Gesegnete Menschen hinterlassen Spuren der Liebe

„Und ihr, wollt auch ihr mich verlassen?“ Jesus stellt seinen Aposteln diese überraschende Frage, in einer äußerst kritischen Situation. Seine Rede über das lebendige Brot, das er selbst sei, hat die Jünger verwirrt.

Welch ein ungeheurer Anspruch! Brot des Lebens zu sein. „Was er da redet, geht zu weit. Nein, das kann man nicht mit anhören.“ Viele kehren ihm daraufhin den Rücken. An diesem Anspruch Jesu scheiden sich die Geister. Gott will den Menschen so nahe kommen. Unerträglich nah! So nah, dass so 'verrückte' Menschen wie Paulus später sagen werden: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20).

Jesus ist Zeichen des Widerspruchs, von Anfang an. Was Du sagst, ist eine Zumutung“, sagen viele zu Jesus. – Jesus mutet uns einiges zu. Dass wir ihn an uns heranlassen, dass wir ihn einlassen, dass wir aus Ihm heraus leben. „Wollt auch ihr gehen?“ Jesus scheint Erfolgsdenken fremd. Erfolg ist keiner der Namen Gottes, lautet ein Ausspruch von Martin Buber.

Wir von der modernen Welt würden sagen: Jesus ist kein guter Werbefachmann. Ein solcher würde nämlich eine ganz andere Strategie entwickeln, um Menschen anzusprechen und an sich zu binden. Jesus sagt nicht: „Ihr werdet doch wohl bleiben, ihr lasst mich doch wohl nicht allein“, als würde ihm eine halb-herzige Antwort reichen. Nein, er stellt die Frage radikal.

Wer ist dieser Jesus? Wo wohnt er? Dieser Frage gilt es sich immer neu zu stellen, sie darf uns nicht los-lassen. Er wohnt mitten unter den Menschen, er teilt sein Leben mit ihnen, es zieht ihn zu den Menschen hin, zu gebrochenen und gescheiterten Existenzen, zu moralischen Versagern, zu Habenichtsen und Taugenichtsen. Er macht um Sünder keinen Bogen. Jesus hat keine Berührungsängste, Menschen blühen in seiner Nähe auf wie die Blumen im Frühling, den wir so sehr erwartet haben.

„Zu wem sollen wir gehen?“ Ja, zu wem könnten wir gehen? Es ist gut, denke ich, nicht sofort eine Antwort zu geben. Es ist gut, in sich hinein zuhören und zu fragen: Wohin gehe ich eigentlich? Welche Dinge, Menschen, Ereignisse, Angebote ziehen mich mehr an als Christus und nehmen mein Herz gefangen? Wovon lasse ich mich immer wieder in Versuchung führen, was oder wer drängt sich immer wieder zwischen Gott und mich?

„Herr, zu wem sollen wir gehen, nur deine Worte bringen ewiges Leben. Wir glauben und wir wissen, dass Du der bist, in dem uns Gott begegnet", sagt Petrus. Aber sein Glaube ist ein angefochtener Glaube. Er wird Jesus dreimal verleugnen, und erst nach einem dreifachen Liebeserweis wird ihm aufgetragen werden, die Schafe Jesu zu weiden.

Glaube ist nicht etwas Fixes, es ist ein kontinuierliches Suchen und Ringen. Die Antwort des Petrus hat es in sich. Denn sie spricht in dichtester Form aus, um was es in unserem Glauben geht: es geht um Jesus, den menschgewordenen Gottessohn. Er ist unser Alles. Er will in unser Leben eintreten und es verwandeln. Er will uns helfen Schritte zu tun, vom Tod zum Leben, von der Angst zur Zuversicht, vom Egoismus zu einer Liebe, die sich verschenkt.

In den letzten Monaten wurde viel über das 2. Vatikanische Konzil nachgedacht, das vor 50 Jahren eröffnet wurde und so große Hoffnungen weckte. Es gab Vortragsreihen da und dort. Wir hatten in unserem Exerzitien- und Bildungshaus u.a. Weihbischof Helmut Krätzl zu Gast. Er sprach über „Gaudium et spes“, die Pastoralkonstitution, in der es um die Kirche in der Welt von heute geht. Sie beschreibt unseren Auftrag für die Welt und die Menschen. „Gaudium et spes“ betont emphatisch: es gibt keinen Glauben an den Sorgen und Ängsten, an den Freuden und Hoffnungen der Menschen vorbei. Unseren beiden Ordensgemeinschaften ist ja das ein ganz zentrales Anliegen: Sorge um die Menschen: um Arme, um Flüchtlinge, um Schubhäftlinge, um Kranke und gebrechliche Menschen, um ausgebeutete Frauen, um die, die auf der Suche sind, um Jugendliche, die sich nicht zurechtfinden im Dschungel so vieler Sinnangebote.

Wir sind gesandt hin zu den Menschen, wir sind Christen für andere. Vielleicht kommen manche Probleme nur deshalb auf, weil wir zu sehr um uns selbst kreisen.

Papst Franziskus hat zu argentinischen Bischöfen gesagt: Eine Kirche, die sich nicht den Menschen aussetzt, wird krank. Wenn man sich den Menschen aussetzt, gibt es auch Verletzungen. Aber lieber eine verletzte, als eine kranke Kirche.

Wir feiern jetzt Eucharistie. Was bedeutet es mir, dass Jesus Christus sich mir zu essen gibt, sich mir anbietet in der Eucharistie, wo er mir in einer Tiefe begegnen will, die keine menschliche Begegnung erreichen kann? Er will unseren Glauben erneuern und unser Herz mit Liebe erfüllen. Echte Liebe führt zum Dienst, keinen wahren Dienst kann es ohne Liebe geben. Echter Glaube, wahre Liebe nährt sich aus der Begegnung mit dem Wort Gottes und der Eucharistie.

Ein solcher Glaube, der genährt wird, treibt uns an, auf die Menschen zuzugehen und auf sie einzugehen, auf den konkreten Menschen, der lacht und weint, der verbittert oder voller Angst ist, der keine Zukunft mehr sieht, und der Vergangenheit nachtrauert, der arm ist oder ausgegrenzt oder am Boden zerstört.

Neu wollen wir das heute beherzigen, verinnerlichen, dass wir gesandt, in Dienst genommen sind, um die unglaubliche Liebe Gottes für andere spürbar und erfahrbar zu machen, damit sie aufleben, neu Mut fassen und voller Hoffnung in die Zukunft gehen.

Wir sind von Gott gesegnet, dürfen mit bauen an seiner Neuen Welt, das ist eine Gnade.
Gesegnete Menschen hinterlassen, wenn sie gehen müssen, keine Schlagzeilen, wohl aber Spuren der Liebe. Ja, letztendlich zählt nur die Liebe.

P. Elmar Pitterle SVD