Verankerung in der Utopie

Wenn Religion die Beziehung zu einer umfassenden, alles bestimmenden Wirklichkeit ist, dann ist in unserem christlichen Österreich die Religion nicht mehr das Christentum, sondern etwas anderes. Vielleicht das Kapital, vielleicht der Sport, vielleicht der Fußball. Wir werden verwiesen auf anonyme Horizonte der weltwirtschaftlichen Beziehungen und Zwänge oder auf kleinere Welten des Individualismus. Es ist das, was in der Bibel und in der Befreiungstheologie als Götzen bezeichnet wird.

1. Abraham weiß in seiner Welt, dass er dieser größeren Wirklichkeit, diesem Gott, ein großes Opfer bringen muss: seinen erstgeborenen Sohn. Das war damals so üblich. Also geht er hin auf diesen Berg und bereitet sich auf das Unvermeidliche vor.
Wir brauchen nicht glauben, dass diese Zeiten vorbei sein. Die Herzinfarkte der Manager, die zerbrochenen Ehen und verlassenen Kinder, denen die Eltern oft nicht genug Zeit widmen können, lassen sich ja auch als Ergebnis solcher Zwänge verstehen. Die Wirtschaft und Wirtschaftlichkeit unserer Gesellschaft fordern solche Opfer.
Allerdings: Abraham macht die Erfahrung eines befreienden Gottes. Er darf seinen Sohn nicht opfern. Gott ist ein Gott des Lebens.

2. Jesus geht mit drei seiner Jünger auf den hohen Berg. Vorausgegangen ist die Offenbarung und das Bekenntnis, dass er der Messias ist – ein schwerwiegendes Bekenntnis, Jesus verbietet darüber zu sprechen. Er macht klar, dass er ein Messias sein wird, der leiden muss.
Auf dem Berg öffnet sich für Jesus und die Jünger eine große Perspektive. Jesus wird verklärt, Elija, der Prophet, und Mose, der Rechtsgeber, kommen in ihm zusammen. Das Reich Gottes ist ihnen greifbar nahe. Da ist es „gut sein für uns“, meint Petrus. Die leuchtende Wolke hüllt sie ein und sie hören, dass dies der geliebte Sohn ist, auf den sie hören sollen.
Von diesem weiten Horizont aus geht Jesus hinunter, nach Jerusalem.

3. Wir feiern Eucharistie. Dabei setzen wir uns in einen Horizont, der unendlich weit ist: Im Sakrament sind wird schon Jesus Christus gleich, leben wir schon sein Leben: das Leben der Hingabe an den Nächsten, die Fußwaschung in der Eucharistie. Da wird der Kleinste seiner Brüder zum Zentrum unseres Lebens, die Option für die Armen schon wirklich, auch wenn sie noch nicht ganz verwirklicht wird.
Mit der Eucharistiefeier treten auch wir schon in diese große Perspektive ein, die Jesus nach Jerusalem geführt hat und sein Erlösungswerk bedeutet hat. Wir nehmen jetzt wieder die Utopie auf und sind schon wirklich in ihr, die im „normalen“ Leben der Woche Gestalt annehmen will, in der Form von wirklicher Solidarität mit den Schwachen und Kleinen, gegen den Trend unserer Welt, sie ans Kreuz zu schlagen und zu vergessen.

P. Christian Tauchner SVD