Ehelosigkeit: Größere Freiheit

Bei der Feier der Ewigen Gelübde unserer Steyler Schwestern in Posadas (Argentinien) sagte einmal in seiner Predigt der Ortsbischof, der diese Gelübdefeier leitete: „… und dann begegnet dir eines Tages ein Mann mit einem Äußeren, das dich umwirft…“ Der Bischof, italienischer Abstammung, sagte dies mit sehr ausdrucksstarken Gesten – und mit seinen Händen natürlich.

Daran musste ich wieder denken bei diesem Thema. Was der Bischof den Schwestern sagte, gilt auch für uns und stimmt: Immer wieder begegnet man Menschen, die einen besonders anziehen und die ein Kribbeln in einem verursachen. Ist dann die größere Freiheit, die wir im Gelübde der Ehelosigkeit und Keuschheit gelobt haben, nicht mehr erfahrbar oder weg? Werden wir in einer solchen Situation nicht hin- und hergezogen – und kommen nicht gar Zweifel an der Richtigkeit der gefällten Entscheidung auf?

Ich glaube, es gehört wesentlich mit zu diesem Gelübde und seiner Wirklichkeit, dass wir immer wieder „auf die Probe“ gestellt werden; dass wir uns jeweils neu auf den einlassen müssen, demgegenüber wir die Gelübde abgelegt haben; dass so auch erst die Bandbreite und die Tiefe dieser Entscheidung und ihrer Folgen für uns und andere fruchtbar werden. Wenn es nur darum ginge, einen Vertrag zu erfüllen, dann wäre das zu wenig; dann ergäbe sich daraus kein Leben – und erst recht nicht die Fähigkeit, den anderen zu lieben.

Dieses nicht durch Ehe und Familie Gebunden-Sein hat zwar auch eine „verneinende“ Seite - ich binde mich halt nicht an einen Ehepartner und eine Familie – aber ich kann dies nur tun, wenn ich anstelle dessen einen anderen Partners, eine andere Familie wähle, nämlich Gott und eine Ordensgemeinschaft. Ihm und ihr gegenüber bin ich dann ebenfalls verantwortlich und gebunden – in Freiheit. Ich bin so getragen – und soll auch andere mittragen; ein beständiges Geben und Empfangen. Könnte es vielleicht sein, dass manche Krise, in die ich gerate, vielleicht dadurch bedingt ist, dass ich selbst nur nehmen oder empfangen möchte – ich „habe schließlich auf so vieles verzichtet und deshalb ein Recht auf dieses oder jenes…“? Es sollte uns betroffen machen, wenn Menschen aus einer Erfahrung mit Ordensleuten sagen, dass sie eigentlich liebesunfähig sind – aber dann vorgeben, Gott zu lieben….!

Auch für die Berufung zur Freiheit in Ehelosigkeit und Keuschheit gilt es zu kämpfen, sich einzusetzen – und sich beschenken zu lassen. Erinnern wir uns an Jesu Wort bei Johannes 15,16: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet.“

P. Heinz Schneider SVD