Weihnachten ist ein Schrei voller Sehnsucht

Wenn wir Weihnachten feiern, sind wir innerlich angerührt. Wir denken sicherlich daran zurück, wie wir dieses Fest als Kinder gefeiert haben. Erinnerungen kommen hoch. Wir singen Lieder mit wunderbaren Melodien wie z. B. Süßer die Glocken nie klingen, Alle Jahre wieder, Stille Nacht , heilige Nacht, In dulci jubilo.
Wichtig ist in die Tiefe zu gehen, den wahren Sinn des Festes zu entdecken. Weihnachten ist Dramatik pur. Das dürfen wir nicht überspielen.
Wann Jesus genau geboren wurde, wissen wir nicht. Die Geschichtsforscher sind sich nicht einig. Doch das wissen wir: Er wird geboren in der konkreten Welt Palästinas, unter ärmlichen Umständen, in einem von den Römern besetzten Landstrich, unter Pharisäern, politischen Mitläufern und religiösen Schwärmern. Er wird geboren in einem Klima der Gewalt.
Israel lebte unter der erdrückenden Herrschaft Roms. Die Juden trugen schwer an den römischen Steuern und Gesetzen. Mittlerweile nutzte eine habgierige Priesterschaft Witwen und Waisen aus. Die Niedergedrückten wurden verhöhnt und verspottet, und die Menschen wurden durch Korruption blind gemacht. Was sollte sich da noch ändern?
Die Menschen ersehnten Befreiung von Gott her seit Jahrhunderten. Diese Sehnsucht wurde wachgehalten, genährt durch die Propheten. 

Eines konkreten Tages berühren sich am Rande eines kleinen Dorfes in Judäa Himmel und Erde.
Gott betritt diese Welt, er tut das gleichsam durch die Hintertür, ganz unspektakulär. Die Welt nimmt keine Notiz davon, außer ein paar Hirten. Sie, die verachtet waren, sie haben eine Antenne für Gott, für seine leise Stimme.
Mitten in der Nacht sind sie hellwach, sie sehen ein Licht, wo die anderen blind sind. Ihr Herz ist voller Freude und sie brechen eilends auf.
Sie machen die Entdeckung ihres Lebens. Nichts wird mehr sein wie vorher. Denn Jesus liegen die Außenseiter am Herzen, sie werden von Ihm in die Mitte geholt. Die Hirten können’s nicht fassen und kommen aus dem Staunen nicht heraus. Ihre Freude ist grenzenlos.

„Ich möchte nicht in deiner Haut stecken“, sagen wir manchmal.  Weihnachten: Gott will in unserer Haut stecken.
Er wird einer von uns. Er lässt sich auf das Abenteuer Mensch ein, mit allem was das beinhaltet. Nichts bleibt ihm erspart. Er kommt nicht auf eine Kurzvisite, oder wie Staatsoberhäupter auf einen Höflichkeitsbesuch, sondern Er kommt, um zu bleiben.
Emmanuel ist Gott mit uns, Gott wird einer von uns.

In der Mitte des 15. Jahrhunderts hat der niederländische Maler Rogier van der Weyden ein Bild gemalt: Die Anbetung der Könige. Was stark auffällt: Über Marias Kopf befindet sich ein aus Holz geschnitztes Kruzifix. Es kündigt sich schon bei seiner Geburt an, wie Jesus einmal enden wird. Krippe und Kreuz gehören untrennbar zusammen.
Mit Jesus wird es böse enden, weil er nicht hineinpasst in eine Welt hemmungsloser Gier, in eine Welt des Gewinnstrebens und religiöser Selbstsicherheit, wo man Gottes Pläne genau zu kennen scheint. Aber weil sein Lebensweg, seine Optionen bestätigt werden, und er auferweckt wird, interessierte man sich mit der Zeit für den Anfang, für seine Kindheit.
Das Weihnachtsfest wird ja erst seit dem 4. Jahrhundert gefeiert. Als kirchlicher Feiertag ist der 25. Dezember erst seit 336 in Rom belegt.
Gute Nachrichten werden einem zugesagt. Hoffnung kann man nicht machen, sie wird einem geschenkt. – Weihnachten ist ein Fest der Hoffnung. Allen Menschen wird zuteil Gottes Heil.
Die Engel singen: „Gott im Himmel gehört die Ehre. Denn er wendet sich den Menschen in Liebe zu und bringt der Welt den Frieden.“
Dieses Kind bringt den Frieden in eine Welt gnadenloser Gewalt, wo die Erde blutgetränkt ist. Die Römische Besatzungsmacht agierte mit ungeheurer Brutalität. Gewalt erzeugt nur Gewalt.

Was hat sich da geändert im Lauf der Jahrhunderte? Die Waffen ladet der Teufel, sagt ein Sprichwort. Die Liebe des göttlichen Kindes ist entwaffnend; es überwältigt die Menschen nicht, schüchtert sie nicht durch irgendwelche Machtdemonstrationen ein; es bringt Liebe, die überwältigend ist und die Herzen berührt. Wo Jesus ist, muss das Böse zurückweichen, da werden „dröhnende Soldatenstiefel, blutbefleckte Mäntel verbrannt“.
Diese grenzenlose Liebe Jesu, diese Liebe ohne Widerruf, weckt im Menschen die besten Kräfte, sie bringt so vieles zur Entfaltung und lässt die Menschen aufleben.
Wo immer sich Menschen auf Jesus einlassen, da regieren andere Maßstäbe, da bricht Neues an: da teilt man die anderen nicht mehr ein in Freunde und Feinde, in Gut und Böse. Da schaut man nicht mehr auf andere herab, sondern schaut zu ihnen auf, weil einem bewusst ist, dass in jedem Gottes Spur zu entdecken ist.

Weihnachten: das ist ein Aufschrei, ein Schrei voller Sehnsucht nach wahrer Liebe, die Brücken schlägt zu anderen.
Weihnachten lässt die Frage neu aufbrechen: wo haben die vielen Heimatlosen Heimat, wo ist Platz für sie? Jesus selbst fand keine Herberge in Bethlehem. So ist sein Schicksal das Schicksal so vieler Menschen.
Wo immer Menschen Jesus Raum geben, seine Kriterien assimilieren, da zieht das weite Kreise. Wo immer Jesus Einlass findet, da wird’s hell im Leben, da entscheiden sich die Menschen schlussendlich für wahre Menschlichkeit, für die Güte und Erbarmen.

Weihnachten: wir sind gerettet. Gott hat sein tiefstes Wort gesprochen.
Ich schließe mit einem kurzen Text von Karl Rahner:
"Gott hat sein letztes, sein tiefstes, sein schönstes Wort im fleischgewordenen Wort in die Welt hineingesagt. Und dieses Wort heißt: Ich liebe dich, du Welt und du Mensch. Ja, zündet die Kerzen an! Sie haben mehr recht als alle Finsternis."

P. Elmar Pitterle SVD