Gebetsmeinung des Papstes - Februar 2018

Februar 2018

Wir beten zu Gott unserem Vater, für alle Menschen, die über viel Geld und großen Einfluss verfügen: dass sie den Verlockungen der Korruption widerstehen.

Simone Nefiodow, Dipl. Theologin, Sankt Augustin

Verlockungen der Korruption – was ist denn daran verlockend? Korruption gilt als Entwicklungshindernis ersten Ranges – für Wirtschaft und Gesellschaft! Bei der Liste an Nachteilen weiß man gar nicht, wo man anfangen soll – so viele Negativbeispiele gibt es. Informiert man sich beispielsweise über Korruption bei unseren Gesundheits- und Pflegediensten, dann wimmelt es in den Berichten nur so von veruntreuten Millionen- und Milliardenbeträgen. 

Korruption steigert die soziale Ungleichheit. Je mehr Korruption, desto größer die Schattenwirtschaft. Zwischen 1,3 und 1,7 Billionen Euro – Billionen! – verschwinden auf diese Weise. Das Bruttosozialprodukt des Staates Niger beispielsweise könnte ohne Korruption 27% höher liegen. Und vertuscht werden muss die Korruption ja auch noch, auch das kostet. 

Alle Bereiche der Wirtschaft werden geschädigt: Wichtige Umweltauflagen und andere Vorgaben zur Qualitätssicherung werden umgangen, und das Vertrauen in das Funktionieren der Institutionen wird nachhaltig geschädigt. Kann es dort, wo Korruption herrscht, gerechte Urteile geben? Bei Großprojekten beispielsweise bekommt nicht der kompetenteste Bewerber den Auftrag – leidet dann nicht nur die Qualität, sondern auch die Sicherheit? 

Dramatisch sind die Folgen, wenn sogar Polizei und Staatsanwaltschaft korrupt sind. Und es ist eindeutig kein Problem der Oberschicht! Korruption gibt es in allen gesellschaftlichen Schichten, und sie ist allgegenwärtig. Eine Freundin von mir, eine Krankenschwester, beklagte sich einmal, dass sie auf ihrer Station Medikamente verteilen muss, die deutlich mehr Nebenwirkungen haben als die Produkte der Konkurrenz. Aber die Stationsleitung bekommt jedes Jahr ihren Urlaub von der Herstellerfirma geschenkt, daher werden nur diese Medikamente verteilt, und die Patienten müssen leiden. Also von welchen Verlockungen spricht unser Papst? Was für eine merkwürdige Gebetsintention unser Papst da ausgewählt hat.  

Wir erkennen die Verlockungen, wenn wir die Position tauschen: Wäre ich ein Unternehmer, der seine Geldtasche verschließen würde, wenn mein Gegenüber durchblicken lässt, dass ich im Gegenzug für eine „kleine“ Aufmerksamkeit den ersehnten Großauftrag zugeschoben bekomme, der mein Unternehmen für die nächsten Jahre absichern wird? Würde ich nicht versuchen, lästiger Konkurrenz durch die eine oder andere Spende an entsprechender Stelle so viele Steine in den Weg zu legen, damit meine Marktposition nicht in Gefahr gerät? Hätte ich ein Familienmitglied, das mit dem Gesetz in Konflikt gekommen ist, würde ich dann für ein scharfes oder ein mildes Urteil kämpfen? Und wenn ich für ein mildes Urteil etwas Geld hinlegen müsste – würde ich mich weigern?

Ganz zu schweigen von dem „Gewinn“, den die Beteiligten einkassieren: Wettbewerbsvorteile für das eigene Unternehmen, die Umgehung unnötiger bürokratischen Hürden etc. Schätzungsweise 195 Millionen Euro an finanziellen Vorteilen bringt die Korruption den Geldgebern. Und auch die Empfänger haben Vorteile: Kostenloser Urlaub, lukrative Nebentätigkeiten, Bargeld und Sachzuwendungen etc. und bringen den Empfängern einen finanziellen Vorteil von schätzungsweise 120 Millionen Euro. 

Ein Blick in die Realität zeigt uns, dass Korruption ein weltweites und sehr verbreitetes Problem ist, ja dass sie ganze Länder in ihren Strukturen schon fest im Griff hat. Und unser Papst fordert uns auf, in dem Anliegen zu beten, den Verlockungen der Korruption zu widerstehen. Das zeigt mal wieder, was für ein Vertrauen unser Papst in die verändernde Kraft des Gebetes hat. 

Aber das sollten auch wir haben, so unmöglich es auch scheinen mag. Denn Papst Franziskus lenkt bei der aktuellen Gebetsmeinung unsere Aufmerksamkeit auf die Gruppe, die noch am ehesten in der Lage ist, den besagten Verlockungen zu widerstehen: Mächtige und Vermögende. Welchen Grund könnten Mächtige und Vermögende haben, um Bestechungsgelder anzunehmen? Sie haben ja schon Macht, Einfluss und Vermögen. Sie sind es auch, die die entsprechenden Positionen innehaben, um den Strukturen der Korruption entgegenzuwirken. Wenn die Menschen an den wichtigen Schaltstellen nicht korrumpierbar sind, dann ist das das Ende von Korruption und wir haben schlagartig mehr Gerechtigkeit, und zwar für alle. Daher sollten wir uns im Gebet mit unseren Geschwistern verbünden und mit unserem „Brückenbauer“ [Pontifex] dafür beten, dass gerade die Mächtigen und Vermögenden sich nicht von der Korruption verführen lassen. Rufen wir zu unserem Gott, der die Gerechtigkeit liebt, und erflehen wir den Mächtigen und Vermögenden Gnade und moralische Kraft, damit sie der Korruption widerstehen.