Predigt beim Requiem für P. Gottfried Vanoni SVD

Der Gott der Bibel ist ein Gott der Liebe und des Erbarmens und bleibt doch der ganz und gar Unverfügbare. Das erste Testament, unser Altes Testament, die Heilige Schrift, aus der Jesus lebte, und unser Neues Testament prägen das Bild dieses Gottes. Gottfried Vanoni hat immer wieder im Wort und in zahlreichen Schriften versucht, uns diesen Gott nahezubringen und unsere gläubig vertrauende Hingabe an ihn und seine Treue zu stärken. Etwas von dem mag in unserer Eucharistiefeier anklingen, in der wir von Gottfried Vanoni Abschied nehmen und ihm zugleich verbunden bleiben.

Er erkannte immer wieder die Nähe vor allem des Alten Testaments zu unserer Zeit und unserer Situation. In der Lesung mag diese Nähe anklingen.
Gegen Ende des Exils ist schon das babylonische Alltagsleben, die vielleicht nur scheinbare Überlegenheit von Kultur, Glauben und Wissenschaft, so beeindruckend, dass es den Glauben der Verbannten an ihren Gott aushöhlt. Da versucht ein unbekannter Prophet, ein später Jesaja, gegen Ende des Exils das letzte an Glaubenskraft in den Israeliten zu ermutigen und Zukunftshoffnung zu wecken. Gott bleibt der Unverfügbare. Seine Gedanken sind nicht unsere Gedanken und seine Wege und Gedanken sind den unseren himmelhoch überlegen. Aber sein Wort ist wirksam, hat die Macht von Naturgewalten. Wie jedes Jahr neu das Wunder seiner schöpferischen Kraft geschieht, der Regen die Erde tränkt und Samen und Keime zum Leben erweckt, so ist Gottes Wort nicht leeres, sondern wirksames Wort. Und wie der Regen nicht zum Himmel zurückkehrt, ohne die Erde getränkt zu haben, so kehrt auch Gottes Wort nicht wirkungslos zurück.

Dass Gottes Wort auch durch uns wirken und Frucht bringen will, macht das Evangelium deutlich. Von einem Feigenbaum wird erzählt, der nutzlos und unrentabel ist. Er bringt nichts und verbraucht nur. Der Besitzer will ihn umhauen lassen. Der Winzer will ihm noch eine Chance geben und ihn noch ein Jahr lang besonders pflegen. Vielleicht bringt er doch noch Frucht. So mögen auch Unfruchtbare im Weinberg Gottes besonders intensive Pflege und Betreuung nötig haben. Vielleicht gelingt auch hier das Wunder der Verwandlung und sie werden fruchtbar.

Mir drängte sich dieser Text in einer lieben kleinen Betrachtung von Gottfried Vanoni über das Wort „Vielleicht“ auf. Ein Nachsinnen über biblische Texte, in denen das „Vielleicht“ betont ist, wird zur Einladung, behutsam mit dem Wort und mit unserm Reden von Gott umzugehen. Das „Vielleicht“ ist dann nicht Ausdruck von Kleinglauben, sondern vor allem optimistisch gebraucht und Zustimmung zur Freiheit Gottes. „Denn wenn Gott etwas tut, dann nicht, weil er muss, sondern weil er will. Kein menschliches Tun und Reden kann Gott zum Handeln zwingen. Wer ‚Vielleicht’ sagt, lässt Gott seine Freiheit.“ Und „könnte ein ‚Vielleicht’ nicht mehr überzeugen als eine sture Behauptung?“

Die Unverfügbarkeit und Freiheit Gottes ist auch da festgehalten, wo sie als sperrig und unerträglich erfahren wird.  So deutete Gottfried Vanoni den Text aus dem Buch der Weisheit „Lasst uns dem Gerechten auflauern ... Er prahlt, Gott sei sein Vater. Wir wollen sehen, ob seine Worte wahr sind, und prüfen, wie es mit ihm ausgeht“ als das Schweigen Gottes: Menschen wollen am Menschen Gott ausprobieren, Gewissheit über Gott erzwingen. Aber man kann Gott nicht feststellen, nicht zwingen, sich zu zeigen, nicht einmal in der Schändung und Vergewaltigung der Menschen.

Ein anderer kleiner Aufsatz von Gottfried Vanoni hat als Thema „Biblisch aus Erinnerungen leben“. Danach bedeutet „Sich erinnern“ nicht sich in die Vergangenheit versetzen. Vielmehr soll Vergangenes, vielleicht schon Vergessenes, um seiner Aktualität willen aufgegriffen und für Gegenwart und Zukunft wirksam werden. Das lateinische Wort Recordari mag zum Verständnis helfen: Sich erinnern: dem Herzen wiedergeben, etwas in der Entscheidungsmitte des Menschen neu wirksam werden lassen. Dann kann auch verständlich werden, wie das Sich erinnern Gottes wichtig wird. Der Mensch lebt nicht zuerst aus eigener Erinnerung. Er verdankt sein Leben der Erinnerung Gottes. Dass Gott Leben schaffend sich erinnert, zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Bibel.

Wir erinnern uns: Auch die Feier der Eucharistie ist Erinnerung und darin neues Wirksam werden des Lebens und Sterbens und Auferstehens Jesu, Erinnerung an seine heilende, helfende und tröstende Gegenwart und Zukunft und an eine Gemeinschaft mit ihm und ein bleibendes Miteinander über den Tod hinaus. So darf es im Psalmwort der Parte heißen: Dies ist der Tag, den gemacht hat der Herr. Wir wollen jauchzen und Freude haben in ihm.

P. Josef Salmen SVD