Wenn die Trommeln schweigen

Wie die Christen in Liúpo in Mosambik die Kartage begehen und Ostern feiern.

Michael Heinz SVD
Gründonnerstag unter Cashewbäumen
Unter freiem Himmel feiern die Christen in Liúpo an der Küste Mosambiks die Kartage. Während am Gründonnerstag viel getanzt, gesungen, geklatscht und getrommelt wird, geht es am Karfreitag wesentlich ruhiger zu.

Lächelnd, mit einer weißen Schürze bekleidet, wieselt Papa Alfredo durch das Haus. Er kocht für die Steyler Missionare in Liúpo. Der 50-jährige Vater von fünf Kindern ist Muslim und gehört damit zur vorherrschenden Religionsgruppe an der Küste Mosambiks. Nur rund 14 Prozent der Bevölkerung in der Region Nampula sind Christen. "Interreligiöser Dialog beginnt bei uns zu Hause", erläutert Pater Luís Pedro Jacinto SVD während des vorzüglichen Mittagessens.

Alfredo versorgt auch öfter seine eigenen Kinder, aber meistens kümmert sich seine Frau um das leibliche Wohl der Familie. Der ausgebildete Koch ging vor 32 Jahren bei den damaligen portugiesischen Kolonialherren in die Lehre. "Ende der sechziger Jahre gab es noch viele Portugiesen in der Provinzhauptstadt Nampula", erinnert er sich. Als 1975 das Land unabhängig wurde, kehrten die meisten nach Portugal zurück. Alfredo wurde arbeitslos. Heute ist er froh, in seinem Geburtsort eine Arbeitsstelle gefunden zu haben. Während Alfredo die Hausarbeit erledigt, empfängt Pater Luís Pedro Jugendliche aus den umliegenden Dörfern. Sie verbringen gemeinsam die Kartage in Liúpo.



Das Pfarrzentrum der Steyler Missionare liegt etwas außerhalb der Kleinstadt; der Gebäudekomplex wird von den Leuten einfach "Missao", Mission, genannt. Dort versammelt sich in diesen Tagen die christliche Gemeinde, um die Kartage miteinander zu feiern. Pünktlich um 16 Uhr beginnt die Liturgie des Gründonnerstages unter den alten Cashewbäumen. Ein halbes Dutzend Bänke und der einfache Holztisch bilden die Einrichtung der "Freiluftkirche".

Jugendliche haben die Lied- und Tanzeinlagen vorbereitet. Die Erwachsenen kümmern sich um die Lesungen, die in Portugiesisch und in der Lokalsprache Makúa vorgetragen werden.

Männer geben in den Gemeinden den Ton an. Sie erteilen die Katechese und stellen die Gemeindeleiter. Die Erziehung der Kinder sowie die Hausarbeit sind Frauensache. Sie bearbeiten auch die Felder und sorgen für den Unterhalt der Familien. Pater Luís Pedro greift das Verhältnis zwischen Männern und Frauen im Gottesdienst auf. Er erinnert an Jesus, der seinen Jüngern die Füße wusch. "In den Familien ist es wichtig, sich gegenseitig zu helfen," betont der Steyler Missionar. Als sichtbares Zeichen wäscht er Frauen und Männern die Füße.

Anbetung in der Garage

Bis zum Abend sind mehr als 100 Jugendliche aus den umliegenden Dörfern in Liúpo eingetroffen. Die nächtliche Anbetungsstunde halten sie in der kühlen, geräumigen Garage der Missionsstation. Auf Bastmatten sitzend, singen die Jugendlichen abwechselnd meditative Lieder und hören Bibeltexte. Die meisten sind nach dem mehrstündigen Fußmarsch müde. Stilles Sitzen fällt ihnen daher nicht schwer. Nur ein Tausendfüßer, der unter einer Matte hervorkriecht, bringt etwas Unruhe in die Gruppe. Doch die meditative Musik hat sie bald wieder gefangen. Fast um Mitternacht verabschiedet Pater Luís Pedro die Jugend in den Worten der Lokalsprache Makúa: "Baka Melo - Bis Morgen". So mancher reibt sich beim Hinausgehen seine müden Augen.

Am Karfreitag versammeln sich etwa 200 Menschen im Schatten der mächtigen Cashewbäume. Heute schweigen die Trommeln; als Zeichen der Trauer wird während des Gottesdienstes weder geklatscht noch getrommelt. Die Jugendlichen stellen den Kreuzweg szenisch dar und spielen die einzelnen Stationen; Erwachsene lesen den dazugehörigen Bibeltext. Ein Augenblick der Stille und ein "Vater Unser" beenden jede Kreuzwegstation. Als die Dunkelheit hereinbricht, helfen sich die Darsteller mit Petroleumlampen aus. Im Schein des schwachen Lichtes wird Jesus gekreuzigt und ins Grab gelegt. An der letzten Station angekommen, berichten die Jugendlichen der versammelten Menge die frohe Botschaft vom leeren Grab. Ihre freudige Erregung lässt schon am Karfreitag etwas von der Osterfreude durchbrechen.

Da es in Mosambik früh dunkel wird, haben die Gemeindeleiter die Vigilfeier am Samstag schon für 18 Uhr angesetzt. Das Osterfeuer entzünden sie nach traditioneller Art, indem sie einen Stock so lange auf einem Holzbrett reiben, bis sich ein Funke entzündet. Das genügt, um trockenes Stroh und schließlich das Osterfeuer anzuzünden. Dort, wo am Vortag der Kreuzweg der Jugend endete, beginnt heute die Prozession mit der brennenden Osterkerze. Jesus Christus hat die Dunkelheit besiegt. Sein Licht geht an der Spitze der Prozession.

Unter freiem Himmel wird auch der Auferstehungsgottesdienst gefeiert. Nur sechs Ehepaare, die sich während der Feier das Jawort geben, und der Jugendchor sitzen auf Holzbänken. Rund 600 Gottesdienstbesucher finden auf Bastmatten Platz. Einige Großfamilien haben ihre eigenen Matten von zu Hause mitgebracht. Die Trommelklänge der Osternachtfeier sowie die rhythmischen Tänze der Jugendlichen springen wie ein Funke auf die Menge über. Das traditionelle Freudengeschrei einiger Frauen mischt sich mit den Liedern der Leute. Die Freude über Christi Auferstehung ist spürbar.

Taufen und Hochzeiten

Heute vergrößert sich die christliche Gemeinschaft um 51 Kinder und Erwachsene, die das Sakrament der Taufe empfangen. Sie haben sich drei Jahre lang auf das große Ereignis vorbereitet. Als sich während der Trauung ein altes Ehepaar innig küsst, unterstützt sie der Beifall der 600 Anwesenden.

Papa Alfredo ist nicht gekommen. Doch auch er hörte von den Ereignissen der Osternacht. Der öffentliche Kuss des Ehepaares hat in der Kleinstadt die Runde gemacht. Zum Festessen am Ostersonntag bereitet Papa Alfredo Schweinefleisch zu. Beim Abschmecken der Soße braucht der Muslim aber "christlichen Beistand", denn das Essen von Schweinefleisch ist ihm nicht erlaubt.

Muslime treten in Mosambik selten zum christlichen Glauben über. Doch herrscht in Liúpo ein friedvolles Miteinander zwischen den Religionen. Ganz im Sinne des Auferstandenen, der seinen Jüngern zuerst den Frieden verkündete.

© P. Michael Heinz SVD - STADT GOTTES März 2002

In Stadt Gottes März 2002, Seite 2