Treue in der Nachfolge

Liebe Festgemeinde, liebe Verwandte, Freunde und Bekannte der Jubilare, liebe Mitbrüder und vor allem:
Liebe Jubilare, Franz, Michal und Jerzy.

Der Kölner Erzbischof, Kardinal Friengs, hat einmal an einem seiner vielen Jubiläen den Ausspruch getan: Je älter der Esel wird, umso mehr jubiliert er. Zwar seid ihr noch nicht alt und grau wie ein Esel, aber immerhin feiert ihr 25 Jahre Priestertum, das heißt, ihr seid in der Mitte eures Leben angekommen. Natürlich noch voll Lebenskraft und Saft, aber mit 50, wie ich euch in den Exerzitien gesagt habe, beginnt die zweite Reise euers Lebens, wo die Zielgerade – ob man sie wahr haben will oder nicht – am Horizont in Sicht kommt.
Mit 50 hat man gewöhnlich erreicht, was man mehr oder weniger zu erreichen hoffte und man weiß auch, wenn man Realist ist, was in Zukunft noch möglich ist und was nicht.
Der große Vorteil mit 50 ist: Man steht nicht mehr da, wie am Anfang des Priesterlebens, unerfahren, voller Träume und Ideale. Einige davon sind in Erfüllung gegangen, andere sind auf der Strecke geblieben. Ihr habt erfahren müssen, dass im Reiche Gottes Erfolg nicht etwas Alltägliches ist, womit man rechnen darf. Ich habe euch in den Exerzitien immer wieder das Wort von Martin Buber vorgehalten: “Erfolg ist kein Wort für Gott in der Bibel, die Schrift setzt an die Stelle von Erfolg das Wort Treue.” Gemeint ist eine Treue zu einer Teilnahme am Heilwerk Gottes, das er euch anvertraut hat und das er bestimmt nicht ihr, wie es ausgehen wird.
Die Erfahrung aber, dass er euch liebt, euch immer wieder vergibt und mit euch geht und eure Schwächen und Unvollkommenheiten mit mitleidender Liebe umgibt, kann und wird euch die Kraft geben, auch nach 25 Jahren in Freude weiter zu gehen und die Aufgabe zu erfüllen, wozu er euch gerufen hat, auch wenn der Erfolg sich nicht einstellt in einer Weise, die ihr erwartet hattet.

Priestersein heute
Die Rolle der Priester wird heute in Frage gestellt und viele Priester fragen sich, wozu sie den eigentlich noch da sind. Wenn wir auf die großen geistigen Autoren der Gegenwart hören, gibt es auf diese Frage zunächst nur eine Antwort: Zurück zu den Ursprüngen, d. h. zur heiligen Schrift.
Wie eine Anordnung – so sagen viele – finden wir in der Apostelgeschichte ein Umriss von dem, was von Gemeindeleitern, später Priester genannt, erwartet wurde. Dort wird die Geschichte erzählt: Wo die Apostel darauf bestehen, dass ihre Arbeit nicht darin bestehen darf, sich mit Verwaltung und administrativen Arbeiten in den Gemeinden zu beschäftigen, sondern, wie es wörtlich heißt: ”Wir wollen uns dem Gebet und dem Worte widmen, denn das ist unsere eigentliche Arbeit.” Sie verlangen daher, dass man für die Verwaltung und die Administration eigene Helfer einsetze, die Diakone, die sich darum kümmern sollten.
Des Priesters eigentliche Aufgabe ist daher von den Ursprüngen her die Verkündigung des Wortes Gottes in Predigt, Unterricht, Katechese, im schriftlichen Wort sowohl wie in den modern Medien in unserer Zeit. Allgemein gesagt, überall da, wo es direkt um die Verbreitung des Wortes Gottes geht (in Wort und Sakrament). Wenn das für alle gilt, dann wie viel mehr für uns, die wir uns „Gesellschaft vom göttlichen Wort“ nennen. Wenn wir davon überzeugt sind, werden wir auch heute herausfinden, wo wir uns als Steyler Missionare in der gegenwärtigen Situation mit den uns noch verbleibenden Kräften und Möglichkeiten eingliedern müssen.
Das zweite, was in der Apostelgeschichte genannt wird als eigentliche Aufgabe der Priester, ist das Gebet. Karl Rahner hat in den 60er Jahren den inzwischen oft zitierten Satz geprägt: “Der Christ der Zukunft wird entweder ein Mystiker sein, oder er wird keine Zukunft haben.” Was Rahner meinte, war: Er müsse ein Mensch sein, der von einer tiefen Erfahrung Gottes in seinen Leben geprägt sei. Eine Erfahrung, die ihn so ergriffen hat, dass er darüber sprechen muss und andere zu dieser Erfahrung einen Weg weisen kann. Kurz gesagt: Er muss ein Mann Gottes sein, ein lebendiges Evangelium. Oder wie es Roger Schütz immer wieder den Jugendlichen in Taizé zugerufen hat: “Ihr seid das einzige Evangelium, das die Menschen heute noch lesen.”
Das Wort, das ihr als Priester verkündet, das ja Jesu Botschaft ist, muss dabei liebend, werbend, heilend, tröstend, Mut machend, Hoffnung gebend, Leben versprechend sein. Ihr dürft nicht eure Enttäuschungen, eure Mutlosigkeit, euren Ärger und Verdruss über die Welt, über die Kirche und ihre Leitung und alle Missstände heute zu einem beliebten Gegenstand eurer Verkündigung machen, so berechtigt sie auch sein mögen. Vom Negativen kann man nicht leben. Im Gegenteil, wir verkünden die Gegenwart des Reiches Gottes, das Leben Friede und Freude bedeutet. Überzeugend aber wird unser Wort nur sein, wenn wir selber daraus leben und es ständig neu zu begreifen versuchen. “Überzeugen können, kann nur von Überzeugten ausgehen”, hat Kierkegaard einmal gesagt.

Der Maßstab Jesu
Ich habe Hunderte von Exerzitien für Priester und Ordensleute gegeben. Wenn es um uns Priester geht, gilt immer noch das alte Sprichwort: Der Priester wird bei den einfachen Menschen nicht danach beurteilt, wie viel Bauten oder Kirchen er errichtet hat, wie viel er geleistet hat, sondern im Letzten zählt: War er ein gütiger, frommer, liebenswürdiger und vor allem ein mitleidender Mensch? Der Maßstab ist Jesus selber. Wie Paulus es ausgedrückt hat: Denkt immer daran, was für einen Maßstab Jesus gesetzt hat. Ihr müsst mit dem Weinstock verbunden bleiben, wenn ihr seine Priester bleiben wollt, wie es uns das heutige Evangelium sagt (Joh 15,1-8).
Natürlich, der Priester ist kein geistiger Wunderdoktor. Er bleibt Mensch mit allem, was das heißt. Die Jünger, die Jesus erwählte, waren alles außer vollkommen. Sie alle hatten ihn verraten und im Stich gelassen als er festgenommen und hingerichtet wurde. Und doch hat Jesus sie immer wieder so genommen wie sie waren. Die Frage Jesu an Petrus nach der Auferstehung war nicht: “Wirst du von nun an keine Fehler mehr machen? Sondern Jesus fragt ihn schlicht und einfach: Petrus, liebst du mich? Auch der Priester braucht Menschen, die ihn ehren und achten, die ihm ein Wort des Dankens sagen, die seine Fehler in mitleidender Liebe ertragen. Die ihm aber auch in Liebe sagen, wo er Fehler macht und was er ändern muss.
Priester sein ist ein Wagnis, worauf man ohne Gottes Hilfe und seinen Geist nicht eingehen kann. So viel wird von einem Priester erwartet. Die Jünger Jesu hatten allen Grund, Jesus zu erwidern, als er ihnen seine Botschaft anvertraute: Wir sind doch nur ungelernte, einfache Fischer, wie hast du dir das denn gedacht, wie soll das denn gehen, wir und verantwortlich für deine Botschaft an die Menschen? Es gibt eine Legende, die erzählt wie selbst die Engel Zweifel daran hatten, als sie sich die Jünger Jesus ansahen:

Als Jesus in den Himmel auffuhr, begleitete ihn eine große Schar von Engeln. Als er schon fast in den Wolken verschwand, fragte ihn einer der Erzengel, der sich die kleine Gruppe der Jünger gut angesehen hatte, ehe sie auffuhren. "Entschuldige Herr, wer wird denn jetzt, wo Du die Erde verlässt, Deine Botschaft weitertragen? Jesus schon die Wolken ein wenig beiseite und deutete mit seiner Hand auf die Schar der Jünger, die nach oben schauten und sagte: "Die werden meine Sendung schon weitertragen." Der Erzengel, scheinbar nicht sehr beeindruckt von dem Anblick dieses Häufchens da unten, meinte nach einer Pause: "Entschuldige Herr, dass ich noch einmal frage. Wenn die nun versagen, hast Du noch einen anderen Plan?" Jesus schwieg lange, dann sagte er: "Nein, es gibt keinen anderen Plan, sie sind alles, was ich habe."

Wie beängstigend oder sogar lächerlich es auch klingen mag, wir sind alles, was der Herr hat. Wir haben den Auftrag erhalten, Gottes bedingungslose Liebe, sein grenzenloses Mitleid und seine ständige Bereitschaft, zu vergeben, allen unseren Brüdern und Schwestern in einer Welt zu verkünden, die uns rettungslos und ohne Hoffnung erscheint. Vergessen Sie aber nicht Jesu letztes Wort an seine Jünger:

Fürchtet euch nicht, denn ich bin bei euch
alle Tage bis ans Ende der Welt.

Nicht Erfolg, sondern Treue
Oft klagen mir Priester, wie frustrierend ihre Arbeit ist. Da haben sie sich Tage lang abgemüht, um eine Feier schön und festlich zu gestalten und wenn der Tag kommt, erscheinen nur ein paar alte Leute. Oder da werden die Kommunionkinder oder die Firmkinder Wochen lang mit viel Liebe und Mühe auf das Fest vorbereitet, und wenn es dann vorbei ist, sieht man die meisten nie wieder.
Ich tröste die Priester dann mit dem Gleichnis vom Sämann, das Jesus selber auch auf sich anwandte. Gebt nicht auf. Streut den Samen des Reiches Gottes immer von neuem aus. Ungeachtet der Beschaffenheit des Bodens, ob er steinig oder von Dornen völlig überwuchert ist; ob er trocken oder nass ist; ob er festgetreten ist oder als Pfad benutzt wird; ob die Vögel die Saat aufpicken oder nicht. Gebt nicht auf, fahrt einfach fort auszusäen, wie Jesus es getan hat. Das Ergebnis wird sein wie im Evangelium: Einiges wird sterben, anderes wird aufgefressen oder von den Dornen erstickt, aber einiges wird auch Frucht bringen. Das war Jesu eigene Vorgangsweise. Er hat nie aufgegeben. Und da Gottes Reich in der Welt gegenwärtig ist, wird einiges von dem, was wir säen, Frucht bringen und eingefahren werden, wie die Dinge auch immer stehen mögen.
Gott hat nicht von uns großen Erfolg erwartet, sondern Treue. Wir sind gerufen in Treue zum Herrn seine Botschaft unverdrossen weiter zu tragen und uns nicht um Erfolg zu kümmern, sondern darauf zu achten, dass die Botschaft immer wieder von neuen mit Freude und Begeisterung verkündet wird, damit die Menschen immer wieder von Gottes Liebe, von seiner Vergebung und seinem Mitleiden ergriffen werden.
Dass Erfolg oder Misserfolg dabei keine Rolle spielen dürfen, mag die folgende, wenn auch genügend bekannte, Geschichte noch einmal verdeutlich:

Als Mutter Theresa einmal gefragt wurde, wie sie mit der schrecklichen Situation in Kalkutta umgehe, da sie doch nur einer kleinen Schar von Menschen aus dem Meer des Elends helfen könnte, ob sie denn je das Elend der Tausenden erfolgreich verändern könnte, antwortete sie: “Der gute Gott hat mich nicht in die Straßen von Kalkutta geschickt, um erfolgreich zu sein, sondern damit ich in Treue für seine Liebe zu den Armen und Leidenden Zeugnis ablege, wenn ich ihnen in Liebe begegne.”

In Treue weitergehen, darauf kommt es heute an, offen für die Not der Menschen und mit dem Meister die gegenwärtige Welt und die sich schwer tuende Kirche mit mitleidender Liebe zu umarmen.
Zum Schluss noch ein Wort: Ihr, unsere Jubilare, habt 25 Jahre dem Herrn, so gut ihr konntet, gedient. Ihr steht jetzt auf dem Höhepunkt eures Lebens. Ihr seid unsere Mitbrüder und darauf sind wir stolz und danken Gott von Herzen, dass er euch uns gegeben hat. Wir sind aber auch dankbar für eure Eltern und Geschwister, die euch gehen ließen, die euch als Geschenk an uns gegeben haben. Mit Freude und Dankbarkeit gegen Gott wollen wir dieses euer Jubiläum mit Freude und Begeisterung mit euch feiern. Und euch vor allem den Geist in Fülle wünschen, den Jesus an Ostern über seine Jünger kommen ließ, damit ihr eure Berufung mit Freude in der Zukunft ausüben könnt. Denkt an das Wort des jetzigen Papstes, der in seiner Osteransprache im letzten Jahr sagte: Der Christ in der heutigen Situation muss ein Mensch sein, der hinter dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn das Osteralleluia singend einher geht.

P. Johannes Füllenbach SVD