Die Tasse meiner Mutter

Wenn die Eltern sterben ...

Frederike Demattio

Wenn die Eltern sterben, bleibt den erwachsenen Kindern die Entscheidung über ihr Hab und Gut. Und über die Wohnung oder das Haus der Verstorbenen – für viele ein besonderer Ort der Erinnerung. Ein schwieriger Prozess des Loslassens beginnt.

Als ihre Eltern kurz hintereinander sterben, ist die Journalistin Christina Erdkönig erst 40 und komplett unvorbereitet. „Wenn die Eltern sterben, geht ein Teil der eigenen Familiengeschichte zu Ende. Die Generation vor uns ist plötzlich weg“, schreibt sie in ihrem Buch. Zu der Trauer über den Verlust kommt der nächste schwere Schritt: die Auflösung der elterlichen Wohnung, ein Thema, das bei vielen einen wunden Punkt berührt. Was tun mit dem Nachlass von Mutter und Vater?
Die Autorin hat sieben Männer und sieben Frauen unterschiedlichen Alters zu ihren Erfahrungen im Umgang mit der Hinterlassenschaft ihrer Eltern befragt und festgestellt, dass für alle, unabhängig davon, ob sie ein gutes oder schlechtes Verhältnis zu ihren Eltern hatten, die Zeit des Räumens sehr aufwühlend und wichtig war. Das Elternhaus wird vielen zu einem Erinnerungsort, wo die Trauer verarbeitet werden kann und wo sich auch die Frage stellt, was tun damit? Verkaufen? Vermieten? Oder sogar behalten und selbst einziehen? Viele Hinterbliebene sind mit der Entscheidung im ersten Moment überfordert und wünschen sich Zeit, um sich in Ruhe damit zu beschäftigen.
Die Entscheidung zum Verkauf ergibt sich oft aus den Umständen. „Aber es war nicht die Entscheidung an sich, die uns allen schwerfiel, sondern vielmehr die Tragweite der Entscheidung. Denn sie hat unwiederbringliche Konsequenzen: Alles ist weg, gehört einem Fremden. Wir können nicht mehr an den Ort unserer Kindheit zurück, können nicht mehr die Johannisbeeren ernten oder die Magnolienblüte im Frühling bewundern. Es kommt einem Abschied von der Kindheit gleich“, erzählt Erdkönig.

Ein Stück zur Erinnerung
Dabei geht es nicht um materielle Dinge, sondern um Erinnerungen und Gefühle, die mit Orten und Gegenständen verbunden sind. Für Barbara ist das der Sessel ihres Vaters, in dem er immer gelesen hat. Wenn sie sich da hineinsetzt, fühlt sie sich ihm nahe. Ähnlich ist es bei Marlene: Sie beansprucht aus dem Nachlass eine kleine Teekanne. Vor ihrem inneren Auge entsteht das Bild ihrer Mutter, wie sie sich am Abend einen Moment der Ruhe und eine Tasse Tee gönnt. Es sind oft nicht die wertvollen Sachen wie Teakmöbel und Perserteppiche, an denen wir hängen, sondern die, die mit Emotionen aufgeladen sind. Was aber ist mit den Dingen, die den Eltern wichtig waren? Kann man sie einfach weggeben, wenn niemand aus der Familie sie haben will?
Der Stuttgarter Psychologe Emir Ben Naoua rät, statt der äußeren Objekte innere Bilder anzulegen. „Bevor Sie die äußeren Objekte auflösen, ist des wichtig, sich die Zeit zu nehmen, noch einmal den Duft zu riechen, noch einmal die Geräusche zu hören, noch einmal einen Blick auf die genaue Anordnung der Gegenstände zu werfen. Erst wenn unsere inneren Bilder klar sind, können wir die äußeren loslassen.“ Die Zeit, die jeder dazu braucht, ist individuell verschieden und eine wichtige Phase der Trauerarbeit. Wenn es dann konkret darum geht, Möbel, Geschirr und Bücher herzugeben, wünschen sich die Kinder einen würdevollen Umgang mit dem Erbe und schauen genau, wer die Sachen nimmt. So die Erfahrung von Erdkönig.

Eine Spur in die Vergangenheit
Wer waren unsere Eltern? Das Ausräumen ihrer Wohnung bedeutet auch eine Spurensuche. Briefe und Fotos der Verstorbenen bringen manchmal Verborgenes ans Licht, das zum Nachdenken anregt und im Nachhinein vieles erklärt. Dass sie beispielsweise nicht nur aus der Elternrolle bestanden, sondern auch andere Teile in sich vereinten, dass sie auch Partner waren, einen Beruf hatten und ein Leben vor der Familie.
Das Ausräumen der Elternwohnung heißt Erinnerungsarbeit leisten. Alleine oder gemeinsam mit den Geschwistern, die wieder eine andere Sicht auf die Eltern haben. Auch die Beziehung zwischen den Geschwistern wird durch den Tod der Eltern neu geordnet. Nicht selten kommen alte Verhaltensweisen aus Kindertagen zum Vorschein. „Allerdings bietet das gemeinsame Aussortieren und Verteilen der Elternsachen auch die Chance, zusammenzuwachsen und in einen neuen Lebensabschnitt zu starten“, spricht Erdkönig aus eigener Erfahrung. „Letztlich geht es ja darum, die Verstorbenen im Herzen zu behalten, nicht darum, wer die Kredenz bekommt.“

Buchtipp
Christina Erdkönig: Loslassen und Leben aufräumen
Was mit uns geschieht, wenn wir die Wohnung unserer Eltern auflösen
Kreuz Verlag, 160 S., € 15,40
Eine sehr persönliche Herangehensweise an ein sensibles Thema mit gut verständlichen Erklärungen des Psychologen E. B. Naoua. Ein Buch, das zum Nachdenken anregt!


In Stadt Gottes November 2014, Seite 38