Herstellen der Menschenwürde

„Her mit Mehr“ und „Geiz ist geil“ sind wunderbare Werbeslogans. Sie drücken perfekt eine Weltsicht aus, die die Menschheit und die Welt an ihr Ende bringt. Eine Haltung, die an Barbarei weit über das traditionelle homo homini lupus (Der Mensch verhält sich zum Menschen wie ein Raubtier) hinausgeht.

1. Am Anfang der Fastenzeit stand der Bund Gottes mit Noach: ein Segen für die gesamte Menschheit. Deswegen hat dieser Gott seinen Kriegsbogen an den Nagel gehängt. In der Lesung (Ex 20) schafft er seinem Volk, das er aus der Sklaverei herausgeführt hat, einen Lebensraum und –rahmen, der dieses begnadete Leben ermöglichen und sichern soll. Dazu stellen die „10 Gebote“ das Leben, den anderen und seine Bedürfnisse und Gott selbst in den Mittelpunkt.

Es hat allerdings nicht lange gedauert, bis auch diese Gebote legalistisch ausgelegt wurden: Was kann man noch tun, um das Gebot nicht zu übertreten, ohne es zu erfüllen? Jesus hat sich immer wieder mit solchen pedantischen Auslegungen gestritten.

2. Die Befreiungstheologie hat untersucht, wie es mit der Möglichkeit, das Liebesgebot zu leben, in der konkreten Welt ausschaut. Mit sozialwissenschaftlichen Mitteln hat sie die Gesellschaft analysiert und gemerkt, dass der Großteil der Menschen in Unterdrückung lebt, einer strukturellen, nicht zufälligen oder selbstverschuldeten Unterdrückung. Der Blickpunkt war dabei immer wieder der Arme, im Sinne des Spruchs des Irenäus von Lyon: „Die Ehre Gottes ist, dass der Mensch leben kann“ (gloria Dei pauper vivus).

Diese Theologie wurde oft und falsch angeklagt, sie hätte sich dem Marxismus verschrieben. Immerhin, selbst der Marxismus und das sozialistische System ist immerhin noch ein Humanismus, wie fehlgeleitet auch immer. Etwas, das man vom Kapitalismus nicht sagen kann, der sich einzig für das Kapital interessiert und ihm alles unterordnet (Johannes Paul II ist mit seiner diesbezüglichen verurteilenden Lehrmeinung nicht gehört worden).
Die gleiche Anklage hat auch Jesus sofort getroffen, als er den Tempel gereinigt hat: Man darf sich nicht an den „geheiligten“ Gewohnheiten und Strukturen vergreifen. Aber Jesus hat mit dem Tempel den konkreten Menschen („seinen eigenen Leib“) gemeint, so wie die Befreiungstheologie die Menschen gemeint hat, nicht die Machtstruktur Israels (Verkauf des Menschen und der Gnade Gottes) oder die Revolution (als ob einzig sie den Marxismus interessiert hätte).

Dagegen verbrämt sich das heutige Barbarentum mit religiösem Diskurs. Siehe dazu nur den Präsidenten Bush mit seinen Anrufungen der westlichen Zivilisation, wo es in Wirklichkeit immer um Krieg und Zerstörung gegangen ist. Abu Ghraib und Guantanamo sind die Realsymbole dieser Weltordnung geworden – die EU mit Kanzler Schüssel findet nichts Verurteilenswertes daran.

3. Jesus reinigt den Menschen von seinen Perversionen, die sich im Zentrum seines Lebens –in seiner Religion– angesiedelt haben und dort ein Zentrum des Kommerzes aufgerichtet haben. Jesus geht es um die Gottesbeziehung in Freiheit, im Freiraum und freien Rahmen der Gebote des Exodus.

Diese Gebote stellen den anderen Menschen und sein Leben in den Mittelpunkt. Jesus tut das auch wieder. In der Eucharistie feiern wir das: Seht, hier mein Leben und Leib für euer Leben; hier mein Blut für diesen neuen und ewigen Bund, an den der Bogen in den Wolken erinnert.
Das ist auch die Gnade und Aufgabe des Christseins: den anderen, besonders den Armen und Ausgeschlossenen (die Option für den Armen), in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen. Dazu brauchen auch wir die tiefgehende Reinigung und Läuterung unserer religiösen Anschauung, unseres religiösen Diskurses, um zu einer Praxis in unserer Lebenswelt zu kommen, die unser eucharistisches Feiern in die Welt hinausträgt, im Sinne des „ite missa est“.

P. Christian Tauchner SVD