Sehen und gesehen werden

Predigt von P. Provinzial Josef Denkmayr SVD am 29.9.2010

zu den Ewigen Gelübden von Edwin Reyes, Puplius Buru und Severin Korsin in St. Gabriel

Lesung: Dan 7,9-10.13.14
Evangelium: Joh 1,47-51

liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Sehen und gesehen werden – von Beidem sprechen die Schrifttexte zum heutigen Fest. Daniel sieht – eine nächtliche Vision: der Thron, die ewig unvergängliche Herrschaft. Daniel sieht Großes, Außerordentliches, nicht alltäglich, was Daniel da sieht.

Nathanael hingegen wird gesehen – kein großartiges Ereignis im Vergleich zu Daniel, hier ist es vielmehr alltägliche Begegnung – unterm Feigenbaum hat Jesus den Nathanael schon längere Zeit beobachtet. Vermutlich waren sie dort versammelt, Jesus mit den Frauen und Männern, um im Gesetz zu lesen, um den Worten Jesu zu lauschen. Dort ist Nathanael diesem Jesus aufgefallen. Dort, wo Nathanael Gott sucht, wird er gefunden. Nathanael wird gesehen.

Sehen und gesehen werden – liebe Schwestern und liebe Brüder, beides ist wichtig und das eine bewirkt oft das andere.

„Bevor dich Philippus rief, habe ich dich gesehen…“ – das Gesehen werden geht dem Gerufen werden voraus. Vielleicht hat Philippus diesen Nathanael erst deshalb rufen können, weil ihn Jesus schon längst gesehen hat. Die eigentliche Berufung des Nathanael war also gar nicht so sehr durch die Worte des Philippus. Die eigentliche Berufung ist schon vorher passiert, stumm, durch Blicke und ohne großes Aufsehen. Jesus hatte ein Auge auf diesen jungen Israeliten. Er hat ihn entdeckt, durchschaut, er hat den Mann ohne Falschheit erkannt und lieb gewonnen. Eine schöne Berufungserzählung.

Das Gesehen werden geht dem Gerufen werden voraus. Ich meine, dieser Gedanke ist wert, ihn auch im Kontext unseres Lebens und unserer Berufungsgeschichten anzuschauen. Besonders heute ist ein passender Tag, das zu tun. Wenn ihr, liebe Mitbrüder, heute eure Ordensgelübde feiert, zeitlich, ewig oder als Jubilare, dann ist so ein Tag eine gute Gelegenheit, uns an den Philippus im eigenen Leben zu erinnern. Wer war es, der mich damals rief. Wer war es, der mich mit der Möglichkeit eines Ordenslebens konfrontiert hat. Und nicht immer war es ein ER: Bei unseren Kandidaten für die ewigen Gelübde waren es durchwegs Frauen: Den Severin haben Mutter und Vater auf die Steyler aufmerksam gemacht, Berufung durch die Eltern – schön, wo es so etwas noch gibt. Edwin und Puplius wurden jeweils von Steyler Missionsschwestern motiviert – sie waren eure Lehrerinnen. Berufung durch Frauen. Vielleicht sollten wir unsere Berufungspastoral den Frauen überlassen – nur so ein Gedanke nebenbei.

Von unterschiedlichen Menschen wurdet ihr in unterschiedlichen Situationen gerufen. Da dürfen wir jetzt auch diese Worte Jesu in eurem Lebenskontext hören wenn er sagt: „Noch ehe Philippus dich rief – noch ehe diese Menschen dich angesprochen haben – habe ich dich gesehen“. Du: Puplius, Edwin, und Severin – du bist Jesus schon vorher aufgefallen. Er hatte dich schon länger im Auge. „Er hat ein Auge auf dich geworfen“ – übrigens eine Redewendung, die wir dann verwenden, wenn Menschen sich verlieben. „Ein Auge auf jemanden werfen“. Ich meine, sie passt auch hier, diese Redewendung. Jesus hat ein Auge auf euch geworfen. Ihr habt seinen Blick aufgefangen und antwortet diesem Blick mit der Lebensentscheidung, für immer in seiner Nachfolge zu leben: Als Missionare der Gesellschaft des Göttlichen Wortes.

Und was für die Drei gilt, das gilt auch für euch liebe Mitbrüder: Frederik, Norbert, Toni, Leopold, Gerd, Johann, und Ludwig. Auch für euch soll dieser Tag ein schöner Anlass sein euch an den Philippus eures Lebens zu erinnern und heute in besonderer Weise zu spüren, wie dieser Blick Jesu auf euch nicht nur ein einmaliger Blick des Anfanges war. Er hat seinen Blick nicht mehr abgewendet, das könnt ihr hoffentlich über die vielen Jahre hinweg bezeugen.

Berufung geschieht nicht erst dort, wo uns jemand anspricht. Sie ist längst zuvor passiert, wo wir IHM aufgefallen sind. „Noch ehe Philippus dich rief, habe ich dich gesehen“. Das war das Wichtigste. Und es ging all dem voraus, was dann gekommen ist.

„Sehen und gesehen werden“! Die Heilige Schrift ist voll von diesen Ereignis-sen – und oft entstehen daraus die Wundererzählungen.

Liebe Gottesdienstgemeinde!
Als Christinnen und Christen haben wir alle eine gemeinsame Berufung: Weil wir uns von Gott angeschaut und beachtet wissen, deshalb teilen wir seinen Blick und schauen selber auch liebevoll auf diese Welt, auf die Menschen in ihr, auf die Schöpfung in ihrer Schönheit. Wir schauen verantwortungsvoll auf das, was uns anvertraut ist.

Und wenn wir so schauen, dann gilt auch uns wiederum eine Verheißung des heutigen Evangeliums: Wenn wir so schauen, dann werden auch wir „Größeres sehen“. Nicht erst dann im Himmel. Nicht erst dort werden wir die Engel auf und nieder steigen sehen. Wenn wir heute schon mit den liebevollen Augen Gottes auf die Menschen und auf unsere Welt schauen, dann werden heute schon immer mehr gute Geister aufstehen, engelsgleich, gute Kräfte wirken und ein Stück Himmel auf Erden spürbar werden.

Heute schon – durch uns!

Dass uns dies gelingt, das wünsche ich uns allen, weil wir alle dazu berufen sind. Ich wünsche uns allen, dass wir den liebevollen Blick Jesu auf uns immer spüren dürfen, damit auch wir liebevoll auf jene Menschen schauen können, die uns im Alltag begegnen. Wenn wir so schauen, dann werden wir Größeres sehen.

 
P. Josef Denkmayr SVD Provinzial der Österreichischen Provinz
P. Josef Denkmayr SVD Provinzial der Österreichischen Provinz