Predigt in der Osternacht: P. Elmar Pitterle SVD

Eigentlich konnte man die Sache Jesu ja ad acta legen und zur Tagesordnung übergehen. Für seine Freunde war eine Welt zusammengebrochen, seine Feinde hingegen atmeten auf: Der Störenfried und Gotteslästerer war tot. Durch die Art, wie er hingerichtet wurde, war ganz klar, dass Gott ihn verlassen hatte, dass Gott nicht auf seiner Seite stand. 


Maria Magdalena und die andere Maria kommen im Morgengrauen, um nach dem Grab zu sehen. Im Grunde geht es nur mehr darum, einem Toten einen letzten Liebesdienst zu erweisen. Ihr Herz ist voller Trauer. Es war alles vorbei. Jesus war Vergangenheit und die Zukunft düster. 


Wie viele Menschen müssen ihre Hoffnungen begraben, sind verbittert, einsam und verlassen, auch heute.
Wo es keine Hoffnung mehr zu geben schien, geschieht etwas Unerhörtes: Gott selbst greift ein, Er lässt Jesus nicht hängen. 


Was bedeutet denn Ostern: Der Verschmähte, Verachtete, der Gedemütigte, der, den man als Gotteslästerer, als Verbrecher eliminiert hatte – im Glauben, Gott damit einen Dienst damit zu erweisen –, war Gottes geliebter Sohn. Schon bei der Taufe am Jordan hatten die, die ganz offen war für Gott – die Stimme von oben gehört: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden haben. 


Und inmitten der Krise auf dem Berg Tabor genauso: Das ist mein geliebter Sohn, auf Ihn sollt ihr hören. Am Tabor sehen seine engsten Freunde sein ver-klärtes, aber einige Zeit später sehen sie in Jerusalem sein ent-stelltes, blutverschmiertes Gesicht. Es ist derselbe Sohn Gottes. 


Ostern: Der Vater bestätigt die Optionen Jesu, den Weg Jesu, seinen Einsatz für Entrechtete und Außenseiter, seine Gesten voller Güte und Erbarmen. Das ist für mich der Kern der Osterbotschaft. Jesu Werke und Worte standen in Einklang mit Gottes Willen. Ostern: Etwas Neues beginnt. 


Letztendlich triumphiert nicht die nackte Gewalt. Hass und Fanatismus sind todbringend. Gewalt erzeugt nur mehr Gewalt, der Kreislauf des Bösen lässt sich nur die Liebe unterbrechen. Jesus hat diesen Kreislauf des Bösen gestoppt durch Liebe ohne Maß, durch Liebe ohne Widerruf.
Der Weg zum Leben führt über die Barmherzigkeit, die Friedfertigkeit und den Einsatz für Recht und Gerechtigkeit. Wenn Rache der Vergebung weicht, und Feinde einander die Hände reichen, wenn Liebe die Oberhand gewinnt, dann verändert sich ein Stück Welt. Und wo es Orte gibt, wo man versöhnt lebt und Menschen vom Rande in die Mitte geholt werden, wo z.B. Flüchtlinge keine Bedrohung mehr sind, sondern aufgenommen werden – da ist der Geist des Auferstandenen am Werk. 


Gott ist der Gott des Lebens, der die Steine wegwälzen will, die uns hindern, auf andere zu zugehen. Steine, die schwer auf uns lasten, wenn wir z. B. manchmal glauben, dass sich nichts mehr ändern kann in unserem Leben, weil wir uns mit unseren Schwächen und Fehlern zu sehr angefreundet haben. 


Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen, sagen wir wenn etwas gut ausgegangen ist, wenn sich eine Situation zum Positiven verändert hat und wir erleichtert aufatmen dürfen. Manchmal gelingt es, zurücklassen was uns bedrückt und einengt, was uns die Freude und Gelassenheit nimmt. Ängste, Schuldverstrickung und Resignation werden überwunden durch den Auferstandenen. 


Nicht wie Du Gott im Tode findest, sondern wie Er dich ins Leben zurückjagt, das macht das rechte Osterfest, schreibt Martin Luther. In Anspielung an Luther würde ich sagen: Lassen wir uns von Jesus zurückjagen ins Leben. Er will, dass wir anderen helfen, neu zu entdecken, wofür es sich lohnt, zu leben, zu hoffen und sich zu engagieren. 


Lassen wir unsere Herzen Feuer fangen für Gottes neue Welt, in der niemand mehr im Namen Gottes andere unterdrücken darf, in der die Gekreuzigten eine Sonderstellung einnehmen, weil der Auferstandene sich mit ihnen total identifiziert und ihr Leid auch Ihn selbst trifft. Dem Gott des Lebens, der uns einlädt jeden Tag Schritte zu tun, vom „Tod zum Leben“ Ihm sei die Ehre…