Ein letztes Mal über diese Schwelle

Veränderungen in Österreichs Sterbekultur

Martina Wirnsperger

Einen geliebten Verstorbenen heimzuholen, um sich zu Hause von ihm zu verabschieden, ist ein altes, ungemein wichtiges Ritual der Trauerbewältigung.

Mein Vater, Valentin Kassl, starb vor neunzehn Jahren. Er verbrachte seine letzten Tage im Krankenhaus, wo er auch gestorben ist. Meiner Familie war es sehr wichtig, ihn zu Hause aufbahren zu lassen, dafür mussten wir die Bewilligung des Bürgermeisters einholen. Es war ein sehr bewegender und gleichzeitig wichtiger Moment für uns Kinder und unsere Mama, als er heimgebracht wurde. Wir hatten im Vorfeld besprochen, den Sarg noch nicht verschließen zu lassen. Wir wollten am offenen Sarg Abschied nehmen, meinem Vater noch einmal die Hand drücken und über sein Gesicht streicheln. Obwohl es ein schwieriger Moment war, half er uns, seinen Tod zu realisieren und zu begreifen.
Um die Aufbahrung im Elternhaus möglich zu machen, haben wir das Wohnzimmer ausgeräumt und Platz geschaffen für den Sarg und für die Kränze, die Stühle standen rundum. In den folgenden drei Tagen war in unserem Haus ein eifriges Kommen und Gehen von Familie, Nachbarn, Verwandten und Bekannten. Wir haben miteinander gebetet, gelacht und geweint. Viele Geschichten aus dem Leben meines Vaters wurden erzählt und das hat uns gut getan. Mein Vater war noch einmal in all seiner Lebendigkeit mitten unter uns.
In diesen Tagen des Abschiednehmens konnten wir auch zur Ruhe kommen und Vorbereitungen für die Beerdigung treffen. Nachbarn halfen bei der Verköstigung der Menschen, die zur sogenannten Totenwache gekommen sind. Am Tag der Beerdigung wurde der Sarg von den Neffen meines Vaters aus dem Haus getragen. Auf der Türschwelle wurde der Sarg dreimal kreuzweise abgesetzt. Dieses Zeichen war sehr bewegend, weil es nun endgültig das letzte Mal war, dass mein Vater über diese Schwelle getreten ist.

Tod als Teil des Lebens
Als Kinder haben wir die Eltern immer gerne zur Totenwache begleitet. Es gab dort immer etwas Gutes zu essen und es herrschte eine feierliche Stimmung. Wenn ich heute – rund 30 Jahre später – davon erzähle, sind die meisten Leute davon befremdet, manche meinen, dass es eine Aufbahrung zu Hause nicht mehr geben dürfe, es sei nicht hygienisch und nicht mehr zeitgemäß. Ich persönlich finde das sehr schade, ich habe dieses Ritual als wichtige Form der Trauerverarbeitung erlebt. Und als meine Schwiegermutter vor wenigen Jahren verstorben ist –sie ist zu Hause gestorben und lag im Wohnzimmer aufgebahrt –, haben auch unsere Kinder die Möglichkeit genützt, von ihrer Großmama Abschied zu nehmen. Unsere Jüngste war damals neun Jahre alt und drückte ihrer Oma noch einen Stoffbären in die Hand. Ganz selbstverständlich und ohne Scheu.
Ich finde, dass wir in Österreich eine schöne und gute Sterbekultur haben bzw. hatten. Vieles ist in Vergessenheit geraten oder wird einfach nicht mehr praktiziert. Ich glaube aber, dass wir uns damit auch die Chance nehmen, in Ruhe von einem geliebten Menschen Abschied zu nehmen, um den letzten Weg seines irdischen Daseins mit ihm gehen zu können.


Gut organisiert, aber weit weg
Wie sich der Umgang mit dem Tod verändert hat


Die Handhabung des Abschieds war lange Zeit Sache der Familie in der (Dorf-)Gemeinschaft. Der Tod hat eine Abfolge von Ritualen in Gang gesetzt: Nahestehende Verwandte haben das Waschen und Ankleiden übernommen. Das Beten für den Toten hat im Trauerhaus stattgefunden, dabei kam das Leben des Verstorbenen noch einmal umfassend zur Sprache, Nachbarn versorgten die Trauerfamilie mit Essen. Alles zusammen wichtige Signale der sozialen Einbettung und der Versicherung, dass das Leben weitergeht.

Rechtzeitige Vorsorge
Mit der Verschiebung des Sterbens ins hohe Alter und der „Verkrankung des Sterbens“ – nahezu 70 Prozent aller Österreicher sterben heute im Krankenhaus oder im Pflegeheim – ist die letzte Sorge zur Angelegenheit von Bestattungsunternehmen geworden. Mit fachlicher Kompetenz nehmen sie alles Notwendige in die Hand, im besten Fall fehlt es dabei nicht an Sensibilität.
Wer sich im Vorfeld wenig Gedanken gemacht hat über Totenwache, Text für die Parte und die Gestaltung der Trauerfeier, hat kaum Zeit, aus der Schockstarre der ersten Trauer zu erwachen und eigene Wünsche bzw. die des Verstorbenen einzubringen. Seelsorger und Ärzte raten daher, rechtzeitig –schon „im Leben“ und bei vollem Bewusstsein – mit dem Partner oder nahen Angehörigen über die Wünsche für das Sterben und den Tod zu sprechen und diese auch schriftlich festzuhalten.
Manche Pfarren sind auf die heute vielfach herrschende Unsicherheit rund um die rituelle Gestaltung des Abschieds aufmerksam geworden und reagieren darauf. So bietet beispielsweise die Pfarre St. Marein im Lavanttal an, das Gebet für den Verstorbenen nicht in der Kirche, sondern im Trauerhaus mit Verwandten, Nachbarn und Freunden abzuhalten.

Hausaufbahrung heute

Im Regelfall hat eine Beerdigung in Österreich 48 bis 96 Stunden nach Eintritt des Todes zu erfolgen. Ob und wann eine Aufbahrung zu Hause möglich ist, ist im Leichen- und Bestattungswesengesetz der Bundesländer festgeschrieben. In den meisten Bundesländern braucht es die Zustimmung des Totenbeschauers (Amtsarztes) und/oder des Bürgermeisters. Sofern keine sanitären Bedenken vorliegen, wird sie meist bewilligt – mit leichten Abweichungen: in der Steiermark nur ausnahmsweise und „wenn dies dem örtlichen Brauchtum entspricht“, in Kärnten, wenn sie „ortsüblich“ ist, wohingegen sie in Salzburg nur bei sanitätspolizeilichen Bedenken versagt werden darf. Einzige Ausnahme bildet Wien. Hier darf eine Aufbahrung außerhalb der Leichenkammer einer Bestattungsanlage nur dann erfolgen, wenn die Aufbahrung „ehrenhalber“ von einer gesetzlich anerkannten Religions- oder Ordensgemeinschaft veranlasst wird. Das macht sich Andreas Kaiser, Pfarrer in Ober St. Veit, seit Jahren zunutze. Mitglieder seiner Pfarre dürfen ihre Verstorbenen für die Verabschiedung in der Kirche aufbahren. Für ihn ist jeder Christ seiner Gemeinde eine höhergestellte Persönlichkeit vor Gott.


In Stadt Gottes November 2014, Seite 06