Weizenkorn werden

1. Wie kommen wir zu Jesus? Das Evangelium heute (Joh 12,20-32) gibt keine Anweisung zur Meditation oder zur Esoterik, sondern gibt die Erfahrung der Gemeinde des Johannes wieder: Über andere Menschen kommt man zu ihm. Somit sind wir für unsere Gotteserfahrung angewiesen auf unsere Mitmenschlichkeit und soziale Einbindung.

Im gleichen Evangelium erklärt Jesus das Zentrum seiner religiösen und menschlichen Erfahrung: Wer sich selbst sucht, ist (leider) verloren. Wer sein Leben für die anderen verliert –weil der andere im Zentrum seines Lebens ist– hat das Leben schon gefunden. „Jetzt“ ist die diesbezügliche Stunde der endgültigen Entscheidung (12,31). Das ist das Geheimnis des Weizenkorns: Im Sterben produziert es Leben, im Festhalten am Leben –nur bei sich bleiben– ist es sinnlos.
Wir sind jetzt hier im Gottesdienst, um unser Leben neu auf dieses Zentrum auszurichten; insofern sind wir am rechten Ort, möglicherweise.

2. Der Kontext unserer Welt ist der Versuch, weltweit eine Gemeinschaft aufzubauen, durch Verträge und Abkommen. Das Heil sind Handelsbeziehungen.

Jer 31,31-34 spricht von einem anderen Gesetz. Am Anfang der Fastenzeit ging es um den Bund für das Leben (Gen 9 mit dem Bund mit Noach). Das hat nicht funktioniert. Daher jetzt die Ankündigung von Gott her, dass es einen neuen Bund geben wird, mit der Menschlichkeit im Zentrum. Der Mensch ist dem Menschen nicht ein Raubtier (homo homini lupus), sondern das Gesetz ist dem Menschen ins Herz geschrieben – in jener Endzeit.
Wir leben in dieser Endzeit. Natürlich: Wenn es auf uns ankommt und die Gesetze dieser Welt, sind wir wahrscheinlich verloren. Aber seit Jesus und seiner Auferstehung wissen wir, dass die Endzeit da ist und wir im Prinzip schon im anderen Leben, in der Möglichkeit eines anderen Lebensentwurfes unser wahres Sein haben.

Der Einsatz vieler Christen in der Dritten Welt, gerade in den „katholischen Ländern“ Lateinamerikas, zeigen, dass wie seinerzeit bei Jesus der Einsatz für den anderen Menschen immer noch lebensgefährlich ist. Daher gibt es in diesen Ländern immer wieder so viele Märtyrer, bis in unsere Tage.

3. Wenn wir hier Eucharistie feiern, werden wir zu dem, was wir im Geheimnis als schon geltende Wirklichkeit feiern: „mein Leib für euch“, „in meinem Blut der definitive Bund fürs Leben“. Noch ist die Alltäglichkeit unseres Lebens nicht kohärent genug, um das allen Menschen zu zeigen, aber unsere Unfähigkeit ist letztlich auch nicht mehr ein Hindernis für Gottes Bund in unseren Herzen. In der Feier der Eucharistie sind wir schon in der Gerechtigkeit, die wir in unserem alltäglichen Leben in gerechten und menschlichen Beziehungen unserer politischen Welt umsetzen können und müssen.

Damit wird unser Eucharistiefeiern die gefährliche Erinnerung an das Beispiel Jesu: An ihm sehen wir, dass das Leben, wie es Gott für uns will,
tatsächlich möglich ist. Die sündhaften Strukturen der Ungleichheit und Unterdrückung sind nicht von Dauer, haben keine End-Gültigkeit. Als
JüngerInnen Jesu ist es uns möglich, eine Änderung herbeizuführen.

P. Christian Tauchner SVD