Jesus sehen

In den kommenden Tagen werden 11 junge Männer zu uns nach St. Gabriel kommen, um uns Steyler besser kennen zu lernen. Das tun sie im Rahmen ihrer Ausbildung zum „MaZ“. - Gleichzeitig wird eine Gruppe junger Erwachsener im Hause sein, um mit der Hausgemeinschaft die Kar- und Ostertage zu feiern.

Ich bin sicher: sie werden uns auch – bewusst oder unbewusst – gleichsam „auf die Finger schauen“, sie wollen sehen, wie wir leben und vor allem: aus was wir leben. Und ich bin zutiefst davon überzeugt: sie wollen auch ihrer Suche nach Sinn im Leben, der Suche nach Gott in diesen Tagen Raum geben.

Immer wieder haben Menschen nach Gott gefragt. Immer wieder wollen Menschen „Jesus sehen“, so, wie es im heutigen Evangelium von den Griechen hieß, die extra dafür zum Paschafest nach Jerusalem gekommen waren.

Vergessen wir dabei nicht: diese Griechen hatten von Jesus zwar wenig bis keine Ahnung. Aber dumm waren sie deshalb nicht. Ganz im Gegenteil: Griechen zählten damals zu den gebildeten Menschen. Sie waren vernünftige und vor allem aufgeklärte Menschen und waren daher mit „billigen Antworten“ sicherlich nicht zufrieden zu stellen.

Wie macht man das: „Jesus sehen“? – Nun, unsere Griechen im Evangelium haben sich ganz einfach mit ihrem Anliegen erst einmal an einen der engsten Freunde Jesu, an Philippus, gewandt. Eben so, wie man sich früher an den „Herrn Pfarrer“ wandte – denn der hat doch Theologie studiert, der musste es ja schließlich wissen.

Interessant: Philippus, der es eigentlich auch wissen müsste, scheint aber genau mit diesem Anliegen überfordert zu sein. Ja, wie macht man das denn wirklich: jemanden Jesus zeigen, der Jesus sehen möchte und den man nicht mit einfachen Antworten aus dem Katechismus zufrieden stellen kann?

Frage: was würde ich wir tun, wenn mich jemand am Arbeitsplatz oder in der U-Bahn, der nichts oder nur wenig von Gott weiß, nach Jesus fragen würde. Vielleicht: „Geh mal nach St. Gabriel. Das sind doch Missionare; die kennen sich da aus.“ Und der diensthabende Pförtner im Missionshaus würde dann vielleicht erst einmal Pater Rektor anrufen und ihm etwas nervös sagen, dass da jemand an der Pforte steht, der Jesus sucht.

Klingt etwas komisch in unseren Ohren, oder? Aber genau das war die Situation des Philippus. Und genau so hat er gehandelt. In seiner Überforderung suchte Philippus Rat und Hilfe bei Andreas, seinem Mitbruder. Zusammen dann gingen sie zu Jesus und trugen ihm das Anliegen dieser Menschen vor.

In diesem Zusammenhang lohnt es sich natürlich auch, auf Jesu Reaktion – auf seine Antwort – zu schauen. Wie so oft reagiert er nicht mit einer hohen Theologie oder mit einer weltentrückten Weisheit, sondern verweist auf ein Bild der Natur, dass selbst den gebildeten Griechen wohl bekannt sein mochte: das Weizenkorn.
„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt, bleibt es allein.“
Ein Mensch, der in seinem Leben nur an sich denkt, nur an den eigenen Erfolg orientiert ist und nicht bereit ist, sich für andere zu öffnen, der bleibt hart und der wird das Leben verlieren.

Wenn ich Leid, Krankheit und Sterben in meinem persönlichen Leben weit weg schiebe – selbst, oder gerade wenn ich schon 70 oder 80 Jahre alt bin - und kein Gespür mehr für die Welt „da draußen“ mit ihren Sorgen und Nöten habe, dann muss ich damit rechnen, dass ich in meinem Leben allein bleibe, spirituell austrockne und mir jeder Sinn des Lebens (auch im Kloster, auch in meiner Partnerschaft) abhanden kommt.

Vergessen wir nicht: diese Antwort Jesu deckte sich mit seinem Leben, denn in wenigen Tagen werden wir bereits davon hören, wie Jesus selbst aus Liebe zu uns gelitten und das Kreuz für uns getragen hat. Nur durch Karfreitag hindurch konnte er zu Ostern – dem neuen Leben gelangen.

DAS ist die Botschaft, mit der wir - auch und vor allem als alte Menschen und ergraute Ordensmänner - auch heute noch Menschen zu Jesus führen können; Menschen, die uns nach ihm fragen: Sei bereit, dein Leben in die Waagschale zu werfen und alles auf Gott zu setzen. Sei dazu bereit, dich aufreiben zu lassen für das Evangelium, lass dich pressen von den Nöten dieser Welt – die ja Seine Schöpfung ist.

Wenn uns das überzeugend gelingt – in den kommenden Tagen hier in St. Gabriel bei den jungen Menschen und bei ihnen in der Familie, am Arbeitsplatz oder im Gespräch mit ihren Enkelkindern – dann können wir das neue Leben feiern. Dann sind wir bereit für das Osterfest!

P. Norbert Cuypers SVD