"Wer hat, dem wird gegeben ..." - wie ist das zu verstehen?

In der Rubrik “Frage und Antwort” beantwortet Pater Gottfried Vanoni Leserfragen zur Bibel

Gottfried Vanoni SVD
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"Wer hat, dem wird gegeben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat." Dieser Bibelspruch erinnert mich an manches in der Politik. Wie ist er wirklich zu verstehen?

Zunächst formuliert der Spruch eine Erfahrung, die man immer wieder machen kann, nicht nur mit der Politik. Ähnlich sieht es schon das Buch der Sprichwörter im Alten Testament: "Mancher teilt aus und bekommt immer mehr, ein anderer kargt übers Maß und wird doch ärmer" (Spr 11,24). Dies will sagen: So ist die Wirklichkeit; so geht es im gesellschaftlichen Leben zu und her. Damit ist aber noch keine Wertung ausgedrückt. Es ist nicht gesagt, dass es so sein muss, und schon gar nicht, dass es gut ist. Das Neue Testament greift den Erfahrungssatz fünfmal auf. Dabei wird allerdings durch den Zusammenhang eine Wertung ausgedrückt.

Der Spruch fasst Jesu Gleichnis von den Talenten bzw. den Minen zusammen: "Wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat" (Mt 25,29; Lk 19,26). Es geht um das Verhalten der Christenmenschen zwischen dem Weggang Jesu und seiner Wiederkunft. Jesus fordert von denen, die ihm nachfolgen, entschiedenes Handeln: "Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel tut" (Mt 7,21). Darauf zielt auch das Gleichnis vom anvertrauten Geld ab. Ein Detail verdient besondere Beachtung: Der Herr verteilt sein Geld in ungleichen Summen, jedoch nicht, weil er parteiisch ist und den einen Diener bevorzugen, den andern benachteiligen möchte. Nein, er gibt "jedem nach seinen Fähigkeiten" (Mt 25,15). Zwar verlangt das Reich Gottes vollen Einsatz, niemand soll jedoch überfordert werden. Der Spruch, den wir hier diskutieren, will also nicht ungerechtes menschliches Verhalten rechtfertigen, sondern den Ernst von Jesu Mahnung unterstreichen. Dass Jesus ein soziales Handeln fordert, das sich nicht den hier untersuchten Erfahrungssatz zur Maxime macht, beweist jener Satz aus dem Propheten Hosea, den Jesus gleich zweimal zitiert: "Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer" (Mt 9,13; 12,7; vgl. Hos 6,6).

Die übrigen Belege unseres Spruchs zielen in eine ähnliche Richtung. Im Zusammenhang geht es jeweils um das Hören auf Gottes Wort. Das Gleichnis vom Sämann zeigt, welchen Gefahren der hörende Mensch ausgesetzt ist (Mk 4,10-25; Lk 8,4-18). Im Lukasevangelium mahnt Jesus: "Gebt also Acht, dass ihr richtig zuhört! Denn wer hat, dem wird gegeben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er zu haben meint" (Lk 8,18). Bei Matthäus betont Jesus, dass das richtige Hören ein Geschenk ist: "Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu erkennen ... Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat" (Mt 13,11-12). Wenn die Bibel im Passiv formuliert ("euch ist es gegeben"), dann ist das meistens ein versteckter Hinweis auf das Handeln Gottes. Den Zugang zur Wirklichkeit Gottes kann sich der Mensch nur schenken lassen, er kann ihn nicht selbst öffnen. Allerdings: Offen muss der Mensch schon sein. Nur dann gelingt es ihm, beim Hören und Sehen auch "zu erkennen". Unser Spruch wirbt dann für ein entschiedenes Sich-Einlassen auf Gottes Wort und verspricht unverhofften Erfolg: Wer sich auf das Handeln Gottes in Jesus einlässt, gewinnt alles.

© Pater Gottfried Vanoni SVD - STADT GOTTES November 2003

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In Stadt Gottes November 2003, Seite 7