Predigt am Gründonnerstag: P. Elmar Pitterle SVD

Die Würfel waren längst gefallen. Jesus wusste, dass sein gewaltsames Ende bevorstand. Denn sein Projekt von Gottes neuer Welt stand in totalem Widerspruch zum Projekt der Mächtigen von Politik und Religion.
Er wusste nur zu gut, wie Jerusalem mit Propheten umging. Und warum sollte es ihm anders ergehen als dem Täufer Johannes, der einen hohen Preis für seine Unerschrockenheit bezahlt hatte? 


Die Stunde des Abschieds nahte. Ein letztes Mal feiert Jesus Mahl mit seinen engsten Freunden. Zigtausende Pilger halten sich in der heiligen Stadt Jerusalem auf. Die Stimmung ist gedrückt. Das Herz der Jünger von Traurigkeit erfüllt. Nur der Evangelist Johannes erwähnt die Fußwaschung während des Mahles. Das ist äußerst auffällig. Dem Evangelisten war dieses Vermächtnis offensichtlich so wichtig, dass das gemeinsame Mahl ganz in den Hintergrund rückt. 


Jesus wäscht Füße – ein freier Mensch wäscht Füße, unerhört. Das war Sklavendienst. Wir können die Provokation eines solches Handelns heute wohl kaum noch erfassen. Die Drecksarbeit soll ein anderer tun, aber doch nicht der Herr, mögen sich seine Freunde gedacht haben.
Größenwahnsinnige und Tyrannen wie der römische Kaiser Caligula setzten die Fußwaschung zur Demütigung anderer ein. Er ließ sich von seinen eigenen Senatoren die Füße waschen. 


Der Herr und Meister demütigt niemanden, Er zeigt Demut, den Mut zum Dienen. Und stellt somit alle Maßstäbe auf den Kopf. Gott wird ganz klein.
Petrus geht diese Geste des Meisters gehörig gegen den Strich. Das ging entschieden zu weit. Was Jesus tut, widerspricht allen damaligen gesellschaftlichen Spielregeln. Der Meister bückt sich vor den Jüngern, wäscht schmutzige Füße, aber eigentlich wäscht er ihnen den Kopf. Denn die Hauptsorge der Jünger war bis zuletzt, wer der Größte von ihnen sei. Sie hatten nichts kapiert von dem, was Jesu tiefstes Anliegen war.
Hat sich so viel geändert im Laufe der Zeit? Was fasziniert ist die Karriere, Einfluss, Prestige, Macht. Wie oft lässt man den anderen Überlegenheit spüren. 


Wie leicht wird Macht missbraucht... Für die Herrscher dieser Welt gelten Maßstäbe, die mit Jesu Botschaft nicht in Einklang stehen. Die Herrscher dieser Welt klammern sich an die Macht, verteidigen sie mit Waffengewalt und sind bereit über Leichen zu gehen. Wie die Macht schmeckt, das ist mehr als der Titel eines Buches. 


Zurück zur Fußwaschung: Wir fragen vielleicht erstaunt: Jesus, gab es nichts Wichtigeres, was du Deinen Jüngern zur Stunde des Abschieds hättest mitgeben können als das Füße waschen? Hättest Du ihnen nicht irgendwelche Anweisungen geben können, wie die Kirche von Jerusalem zu organisieren wäre? Eine letzte programmatische Rede wäre wohl angebracht gewesen. – Wertvolle Zeit verrinnt, und Du wäschst Füße. Damit will Jesus wohl sagen: Es zählt nicht das Spektakuläre, es zählen nicht die vielen Worte, letztendlich zählt nur die Liebe, die sich verschenkt, die Liebe, die sich nicht scheut, sich die Hände schmutzig zu machen. 


Die Fußwaschung ist so etwas wie die Kurzformel unseres Glaubens: Wie beten im Credo: "descendit de coelis": Er ist vom Himmel herabgestiegen… Herabgekommen zu den Heruntergekommenen. Ja, einen „heruntergekommenen“ Gott nennt ihn der deutsche Bischof Franz Kamphaus. Ein Gott, der sich vor den Menschen in Ehrfurcht bückt…An dieses Bild kann man sich nicht so leicht gewöhnen… Lasst alles, was Kampf um obere Plätze bedeutet , will Jesus sagen. 


In der Eucharistie feiern wir Gottesdienst – Gottes Dienst an uns.
Wir reden so oft vom allmächtigen Gott – in den Gebeten der Messe ist fast ausschließlich vom allmächtigen Gott die Rede, das fällt mir immer wieder auf. Diktator Pinochet in Chile sprach immer, wenn er auf Gott zu sprechen kann, vom allmächtigen Gott – war wohl kein Zufall…wenn man Macht ausübt versucht man, sie von Gott her zu legitimieren. Und wenn man mit eiserner Faust regiert, passt ein menschenfreundlicher und barmherziger Gott nicht ins Rezept. 


Gottes Macht wird in Jesus sichtbar – aber welche Macht? Es ist die Macht der Ohnmacht. Gottes Macht ist seine Liebe, seine Güte und sein grenzenloses Erbarmen.
Wie kann ich mehr verdienen, fragen in der heutigen Leistungsgesellschaft viele? Bin ich bereit zu dienen, wäre die bessere, weil Evangelium gerechtere Frage. 


Es gibt eine jüdische Geschichte, die von einem Gelehrten handelt, der zum Rabbi kommt und sagt, er habe viele Bücher gelesen und studiert, aber Gott sei ihm noch nie begegnet. Ihm antwortet der Rabbi: Dann hast Du dich noch nicht tief genug gebückt. 


Die Eucharistie muss Ausgangspunkt sein für den täglichen Dienst am anderen, am Schwachen, am Kranken, am Gebrechlichen, an dem, der in Schuld geraten ist, an dem, der an sich selbst zweifelt oder glaubt, dass er Gottes Liebe nicht wert ist. 


Gott findet man nicht oben, in den Höhen, sondern unten, nicht in der Mitte, sondern am Rande. „Wer leben will wie Gott auf dieser Erde, muss sterben wie ein Weizenkorn, muss sterben, um zu leben…“, singen wir. 


Wenn man die Liebe dosiert, bleibt das Leben steril. Es kann nur fruchtbar werden in der Hingabe. Jesus ist das Musterbeispiel dafür.