Pater Paul Michalke 1909-2008

Nachruf von P. Josef Salmen SVD

Paul Michalke wurde am 2. Juni 1909 in Heinrichswalde geboren. Von 1915 bis 1922 besuchte er die Volksschule seiner Heimat und von 1922 bis 1930 das Missionsgymnasium der SVD Heiligkreuz in Neisse. Nach der Reifeprüfung begann er 1930 das Noviziat in St. Gabriel. 1932 legte er die ersten, 1936 die ewigen Gelübde ab. Nach dem Studium der Philosophie in St. Gabriel studierte er von 1933 bis 1937 an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Am 25. 10. 1936 wurde er in Rom zum Priester geweiht. In seiner Doktorarbeit stellte er „die Sittenlehre des (1429 verstorbenen) Kanzlers Johannes Gerson“ dar. Es folgten Jahre der Seelsorge am Wolfsberg und in St. Ulrich in Wien. Dort war Weihbischof Krätzel sein Ministrant.

Dann begann die lange Zeit seines Wirkens in St. Gabriel. Da war zunächst und hauptsächlich seine Lehrtätigkeit als Professor für Philosophie mit den Schwerpunkten Logik und Erkenntnislehre, Geschichte der Philosophie und Einführung in wissenschaftliches Arbeiten. Noch in seinen späten Jahren waren seine Vorlesungen so, dass Studentinnen und Studenten ihn als akademischen Lehrer liebten und seinen Unterricht schätzten. In all den Jahren seiner Lehrtätigkeit und darüber hinaus war er bemüht, die philosophische Bibliothek auf dem neuesten Stand zu halten. Ihm verdanken wir zudem eine fast vollständige Sammlung der neuscholastischen philosophischen Literatur.
Die Bitte aus dem Studiengebet des hl. Thomas hat er sich offenbar sehr zu eigen gemacht: „Schenke mir scharfen Verstand, ein gutes Gedächtnis, verständige Einsicht beim Lernen und die reiche Fülle des Wortes.“

Andere Aufgaben kamen hinzu. Er war Präfekt der Theologen, Dekan der Hochschule und Rektor von St. Gabriel. Und das alles gleich für 9 Jahre. Als wir den 70-Jährigen nach seiner Rektoratszeit zum Provinzial wählen wollten, gab er zu bedenken: mit 79 Jahren ist ein Provinzial zu alt für ein solches Amt. Aber schon bald nach seinem Rektorat war er als Assistent des jungen Rektors im Einsatz, nicht weil er sich sonst nicht ausgelastet fühlte, sondern weil dieser seine Hilfe wünschte.

Er war ein Meister ausgewogener Formulierungen, die einfach seine Herzlichkeit und gute Gesinnung spiegelten. Bei allem Bemühen um Wahrhaftigkeit vermied er doch alles Verletzende. Wenn in hitziger Debatte die Wogen hochgingen, war er die Ruhe selbst und suchte behutsam zu vermitteln. Er war immer bereit, sich voll und ganz einzusetzen, ohne sich je in den Vordergrund zu drängen und er konnte sich voll zurücknehmen. Biblische Worte wie „Der Erste sei der Diener aller“ oder „allen alles werden“ waren für ihn keine leere Redensarten. Er hat sie gelebt.

In die Zeit seines Rektorats fiel 1975 der 100. Geburtstag der SVD, der unter großer Anteilnahme auch bedeutender Persönlichkeiten aus Staat und Kirche gefeiert wurde. Glänzend, wie er den Bundespräsidenten Kirchschläger und seine Gattin, Kardinal König und die lange Reihe angesehener Festgäste aus Kirche und Politik in elegant vornehm liebenswürdiger Art mit einer für jeden passenden herzlichen Formulierung begrüßte.

Den Wunsch des hl. Arnold, St. Gabriel möge zum geistigen Nutzen dieser Gegend werden, hat er sehr ernst genommen. Er war nicht nur bemüht, die Erwartungen und Hoffnungen der Pfarrer und Gläubigen der Umgebung auf Aushilfen aller Art zu erfüllen, er war auch selbst immer zu seelsorglichen Diensten bereit. Der frühere Pfarrer von Neuguntramsdorf und langjährige Dechant Bösmüller würdigte einmal seine Verdienste für die Ortskirche so: „Pater Michalke lässt uns nie im Stich. Wenn er niemanden findet, den er schicken kann, dann kommt er im letzten Augenblick mit hochrotem Kopf und nass geschwitzt selbst angerannt und bringt alles zu einem guten Ende.“ Paul Michalke feierte auch regelmäßig die Heilige Messe mit den Senioren im Schloss Liechtenstein und war immer noch bereit, in den Beichtstuhl zu gehen, wenn die Beichtglocke klingelte.

Und er war ein unermüdlicher Bergwanderer, der jeden Weg und Steg auf der Rax, am Schneeberg und erst recht im weiten Gebiet des Wienerwaldes kannte und zu beschreiben wusste. Wandern war seine Erholung. Und er konnte sich sehr bewusst und konzentriert erholen. Ein Wort war geläufig: Der Paul kann in drei Tagen vier Wochen Ferien machen.

Ich erinnere mich: Vor einer Tageswanderung in den Tauern planten wir beim Abendessen die Wanderstrecke für den nächsten Tag. Der Ortspfarrer kam uns zu Hilfe und war entsetzt: „Für die Strecke braucht man mindestens drei Tage“. Er schlug uns einen sehr viel kürzeren Weg vor. Paul bedankte sich herzlich. Später fragte er: „Nehmen wir seinen oder unseren Weg?“ Wir nahmen unseren und hatten ihn nachmittags um 4 Uhr hinter uns. Einmal waren wir zu dritt auf der Rax. Er hatte mir vorher ein Fläschchen mit Schnaps gegeben. So ein Schluck tut gut nach einem mühsamen Aufstieg. Ich habe es vergessen einzupacken und im Auto gelassen. Auf dem Gipfel sagte er fröhlich: „So, jetzt werden wir einen Schnaps trinken.“ Ich musste bekennen, dass wir das nun leider nicht könnten. Darauf Paul, gleich fröhlich: „Das macht auch nichts. Dann werden wir ihn trinken, wenn wir wieder unten sind.“ Eine kleine unbedeutende Anekdote am Rande, aber sie zeigt, wie er war.

Im Blick auf das Leben von Pater Michalke möchte ich einen Gedanken der Gertrud von le Fort variieren: Erntezeit ist Zeit des Dankes für die reifen Früchte. Aber nicht alle Früchte wachsen und reifen auf Feldern. Auch der Herbst des Lebens ist Entezeit, ist Zeit, den Dank für die Ernte des Lebens einzubringen. P. Michalke konnte sagen: Ich durfte mein Werk vollbringen im Laufe vieler Lebensjahre. Aber ich berge meine Ernte nicht in Speichern und Kellern. Ich lagerte sie im Lebendigen ein. Und wer will eine Ernte rauben, die am Herzen der Lebendigen keimt. Das Verschenkte ist mein Reichtum und das Hingeschwendete mein Besitz. Und wir alle dürfen uns erinnern: Wir sind Gottes Frucht, geboren und gewachsen aus seiner Liebe, dürfen Frucht bringen und seine Frucht sein.  
P. Josef Salmen SVD