Laudes am Karfreitag: Rektor P. Elmar Pitterle

Die Passion war im Leben des Jesus von Nazareth immer präsent.
Es gibt das Bild eines Künstlers: im Vordergrund ist die Krippe, von der Krippe führt der Weg nach Golgota. Im Hintergrund sieht man drei Kreuze. Ablehnung hat er von Geburt an erfahren. In Bethlehem blieben die Türen verschlossen. Es gab keinen Platz für armer Leute Kind. 


Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf, lesen wir im Johannesprolog. Als er anfing von Gottes neuer Welt zu reden und Zeichen zu setzen, wollten ihn seine Verwandten nach Hause zurückholen. Er ist verrückt, er ist von Sinnen, er bringt uns noch alle in Verruf. 


Er hielt Mahl mit notorischen Sündern, machte um sie keinen Bogen. Es gab für ihn keine Menschen zweiter Klasse, für ihn waren alle Gottes geliebte Söhne und Töchter. Er überwarf sich mit den Theologen aus Jerusalem, mit allen, denen Gesetze über alles gingen. Ihm ging es zuallererst um das Wohl der Menschen. Er vermittelte einen Geschmack nach Freiheit und strahlte Freude aus. Die Menschen blühten in seiner Gegenwart regelrecht auf und hatten eine unbändige Lust ihr Leben anders zu gestalten. 


Er war unbequem. Er redete den Menschen nicht nach dem Mund. Seine Worte waren klar und direkt. Er stellte die ganze Opfertheologie radikal in Frage: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer. 


Er war ein Grenz-überschreiter, zog mit Frauen durchs Land. Das ging doch nicht. Ein Rabbi durfte sich doch nicht mit Frauen abgeben.
Wo sollte das alles hinführen? Ja, er war eine Gefahr für das religiöse und politische Establishment. So bricht man über ihn den Stab und urteilt ihn ab. Pilatus erkennt die Heuchelei derer, die Jesus anklagen und spürt, dass dieser Mensch anders ist als die anderen, aber er hat nicht den Mut, ihn freizusprechen. Die Angst um seine politische Karriere ist zu groß.
Außerhalb der heiligen Stadt Jerusalem wird Er die grausamste Todesart der Antike erleiden, reserviert für Verbrecher: Den Tod am Kreuz. Damit war sonnenklar, dass Gott ihn verlassen hatte. 


Aber ein Verbrecher, der neben ihm am Kreuz hängt, spürt dass dieser Mensch anders ist als die anderen, dass er ein König ist. Sein Leben erfährt im letzten Augenblick eine große Wende. „Heute noch wirst Du bei mir im Paradiese sein“, bekommt er vom sterbenden Jesus zu hören. 


Es ist Karfreitag. Wir schauen zu Jesus auf. Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen , hatte er gesagt. An Jesus haben sich die Mächte des Bösen aus-gewirkt, im wahrsten Sinn des Wortes: sie sind am Ende. Der Bosheit wird der Stachel genommen. Die Bosheit der Welt, die sich im gewaltsamen Tode Jesu ausdrückt, wird in Gott hineingenommen.
Was bleibt, ist die alles berührende, die alles verwandelnde Liebe Gottes. Und diese Liebe ist stärker als der Tod. 


Karfreitag: Wir sind erschüttert über die Grausamkeit der Menschen, berührt von der Liebe Gottes, die Liebe ohne Widerruf ist.