Halte mich nicht fest

Halte mich nicht fest“ sagt Jesus zu Maria von Magdala
Sie war ihm sehr verbunden, sie verdankt ihm sehr viel und nach dem unfassbaren Tod am Kreuz war ihre Trauer groß.
Jetzt geschieht das Unerwartete. Zunächst ist das Grab leer, dann erkennt sie ihn nicht in dieser Begegnung am leeren Grab und schließlich erkennt sie den Herrn an der vertrauten Stimme.

Ein jeder von uns hätte wahrscheinlich ähnlich reagiert wie Maria.
Etwas festhalten, das uns wichtig ist, was unser Leben bereichert: Situationen, Dinge; jemand festhalten wollen, der uns ans Herz gewachsen ist.
An den Sonntagen der Fastenzeit hat P. Tauchner hier versucht, die biblischen Texte mit unserer aktuellen Lebenssituation in Bezug zu bringen.
Ich erinnere an die Themen:

Fasten meint eine neue Ausrichtung (Versuchung Jesu),
eine Verankerung in der Utopie (Verklärung),
die Menschenwürde zuerst (Tempelreinigung),
den Blick auf das Wesentliche sehen (Blindenheilung),
und schließlich Weizenkorn werden

Im Blick hatten wir auch die Menschen in Lateinamerika, weil sich Mitte Mai die Staatsoberhäupter in Wien treffen werden, um über das zukünftige Miteinander zu reden. Es besteht die Sorge, dass die Abhängigkeit des südlichen Teils des amerikanischen Kontinents von der Europäischen Union fortgeschrieben wird – also auch ein HALTEN WOLLEN.

Die Welt ist so klein geworden, dass wir uns unsere gegenseitigen Verbindungen und Abhängigkeiten bewusst halten müssen.
Als Christen sind wir aufgerufen, da ganz wach zu bleiben, über unser eigenes Herzenskämmerlein, über unseren Kirchturm hinauszublicken, uns für gerechtere Formen der Wirtschafts- und Handelsbeziehungen einzusetzen.

Ich denke, da hinein passen auch Gedanken, die ich einer Radiosendung der vergangenen Woche entnommen habe. Es ging um Strategien des Glücks.
Einer der Wege zum Glück, die uns bewusst gemacht werden, heißt Konsum, ein anderer: Wachstum der Wirtschaft.
Abhängigkeit, Ausbeutung der Natur und der Menschen ist die Kehrseite dieser Medaille. Das geht hin bis zur Bedrohung und Ausrottung indigener Völker. Unser Mitbruder P. Fernandes hat uns in der vergangenen Woche über die Situation der Mapuche in Chile berichtet.
In der westlichen Hemisphäre ist wichtig, am Erworbenen wenigstens festzuhalten, wenn nicht nach mehr und immer Neuem zu streben. Wir sind süchtig geworden und wir merken es nicht mehr. Ich rede hier nicht von Alkohol, Nikotin, Drogen oder Medikamenten (wo es auch zu viele Abhängigkeiten gibt).

Wir leben in der Konsumgesellschaft und wir machen mit.
Was wir gestern ersehnt haben, ist heute normal und morgen geht es ohne dem schon gar nicht, wir sind schon abhängig davon.
Was für ein Gemecker es gibt, wenn einen Tag lang die Internetverbindung nicht klappt oder einmal die Butter nicht rechtzeitig auf dem Tisch ist.
Den Menschen ist es noch nie so gut gegangen - auch denen in den untersten Schichten - wie heute, aber es gab auch noch nie so viele verzweifelte Menschen.

Sucht macht rücksichtslos gegenüber Menschen, gegenüber der ganzen Schöpfung.
Zudem: der Konsum der kleinen Leute ermöglicht den Gewinn der Großen.

Da hinein klingt uns das Wort des Auferstandenen: Halt mich nicht fest. Und er meint mit: es bringt Dir nichts, wenn Du am Alten festhältst.
Paulus drückt es im Brief an die Korinther ganz klar aus: der alte Sauerteig (der Zersetzung, der Sünde) muss fortgeschafft werden.
Ostern ist der Tag des neuen Anfangs – raus mit dem alten Sauerteig.

Halt mich nicht fest meint dann auch, dass die Auferstehung nicht die Rückkehr in altvertraute Verhältnisse und Bindungen ist, sondern Aufbruch und Durchbruch in eine Dimension des Lebens aus Gott und mit Gott.

Auferstehung ist ein großes Geschenk: neues Leben ist möglich geworden. Wir dürfen es heute feiern. Auferstehung wird im Alltag dort möglich, wird dort erfahrbar, wo wir uns auf Jesu Wort einlassen: halt mich nicht fest; wo wir auf sein Wort setzen und anderes diesem unterordnen. Wenn wir nicht mitmachen im Wettlauf um Haben, Einfluss und Macht, wenn wir den Süchten zu widerstehen suchen, uns ein Herz für Gerechtigkeit und Wahrheit zu bilden suchen und tätige Hände haben, dann beginnt dieses Geschenk zu wirken.

Ich wünsche Ihnen Freude an diesem Fest, Freude an der Auferstehung des Herrn, am neuen Leben. Ein gesegnetes Osterfest.

P. Franz Pilz SVD