Berufung leben

Ein Fischer stellte die Frage: „Warum suchte Jesus denn eigentlich einen Fischer wie Petrus aus, um ihm die Verantwortung in der Kirche anzuvertrauen?“ Ein anderer Fischer antwortete: “Wer sich zu Land bewegt, baut Strassen und asphaltiert sie. Dann wird er immer wieder diesen Weg benutzen. Ein Fischer aber sucht die Fische dort, wo sie sind. Deshalb sucht er jeden Tag einen neuen Weg. Ihm kommt es darauf an, die Fische ausfindig zu machen. Es kann ja sein, dass der Weg von gestern nicht zu den Fischen von heute führt.“

Berufung leben:

Berufung ist nicht einfach ein Ereignis, das einmalig im Leben geschieht, dann hinter uns liegt, sondern Berufung ist ein Weg. Diesen geht jeder auf seine Weise. Es gilt für uns, immer wieder innezuhalten und für sich neu den Weg an die Quelle zu suchen, damit das innere Feuer im Eifer des Alltags auch genährt wird und sich nicht nur verausgabt.

Ich besuchte einen guten Freund, der krank war. Ich fragte ihn: Was ist dein grösster Wunsch?  

Er sagte: Ich möchte wieder leben! Seine Sehnsucht ist der Ausdruck für das, was Gott jedem Menschen wünscht: Er will, dass unser Leben gelingt, dass wir ein erfülltes Leben haben (vgl. Joh 10,10). Gott ist ein Freund des Lebens. Niemand kann sich das Leben selbst geben. Wir sind ins Leben gerufen. Jedem Menschen gilt das Wort aus dem Buch Jesaja: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; ich habe dir einen Ehrennamen gegeben, ohne dass du mich kanntest“ (Jes 45,3-4). Es geht also zuerst um diese einzigartige und persönliche Beziehung des Menschen zu Gott. Wen Gott ruft, dem gibt er auch einen Auftrag. Er schickt ihn zu Menschen. Manche, die Gott gerufen hat, sind vor ihrem Auftrag erschrocken und haben es sich nicht zugetraut, ihn anzunehmen. Jeremia sagte: „Ach, mein Gott, ich kann doch nicht reden, ich bin ja noch so jung.“ Aber er bekam zur Antwort: „Geh nur, wohin ich dich sende“ (Jer 1,6-7). Wem Gott einen Auftrag gibt, dem steht er auch bei.

Eine Mission mit Sinn:

Wenn eine Verkäuferin den Sinn in ihrer Arbeit darin sieht, zufriedene Kunden zu haben, wird sie sich anders verhalten, als wenn sie überhaupt keinen anderen Sinn als die gefüllte Lohntüte am Monatsende erkennen kann.

Mission ist der Ausdruck dafür, warum ein Mensch heute und morgen dringend gebraucht wird. Die Variante Jesu heisst, Karriere nach unten zu machen. Je besser einer Jesus verstanden hat, umso mehr sucht er auf die Stufe herabzukommen, auf der er nicht übergeordnet ist. Er sucht die Art und Weise eines Gottes, der zu uns Menschen in Jesus heruntergestiegen ist und der dennoch keinen Stein aus seiner Krone verloren hat. Dieser Gott hat sich mit den Menschen so angelegt, dass er am Kreuz den Tod gestorben ist. Es fällt meist schwer, Abschied zu nehmen von der Karriere nach oben und das Leben aus der Sicht Jesu zu beginnen. Wir müssen unsere Augen, unsere Sinne, unsere Herzen aufmachen, damit wir entdecken, erspüren, erfahren, wo Menschen sind, die getreten und ausgebeutet werden in unserer Welt. Das heisst, wir müssen wieder begreifen, dass ein einfacher Lebensstil, dass geschwisterliche Beziehungen, Solidarität und Ehrfurcht die Voraussetzungen sind, damit die Menschheit überhaupt überleben kann.

Fragen wir uns:

Wollen wir wirklich für den anderen nützlich sein, oder wollen wir vom anderen etwas haben, ohne dafür etwas zu geben? Dem Fischer kommt es darauf an, die Fische ausfindig zu machen. Wenn wir wissen, warum wir heute und morgen dringend gebraucht werden, so macht uns dies stark, es macht lebendig. Den Sinn unseres eigenen Handelns zu sehen, bringt Freude, Begeisterung und Aufbruch.

von P. Hans Weibel SVD