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Fasten: Von Hunger bis Wellness

Historiker/innen können genauer beziffern, wann es soweit war: In Mitteleuropa wandten sich die Menschen von ihrer nomadischen Lebensweise als Jäger/innen und Sammler/innen ab. Sie wurden sesshaft, betrieben Ackerbau und Viehzucht. War der Mensch vorher völlig abhängig vom Kreislauf der Natur gewesen, begann er nun, sich von den Gegebenheiten zu emanzipieren: Die Vorratshaltung als Überwindung der Natur. Zieht man umher, muss man sich mit dem begnügen, was gerade da ist. In unseren Breiten ist das im Winter nicht viel. Hungern – Fasten – war ein natürlicher Bestandteil des Jahresablaufs. Ein fester Wohnort ermöglicht es, für Zeiten des Mangels vorzusorgen, sich von äußeren Einflüssen unabhängig zu machen. Doch Achtung: Mit Vorräten muss sorgsam umgegangen werden, sollen sie bis zur nächsten Ernte reichen. Der Hochwinter blieb also lange eine Zeit des Mangels. Ge- und Verbote sorgten dafür, dass die Vorräte sinnvoll eingeteilt wurden. Nicht zufällig war der Winter auch die Zeit, in der Mägde und Knechte gekündigt werden konnten. Unnütze Esser weniger im Haus, wenn in der Landwirtschaft kaum Arbeit zu erledigen war. Moderne Konservierungsverfahren und Transportmittel ermöglichen uns hier in Mitteleuropa mittlerweile weite Versorgung mit allen erdenklichen Lebensmitteln unabhängig von der Jahreszeit.
Doch offenbar besteht ein Bedürfnis danach, das Überflussleben einmal zu unterbre-chen. Neue Ge- und Verbote müssen her. Ernährungsberater/innen legen uns die Vorteile saisonalen Gemüses ans Herz. Die Wellness- und Schlankheitsindustrie boomt mit dem Verkauf der absurdesten Diäten und Pseudomedikamente. Der Kampf gegen den Hunger ist zum Kampf gegen den Wohlstandsbauch geworden. Gibt es heute einen echten Grund dafür, zu einer bestimmten Zeit auf etwas zu verzichten, sich einzuschränken? Wir haben doch alles! Warum sollten wir darauf verzichten?
Sehen wir einmal von den mehr oder weniger schädlichen Maßnahmen zur Erlangung der angeblich perfekten Figur ab, hat Fasten nur einen Sinn: sich bewusst mit dem Leben auseinander zu setzen. Ich verzichte auf etwas, um einem anderen Thema mehr Raum zu geben. Natürlich wird niemand vor dem Verhungern gerettet, wenn ich weniger esse. Mein Verzicht auf übermäßige Nahrung kann mir bewusst machen, wie Menschen mit Mangel umgehen müssen, macht mich solidarisch, motiviert mich, sinnvoll zu helfen. Trinke ich eine Zeit lang keinen Alkohol, wird das keine/n Alkoholiker/in heilen. Ich kann mir durch dieses Zeichen aber meine Vorurteile vergegenwärtigen: Spielsüchtige, Alkoho-liker/innen usw. sollen sich doch einfach zusammenreißen, sind selbst an ihrer Lage schuld.
Verkommt Fasten zum Einhalten einer Vorschrift – egal, ob von einer Religion oder einem selbst ernannten Gesundheitspapst verordnet – ist es sinnlos. Trete ich einmal im Jahr aus meinem gewohnten Leben im Überfluss heraus, verzichte absichtlich auf etwas und nehme mir Zeit, Selbstverständliches in Frage zu stellen – dann wird Fasten zu einer wichtigen Lebenserfahrung.