Gegengift gegen das Böse sein

Liebe Schwestern, liebe Brüder

Wann haben sie zuletzt in einem Familienalbum geblättert, Gelübde- oder Hochzeitsfotos angeschaut? Geschichten aus der Vergangenheit ausgetauscht? Der eine oder die andere besitzt vielleicht sogar einen Stammbaum und kennt die eine oder andere Geschichte zu den Vorfahren. Ich finde es meistens gemütlich und spannend alte Fotos durchzublättern und Erzählungen dazu zu hören. Manchmal sind wir jedoch in der Versuchung, die alten Zeiten zu verherrlichen.

Die heutigen Texte zeigen uns, dass wir im Gottesdienst immer wieder alte Familienalben miteinander durchblättern, in unserer Glaubenschronik stöbern! Das wahrscheinlich weniger bekannte Buch der Chronik kann uns – denke ich – helfen zu entdecken, was es heißt in der Chronik der Heilsgeschichte nachzulesen.

Im hebräischen Ursprung wir das Buch betitelt: Worte – damit sind auch die Ereignisse und Taten gemeint - der Tage. Es will also ein Geschichtsbuch sein. Wir haben am Ende der Chronikbücher die Zeit vor und nach dem Exil gehört. Es zählt aber nicht einfach Fakten auf – oder reiht Protokolle aneinander, nein es greift auf alte Erzählungen zurück – die ganze Geschichte haben wir schon in den Königsbüchern gehört und an anderen Orten – es deutet die Geschichte und will sie fruchtbar machen, da wird nach unserem Verständnis von Geschichte so einiges durcheinandergewirbelt: vor allem weil die Chronikbücher Gott als den Handelnden in der Weltgeschichte sehen. Er macht fremde Könige stark – gibt Israel in ihre Hände.

Die griechische Übersetzung hatte anscheinend schon Mühe mit dieser erneuten, etwas anderen Geschichtsdarstellung und betitelte das Buch (paraleipomena) Überbleibsel, Ausgelassenes: Da findet sich ein anderer Blick: der König ist nicht der einzig wichtige in der Geschichte, auch das Volk ist wichtig im Glück und Unglück Israels.

Wir haben uns in dieser Zeit vorgenommen auf Lateinamerika zu schauen, uns einmal einen anderen Blick anzugewöhnen, uns mit dem Ausgelassenen, dem das nicht an erster Stelle der Tagesnachrichten kommt, mit dem Blick der Armen, Ausgebeuteten auf die Welt, d.h. die Geschichte Gottes mit uns zu schauen.

Erst Hieronymus gibt dem Buch dann den Namen Chronik. In dieser Chronik blättern heißt, alte Geschichten neu formulieren. Die Chronik fängt bei Adam an und geht bis zum Anfang einer neuen Zeit unter Kyros. Sie lädt uns ein, diese neue Zeit heute auch mit neuem Blick zu sehen, Initiativen zu unterstützen, die Menschen heute neues Leben ermöglichen.

Auch Jesus hat in dieser Chronik geblättert. Ein kleiner Blick auf den ausgeteilten Zettel, den P. Christian Tauchner SVD auch für diesen Sonntag vorbereitet hat, zeigt die Schlange aus dem Buch Nummeri, die vor tödlichen Bissen rettet. Der Evangelist deutet sie auf Jesus und sein Leben. Wir stehen in seiner Nachfolge und sind eingeladen Gegengift zu sein gegen tödliche Bisse der Ausbeutung, Unterdrückung, Bevormundung, Sprachlosigkeit, ...

P. Stephan Dähler SVD