Bitte kein Sackerl!

Verpackungsfrei einkaufen - diesen Versuch macht Eva Wagerer seit 10 Monaten. Sie berichtet von ihren Erfahrungen.

Sonja Pfeisinger

Ein bis zwei Stofftaschen hat Eva Wagerer immer dabei, an manchen Tagen auch Schraubgläser und eine Blechdose. Seit zehn Monaten versucht die Wienerin Plastik zu vermeiden, wo es geht. Angefangen hat alles mit einem sechswöchigen Experiment.

Samstag früh morgens auf dem Viktor-Adler-Markt im 10. Bezirk in Wien: Eva Wagerer sucht zwei rotwangige Äpfel aus, dazu zwei Birnen, einen Kürbis und eine Sellerieknolle. Als die Marktfrau nach einem Plastiksackerl greift, schüttelt Eva Wagerer den Kopf, gibt ihr eine Stofftasche und sagt: „Bitte kein Plastiksackerl!“ Bereitwillig gibt die Standlerin Obst und Gemüse in die Tasche. Nächste Station: Käseladen. Eva gustiert an der Theke, holt eine Blechdose aus ihrer geräumigen Handtasche, reicht sie über die Theke und bittet um zehn Deka Emmentaler und ein Stück Bergkäse, „zusammen in diese Dose“.

Fasten einmal anders
Worauf verzichten, wenn man den Fleischkonsum seit Jahren auf ein Minimum beschränkt, vor Monaten zu rauchen aufgehört hat und aus gesundheitlichen Gründen auf Süßes verzichten soll?, fragte sich Eva Wagerer zu Beginn der letzten Fastenzeit. Sie entschied sich für „Plastikfasten“. „Sechs Wochen wollte ich ausprobieren, ob es mir gelingt, meinen Alltag plastikfrei zu bekommen“, erinnert sich die 31-jährige Wienerin. Inspiriert hatte sie Sandra Krautwaschls Buch „Plastikfreie Zone – Wie meine Familie es schafft, fast ohne Plastik zu leben“.
„Mir ging es darum, in dieser Zeit kein neues Plastik in meinen Haushalt zu bringen. Schon in den ersten Tagen war mir klar: Es ist Unsinn zu glauben, ich brauche von heute auf morgen kein Plastik mehr. Aber Krautwaschl hat mich ermutigt, sie sagt: Probier’s aus, schau, was für dich passt. Erleidest du Rückschläge, fang wieder neu an.“
Angefangen hat Eva, die einen „Eineinhalb-Personen-Haushalt“ führt, bei den Lebensmitteln. „Obst, Gemüse und Eier sind einfach, das kaufe ich meist samstags für die ganze Woche am Markt, immer saisonal, wenn möglich auch regional und bio. Alles kommt ins Stoffsackerl.“ Für den Fall, dass sie Obst im Supermarkt kauft, hat sie ein Netz gehäkelt. Da kommt das Obst rein, das Preispickerl außen darauf. So sieht die Kassiererin auf einen Blick: Es ist drin, was drauf steht. „Solche Tipps habe ich nicht erfunden, sondern in verschiedenen Blogs gefunden, bei utopia.de, zero plastic, zero waste“, erklärt die Volkswirtin, die als Controllerin tätig ist. „Ich bin neugierig, es macht mir Spaß, Dinge zu erforschen, auszuprobieren, Lösungen zu finden, Leute nach ihren Ideen zu fragen.“

Nie mehr Lavaerde
Dass sie dabei nicht immer ans Ziel kommt, dafür steht die „Lavaerde“, für Eva ein Synonym für Rückschlag. „Lavaerde soll tolle natürliche Haarpflege sein. Aber meine Haare haben sich auch nach Wochen nicht an den Umstieg gewöhnt, dafür hatte ich im Badezimmer jedes Mal eine unglaubliche Sauerei“, erzählt sie lachend. „Mir wurde klar: Das wird nie meins, ich suche weiter!“
„Analoge“ Ideenquelle ist ihre Oma. „Sie hat viele Tricks auf Lager, wie man Lebensmittel haltbar macht. Ich habe sie auch gefragt, wo man heute Stofftaschentücher bekommt. Das konnte sie mir zwar nicht sagen, aber sie hat mir Opas Taschentücher vererbt“, sprudelt die junge Frau begeistert.
Doch zurück in den Supermarkt: Auf Evas Frage nach „offenem Käse“ verwies die Verkäuferin an der Frischetheke auf dick in Folie gewickelte Käseecken. Ebenso im Bio-Supermarkt. Schließlich machte Eva einen Käseladen ausfindig, wo man nach anfänglicher Irritation die Blechdose entgegennahm. Milch und Joghurt in der Mehrwegflasche fand sie im Bio-Supermarkt.
„Eine große Herausforderung war Topfen. Zwei Wochen lang klapperte ich verschiedene Geschäfte ab – ohne Erfolg. Da versuchte ich Aufstriche aus entwässertem Joghurt zu machen. Grauslich!“, schüttelt es die junge Frau bei der Erinnerung an dieses Experiment. Wie glücklich war sie, als sie offenen Topfen in der Greißlerei Lunzer im 2. Bezirk ausfindig machte. „Das ist nicht gerade bei mir ums Eck“, beschreibt Eva. „Aber hier bekam ich alles, was auf meiner Liste noch fehlte, und das in Top-Qualität: Reis, Linsen, Nüsse, Leinsamen, Trockenfrüchte, aber auch Frühstückstee und offene Gewürze. Und ich konnte alles in mitgebrachte Gläser abfüllen.“ Dass diese Qualität einen höheren Preis hat, ist für die Volkswirtin logisch. „Ich spare durch meine veränderte Lebensweise anderswo ein“, erklärt sie.

Das Resumee
„Die sechs Wochen haben dazu geführt, dass ich bewusster konsumiere, Lebensmittel sehr viel mehr schätze, mich gesünder ernähre, auf Vorrat und trotzdem abwechslunsgreich koche.“ Zu ihren liebsten Küchenutensilien zählen: ein großer Topf, Einmachtrichter aus Edelstahl und Einmachgläser. „Ich koche größere Mengen Suppe und Eintöpfe und fülle sie heiß in Gläser. So hält Essen ca. drei Wochen“, erzählt die junge Frau, die das neben Vollzeitarbeit und sozialem Engagement schafft. „Alles eine Frage der Organisation“, betont sie. „Ich gehe einmal pro Woche auf den Markt und in den Supermarkt, einmal im Monat decke ich mich in der Greißlerei ein.“
Plastikfrei sind auch Evas Badezimmer und Putzmittelregal. Für die Körperpflege verwendet sie ausschließlich feste Seife, zum Eincremen Bio-Speiseöl. Dem Schmutz rückt sie mit Backpulver, Soda, Zitronen- und Essigsäure zuleibe. Kleidung hat sie erst mit indischen Waschnüssen gewaschen. Seit sie weiß, dass deren Popularität in Europa einen Mangel vor Ort erzeugt, experimentiert sie mit Kastanien.
Die Umstellung hatte eine merkliche Müllreduktion zufolge: Statt zehn Liter nicht wiederverwertbarem Restmüll pro Woche fallen nun höchstens drei Liter alle 14 Tage an.
Heute versucht die konsumbewusste Frau nicht nur Plastik zu sparen. „Bevor ich Neues kaufe, überlege ich, wie ich es besser ersetzen könnte.“ Das gilt fürs Handy wie für Kleidung. „Gute Erfahrungen habe ich mit dem ‚Kleiderkreisel‘, einer Internet-Verkaufs- und Tauschbörse“, erzählt sie. „Man trifft dabei auf Leute, die ähnlich denken.“ Eva hat dort schon Hosen, Kleider, Mäntel und Taschen gekauft. „Auch Schuhe – über Nacht mit Backpapier desinfiziert, schon kann man sie tragen. Aber von schwarzen Socken würde ich in den ersten Tagen abraten!“, ergänzt sie mit Augenzwinkern.

Die Reaktionen
Ob sie wegen ihrer Anschauungen belächelt wird? „Eigentlich nicht“, entgegnet sie selbstbewusst. „Viele sind neugierig, hören zu, rufen später an, um zu sagen, dieses oder jenes sei ihnen untergekommen, das könnte mich auch interessieren.“ Anfangs musste sie sich schon überwinden und auch mal insistieren, dass sie kein Plastiksackerl möchte, und Unverständnis aushalten. „Da muss man drüberstehen.“
Und wenn jemand ihr Engagement angesichts der globalen Situation als Tropfen auf den heißen Stein abtut? „Dann sage ich: Die Welt kann ich nicht retten, aber die Verantwortung für mich und mein Leben kann und will ich halt auch nicht abgeben!


Lunzers Maß-Greißlerei
im 2. Bezirk in Wien ist Andrea Lunzers Angebot zur Müllreduktion. Einwegverpackungen waren der Geschäftsfrau, die auf einem Biobauernhof aufgewachsen ist und ein Studium in Nachhaltigkeit absolvierte, stets ein Dorn im Auge.
Seit zwei Jahren bietet sie in ihrem Laden ein großes Sortiment an Bio-Lebensmitteln, die man selber in Gläser (mitgebrachte oder von der Greißlerei angebotene) füllen kann, u.a. Mehle, Hülsenfrüchte, Flocken, Nudeln, Reis, Kaffee, Tee, Gewürze, Essig, Öl, Honig etc. Milchprodukte, Marmeladen, Säfte und alkoholische Getränke sind in wiederverwendbarem Glas erhältlich.
Brot und Käse kommen in die eigene Dose oder ins Papiersackerl, Obst und Gemüse in die Einkaufstasche. Und wer schon mal da ist, bleibt in diesem gemütlichen Ambiente auch gerne auf einen „Coffee to stay“!

Weitere Infos: www.mass-greisslerei.at

In Stadt Gottes Jänner 2017, Seite 07