Lebenslauf P. Gottfried Vanoni SVD

Gottfried Vanoni wurde am 30. März 1948 in Chur in der Schweiz geboren und ist in Bad Ragaz mit seinen beiden Brüdern und drei Schwestern aufgewachsen. Nach der Volksschule in Bad Ragaz besuchte er die Mittelschule im Gymnasium Marienburg der Steyler Missionare in Rheineck. 1969 maturierte er im Stiftsgymnasium Einsiedeln. Im gleichen Jahr trat er in das Noviziat der Gesellschaft des Göttlichen Wortes in St. Gabriel (Mödling) ein. Während der Zeit des Theologiestudiums an der Theologischen Hochschule St. Gabriel widmete er sich auch intensiv dem Studium der Musik. 1976 schloss er das Theologiestudium mit einer Magisterarbeit über das Buch Jona ab. Im gleichen Jahr empfing er die Priesterweihe.
Nach einem Praktikum in der Pfarre Kagraner Anger in Wien machte er bei Prof. Richter sein Doktoratsstudium in Exegese und Bibeltheologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, das er 1983 abschloss.
Seit 1983 wirkte er als Professor für Alttestamentliche Bibelwissenschaft und Biblische Sprachen an der Theologischen Hochschule St. Gabriel, deren Dekan er von 1985 bis 1995 und wieder ab 2001 war. Seit dem Jahr 1992 war er im Vorstand des „Religionstheologischen Instituts St. Gabriel“, von 1999 bis 2002 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der deutschsprachigen Alttestamentlerinnen und Alttestamentler und seit 2001 Vizerektor des Missionshauses.
Alle diese Jahre waren geprägt von seiner großen Einsatzfreude, die sich in der langen Liste seiner Buch- und Zeitschriftenveröffentlichungen nachzeichnen lässt. Die Hauptbereiche seiner Arbeit waren Fragen der Grammatik, Schöpfungstheologie und Themen von Gerechtigkeit und Frieden, die Theologie der gesamten Bibel, Religionstheologie und die Vermittlung von Exegese und biblischer Theologie. Er war ein gefragter Referent bei Tagungen, Kinderbuchautor und langjähriger Mitarbeiter der Familienzeitschrift „Stadt Gottes“, der Kinderzeitschrift „Weite Welt“ und des „Michaelskalender“.
Viele Jahre widmete er sich der musikalischen Gestaltung der Liturgie in St. Gabriel. Oft spielte er selbst die Orgel und leitete den Hauschor, musikalische Vespern und Meditationen. Seine Kompositionen prägten über viele Jahre Jugendveranstaltungen und die Osternacht. Aus seiner Feder stammen auch die „St. Gabrieler Kindermesse“ und viele biblische Kinderlieder.
Seit Mitte 2005 machten sich bei ihm die ersten Anzeichen seiner schweren Erkrankung bemerkbar. Seit Dezember 2005 lebte P. Vanoni im Freinademetzheim in St. Gabriel, liebevoll betreut von den Schwestern, seinen Mitbrüdern und seinen Geschwistern. Anfänglich konnte er sich noch im Haus bewegen. In den letzten Monaten seines Lebens sah er sich immer mehr eingeschränkt in seiner Kommunikation, bis er am 25. April, kurz nach Mittag, friedlich im Herrn entschlafen ist.
P. Josef Salmen SVD


STERBEN
Alles verlassen.
Sich selber lassen.
Sich verlassen
auf Gott hin.
Sich verlassen
auf Gott.
Lene Mayer-Skumanz
(Die österreichische Kinderbuchautorin, die oft mit Gottfried zusammengearbeitet hat, hat dieses Gedicht als Zeichen der Anteilnahme an seinem Tod geschickt.)

P. Gottfried Vanoni SVD Nachruf

Gottfried Vanoni erblickte am 30. März 1948 das Licht der Welt – als erstes Kind von Gottfried und Josefa Vanoni-Weinmann. In ihrer fürsorglichen Obhut ist er zusammen mit fünf Geschwistern in Bad Ragaz in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Und dieser Herkunft ist er sein Leben lang treu geblieben. In seinen Lebensdaten, die er auf seiner selber eingerichteten Homepage ins Internet stellte, erinnerte er daran, dass sein Vater von Beruf Zimmermann gewesen war und nebenher mit der Familie einen kleinen Bauernbetrieb geführt hatte.

In Bad Ragaz hat Gottfried die Primarschule besucht und nach der 6. Klasse ans Gymnasium der Steyler Missionare in die Marienburg nach Rheineck gewechselt. An diesen ersten Einschnitt in seinem Leben hat er 40 Jahre später in einem seiner Rundbriefe an uns Geschwister mit dem ihm eigenen, feinen Humor erinnert:
„Als ich damals zum ersten Mal von zu Hause ausgezogen bin, um in der Fremde zu lernen, soll meine Schwester inbrünstig geweint haben (so wurde es mir erzählt). Dass am gleichen Tag Gagarin in den Weltraum geschossen wurde, hat sie dagegen nicht berührt. So lieb sind Schwestern.“

Im Gymnasium Marienburg lernte Gottfried von 1961 bis 1967 nicht nur, was er für die Maturaprüfung 1969 in der Stiftsschule in Einsiedeln brauchte. Er pflegte auch seine musikalische Begabung, lernte Flöte, Klavier und Orgel spielen, und in der „Burgmusik“ spielte er die Pauke. Von 1970 bis 1976 studierte Gottfried an der ordenseigenen Hochschule in St. Gabriel in Mödling bei Wien Theologie. Seine Abschlussarbeit schrieb er über das Buch Jona. Und daneben bildete er sich musikalisch weiter, unter anderem nahm er Orgelunterricht beim Wiener Domorganisten. In dieser Studienzeit kehrte er ein Jahr lang an die Marienburg zurück, um dort als Lehrer und Erzieher zu wirken.

Es war ein grosser Freudentag, vor allem auch für unsere Eltern, als Gottfried vor fast genau 30 Jahren, am 15. Mai 1976 in St. Gabriel zum Priester geweiht wurde. Und am 20. Juni jenes Jahres feierte er hier in der Pfarrkirche von Bad Ragaz seine erste heilige Messe. „Ich will dem Herrn singen, so lange ich lebe“ – unter diesem Leitmotiv hatte er die Musik für seine Primizmesse selber komponiert. (Wir sind dankbar, dass wir auch heute einige Gesänge aus diesem Werk für Chor, Kinderchor, Orgel, Trompete und Orffsche Instrumente hören dürfen.)

Nach der Priesterweihe hat Gottfried zunächst als Kaplan in einer Wiener Pfarrei gewirkt. Von 1977 bis 1983 absolvierte er in München ein weiterführendes Studium in alttestamentlicher Bibelwissenschaft und in den uralten Sprachen, die im Land der Bibel vor Christi Geburt gesprochen worden waren. Welche und wie viele dieser Sprachen Gottfried lernte, habe ich nicht behalten können. Aber ich erinnere mich gut, wie er mir begeistert von Sprachen erzählte, die nur schriftlich überliefert seien, so dass niemand recht wisse, wie sie auszusprechen sind. Und stolz berichtete mir Gottfried einmal, jetzt habe er die fremden Schriftzeichen einer solchen biblischen Sprache endlich auch seinem Computer beigebracht.

Mit einer sprachwissenschaftlichen Doktorarbeit zum ersten Buch der Könige hat Gottfried 1983 promoviert. Seither hat er als Professor für Alttestamentliche Bibelwissenschaft und biblische Sprachen an der Hochschule St. Gabriel gelehrt. Dort übernahm er als Dekan während mehr als einem Jahrzehnt auch Leitungsaufgaben, und in den letzten fünf Jahren war er auch Vizerektor des Missionshauses St. Gabriel, des Hauptsitzes der Steyler Missionare in Österreich. Er war für die musikalische Gestaltung der Gottesdienste verantwortlich, begleitete die Feiern oft mit seinem Orgelspiel und schenkte seinen Mitbrüdern manche Eigenkomposition. Daneben engagierte er sich auch international in der Arbeitsgemeinschaft der deutschsprachigen Alttestamentlerinnen und Alttestamentler; drei Jahre lang war er deren Vorsitzender, und auch in diesem Kreis trug er mit musikalischen Einlagen (auch als Flötist) zum Gemeinschaftsleben bei.

All dieses Engagement konnte Gottfried nur dank seiner ungeheuren Arbeitsleistung bewältigen. Und dennoch fand, ja nahm er sich immer wieder Zeit für seine Angehörigen und seine Heimatpfarrei. Seit gut zwanzig Jahren vertrat er hier Pfarrer Bruno Kutter während der Sommerferien. Da konnte man ihn vor dem Elternhaus in Weilig sitzen sehen, wie er – zwischen Gottesdiensten, Krankenbesuchen, Predigtvorbereitungen und Arbeiten an einer wissenschaftlichen Publikation – beim Verarbeiten der Bohnen- und Erbsenernte seiner Mutter half. Die Verbundenheit mit seiner Heimat zeigte Gottfried auch, indem er einmal mit einem Leserbrief in der Lokalzeitung „Sarganserländer“ den von Rom geächteten Theologen Hans Küng gegen ungerechtfertigte Angriffe verteidigte. Oder indem er stolz berichtete, er habe das Wort „ragaz“ nun auch in der Bibel gefunden und darüber einen Eintrag in einem theologischen Fachlexikon verfasst.

Von einem Heimaturlaub in Bad Ragaz erzählt auch ein amüsanter Beitrag, den Gottfried einmal für die österreichische Kirchenzeitung schrieb. Darin berichtet er, wie ihn seine damals noch kleine Nichte Petra, die er zu hüten hatte, immer wieder beim Predigtschreiben störte – oder besser gesagt: wie ihre hartnäckigen Kinderfragen ihn auf andere Gedanken brachten: Das Kinderlied vom Fuchs, der die Gans gestohlen hat und deswegen vom Jäger mit dem Schiessgewehr bedroht wird, wurde so zum Ausgangspunkt einer Predigt gegen Schiessgewehre und Krieg, für Gewaltfreiheit, Frieden und Gerechtigkeit.

Ja, die Kinder und der Frieden lagen Gottfried immer sehr am Herzen. Er hat Texte für Bilderbücher verfasst, die Geschichten aus der Bibel kindgerecht erzählen sollen. Ausgehend von seinem geliebten Buch Jona hat er eine katechetische Anleitung verfasst, wie man „mit Kindern die Bibel lesen“ soll. In der ordenseigenen Kinderzeitschrift „Weite Welt“ (und auch in der Familienzeitschrift „Stadt Gottes“) hat er regelmässig religiöse Fragen beantwortet. Und zum 100-Jahr-Jubiläum des Missionshauses St. Gabriel hat er nicht etwa eine wissenschaftliche Festschrift verfasst, sondern eine „Gabrieler Kindermesse“ komponiert. Vor allem aber hat Gottfried immer regen Anteil genommen am Leben seiner 13 Nichten und Neffen, die er alle selber getauft hat – er hat auch einige von uns Geschwistern getraut und als Priester tapfer die Trauerfeiern unserer Eltern geleitet.

Mit einem Rundbrief, den er uns jeweils um Neujahr herum sandte, hat uns Gottfried auch zwischen seinen Heimaturlauben auf dem Laufenden gehalten über seine vielfältigen Beschäftigungen und Herzensanliegen. Sehr wichtig war ihm in den letzten Jahren die Verständigung mit andern Konfessionen und Religionen. Einmal hat er uns über „mühsame, aber sinnvolle“ Diskussionen mit muslimischen Geistlichen berichtet, die im Rahmen mehrerer Dialog-Konferenzen abwechslungsweise in Österreich und im Iran stattfanden; dabei hatte Gottfried auch den späteren und mittlerweile wieder abgelösten iranischen Staatspräsidenten Khatami kennen und schätzen gelernt.

Es tönt ungeheuer aktuell, was uns Gottfried vor fast zehn Jahren in diesem Zusammenhang schrieb: Weil weltweit viel zu viel gegen den Iran gehetzt werde, könne es nicht schaden, wenn er „ein kleines Gegengewicht“ setze. Und weiter hat Gottfried an Weihnachten 1996 festgehalten: „Ich bin zwar beileibe nicht mit allem einverstanden, was der Iran tut. Trotzdem halte ich es (für die Welt!) für gefährlich, diesen Staat zu isolieren. (...) Ich hoffe auf Fortschritte in der Völkerverständigung. Manche meinen zwar, dass das alles nichts nützt. Ich glaube, dass es sich schon lohnt, wenn der Friedensprozess „nur zentimeterweise vor sich geht“, wie mir jemand aus Jerusalem geschrieben hat.“

Im Laufe des letzten Jahres ist Gottfried, wie sich im Nachhinein besser feststellen lässt, wortkarger und stiller geworden. Nur wenig berichtete er von der letzten grossen Reise, die ihn im letzten Frühjahr zu einer Alttestamentler-Konferenz auf die „faszinierende Vulkaninsel“ Island führte. Im letzten August sprang er nochmals als Ferienaushilfe in der Heimatpfarrrei Bad Ragaz ein. Anfang Oktober riss der Kontakt, den er gerne auch per E-Mail pflegte, zu ihm plötzlich ab, und die Segenswünsche, die er uns immer zu Geburts- und Namenstagen übermittelt hatte, blieben aus. Wir mussten erfahren, dass Gottfried an einem unheilbaren Hirntumor erkrankt war, der ihn zunehmend verwirrte und der Sprechfähigkeit beraubte. Nach einem langen Spitalaufenthalt wurde er in St. Gabriel vier Monate lang von seinen Mitschwestern und Mitbrüdern liebevoll gepflegt und umsorgt, bis er am 25. April von seinem Leiden erlöst wurde.
Bruno Vanoni