"Die Möglichkeit hier zu sein, ist etwas, was ich unbeschreiblich schätze."

Für ein Jahr bin ich als Missionar auf Zeit mit Unterstützung der Steyler Mission in meinem Freiwilligen Sozialen Jahr in der Fundación Niños en la Huella aktiv, die sich um Kinder und Jugendliche aus sozialschwachen Verhältnissen kümmert.

Um Ihnen am besten darzustellen, was mein Aufgabenfeld ist und warum gerade hier Hilfe benötigt wird, ist es gut, Ihnen die Fundación vorzustellen. Die Fundación Niños en la Huella (deutsch: Kinder auf dem Pfad) hat sich als Aufgabe gesetzt, sich um Kinder und Jugendliche aus sozialschwachen Verhältnisse zu kümmern und bietet daher eine sehr kostengünstige Kinderbetreuung an und ist auch für Jugendliche da. Insgesamt läuft die Stiftung mit acht Zentren in Iquique und Alto Hospicio. In Iquique sind es die Kinder Tagesstätte „Huellitas“, die Babykrippe „Pasitos de Campanita“, das offene Zentrum „Mi refugio“, das am Vormittag als Kindergarten fungiert und am Nachmittag für Kinder und Jugendliche offen ist, und das Mädchenheim „Unsere Frau von Lourdes“. Auch in der östlich von Iquique gelegenen Siedlung Alto Hospicio ist die Fundación mit einem psychologischen Zentrum, dem Kindergarten „Taritani“ (aymara: Wüstenblume) und einer Solidaritätstafel aktiv.

Mein Aufgabenfeld ist daher sehr groß. An drei Tagen der Woche bin ich im „Huellitas“ zugegen und passe dabei auf die drei- bis fünfjährigen auf, hier verstehe ich mich blendend mit den tías und den Kindern der Fundación. Ich werde tío Luca´ genannt. Tía bzw. tío (deutsch: Tante bzw. Onkel) werden die Mitarbeiter der Tagesstätten genannt, Luca´ weil im chilenischen Spanisch das letzte `S´ oft verschluckt wird, was hin und wieder zu Verständnisproblemen geführt hat.

An den anderen Tagen und nachmittags bin ich im Büro. Zusammen mit einem Sozialpädagogen und einem Journalisten arbeiten wir daran die Fundación bekannter in der Stadt und der Region zu machen. Mit dem bisschen Ahnung vom Computer, habe ich in den letzten Tagen Flyer, Plakate, Briefköpfe und Umschläge kreiert, als auch an der Website der Fundación mit deutscher Übersetzung gearbeitet, Facebook-, Twitter- und YouTube-Profile wurden angelegt. Radiointerviews als auch die erfolgreiche Spendenaktion am achtzehnten Oktober waren die ersten Früchte unserer Arbeit. Außerdem helfe ich mit der camioneta, dem kleinen blauen Lastkraftwagen der Fundación und bringe so zum Beispiel Spenden zu den Zentren.

Nachmittags am Montag und Freitag bin ich zusammen mit Lisa im „Mi refugio“, hier haben wir beim Fußballunterricht mitgemacht. Das fällt jetzt aber vorerst weg, da der Trainer vom Staat gesponsert worden ist und das Programm nur für ein halbes Jahr unterstützt wurde. Außerdem wird hier das Zentrum neu strukturiert und deshalb im November vorerst geschlossen. Wir Freiwillige sollen dabei auch einen Teil geben. Natürlich werden wir am Sportunterricht festhalten, vielleicht versuchen wir noch andere Aktionen anzubieten, gebrauchte Computer wurden vor kurzem gespendet, auch ein Pokerkurs mit Kasinobesichtungen am Strand, und ein Kochkurs für die Mädchen sind Ideen. An dieser Stelle muss aber gesagt werden, dass das offene Zentrum in dem sehr pikanten Stadtviertel Jorge Inostroza der Stadt liegt. Drogenhandel und Kriminalität sind hier keine Ausnahmen, als auch regelmäßige Polizeirazzias sind hier Tagesordnung. Die Jungen und Mädchen zwischen acht und siebzehn Jahren kennen Gewalt und Armut aus dem eigenen Haus. Das macht vieles schwieriger, aber dafür ist ja auch das Zentrum da. „Mi refugio“ heißt so viel wie mein Rückzugsort, und das will es auch sein: Für die Kinder da sein und Obhut geben. Die Jugendlichen und Kinder können mit den tías reden, wenn es Probleme gibt. Von hier werden auch Kleider- und Lebensmittelspenden weiter verteilt. Die tías die hier arbeiten sind den Kindern sehr nah, was sehr schön ist. Sie wissen daher auch wem es besonders schlecht geht und wer besondere Betreuung braucht. Doch obwohl einige Kinder fast nichts haben, ist die Stimmung immer gut und trotz gebrochenem Spanisch verstehen wir uns mit den Kindern toll.

Ich muss schon sagen, dass ich – wenn ich mir die Berichte anderer Freiwilliger lese – schon eine sehr tolle Einsatzstelle getroffen habe. Im Haus gibt es immer Strom, fließendes Wasser und einen Internetanschluss mit WLAN. Ein echter Luxus. Das einzige „Luxusproblem“ dass wir haben ist das fehlende warme Wasser, das scheitert aber noch nicht mal am fehlendem Geld, sondern vielmehr an dem zweiten Badezimmer, in dem noch eine Warmwasserleitung gelegt werden muss. Ich fühle mich hier sehr wohl und bin froh mit sehr netten und tollen Menschen zusammen leben und arbeiten zu dürfen. Die Arbeit ist manchmal schwierig, aber erfüllend. Ich bin glücklich wenn sich die Kinder freuen wenn man in den Kindergarten kommt, froh das meine Hilfe in der Fundación sehr geschätzt und gebraucht wird. Ein wenig grün oder ein Regenschauer sind vielleicht Kleinigkeiten die ich hier neben Freunden und Familie in der Wüste vermisse. Ich bin aber froh hier vieles machen zu können und die Möglichkeit zu haben vieles sehen zu dürfen. Überhaupt die Möglichkeit für ein ganzes Jahr in einem fremden Land zu verbringen ist etwas was ich unbeschreiblich schätze und ich bin daher sehr froh, dass mir diese Möglichkeit gegeben werden konnte.

Saludos de Chile,

Lukas Ernst