser Schlusssatz bezieht sich auf Julietas Schicksal - und zugleich ist der das Motto von Pater Heinz: "Es gibt keine Hoffnung mehr, aber wir geben nicht auf".

Markus Frädrich
 
Herr Dieter Czaja     ©RTL.de
Herr Dieter Czaja ©RTL.de

„Die Idee, über Pater Heinz Kulüke einen Film zu drehen, ist gemeinsam mit der Katholischen Fernseharbeit entstanden“, sagt RTL-Redakteur Dieter Czaja, der seit vielen Jahren die Zusammenarbeit des Kölner Senders mit den Kirchen verantwortet. „Wir wollten den Menschen auf den Philippinen, für die er sich seit vielen Jahren stark macht, eine Stimme geben. Ich war sehr bewegt, als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe. Beides rührt an: Das Schicksal der Menschen und das unvorstellbare Engagement von Heinz Kulüke. So stelle ich mir einen Heiligen in der heutigen Zeit vor! RTL hat ein sehr junges, nicht besonders kirchennahes Publikum. Umso wichtiger sind solche Filme – um Verständnis und Nähe für eine christliche Weltsicht zu erzeugen.“