Ich wollt, ich wär ein Huhn - in St. Gabriel

Im Garten hinter dem Missionshaus dürfen Hennen und Gockel ohne Leistungsdruck ein glückliches Hühnerleben führen.

Ursula Mauritz

Im Garten hinter dem Missionshaus dürfen Hennen und Gockel ohne Leistungsdruck ein glückliches Hühnerleben führen.

So stellt man sich das Hühnerparadies vor: Zwischen alten Marillen- und Kirschenbäumen laufen weiße, schwarze und semmelfarbene Hühner herum, rupfen frisches Gras und wohlschmeckende Kräuter, picken nach Würmern und Insekten und scharren in der Erde. Kleine Küken wackeln zart piepsend hinter den Mutter-Hennen her und die Hähne in ihrem bunten Federkleid wachen stolz über die bunte Hühnerschar.
Ihre Eier legen die Hennen in die mit Stroh ausgelegten Nester im Stall. Sie sind nicht einheitlich hellbraun wie Supermarkt-Eier, sondern – je nach Rasse – auch weiß, grünlich und schokobraun.
„Jetzt im Frühjahr legen meine Hühner besonders viele und schmackhafte Eier“, erzählt Klosterbauer Johannes Kleedorfer. Im Vergleich zu den Hybridhühnern (Kreuzung zwischen bereits optimierten Rassen), die die konventionelle und biologische Eierproduktion in der heimischen Landwirtschaft dominieren, ist die Eierleistung bei seinen alten Hühnerrassen dennoch gering: „Hybridhühner legen rund 330 Eier pro Jahr, meine Hühner etwa 150 – bei mehrfachem Aufwand“, unterstreicht Kleedorfer.

Zur Hochleistung gezüchtet
Seit 2012 hat der 48-Jährige die Landwirtschaft im Missionshaus St. Gabriel gepachtet und führt sie als ökologisch vorbildlichen Betrieb. Neben dem Obst- und Gemüseanbau ist die Hühnerzucht ein weiteres Standbein. Rund 100 Hühner hält und züchtet der Klosterbauer, weil es ihm wichtig ist, die alten Hühnerrassen wie Altsteirer, Orpington, Sussex, Araucana und Marans vorm Aussterben zu bewahren.
„Beim Gemüse hat es sich bereits herumgesprochen, dass alte Sorten zu verschwinden drohen. Bei den Hühnern ist es noch extremer“, bedauert Kleedorfer. Weltweit dominieren vier Konzerne die Zucht von Hybridhühnern. Die Hühnerhalter sind von ihnen abhängig: Sie müssen nicht nur die Legehennen, sondern auch das passende Futter von ihnen kaufen. Ein weiterer Nachteil: Hybridhühner können nicht weitergezüchtet werden. Ein großes Problem für kleine Hühnerhalter.
Des Klosterbauers Hühner regeln ihr Gruppenverhalten selbst, und sie wissen, was bei Regen, Kälte und Hitze zu tun ist (in den Stall gehen!). Die alten Rassen zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie gesünder und widerstandsfähiger sind. Bei Hybridhühnern ist das natürliche Verhalten fast zur Gänze weggezüchtet. Hybridhühner haben oft ein gestörtes Sozialverhalten und können sich nicht orientieren. „Hybridhühner sind arme Wesen, die ein knappes Jahr Vollgas legen müssen und dann, wenn sie nicht mehr wirtschaftlich sind, geschlachtet und zu Hunde- und Katzenfutter verarbeitet werden“, sagt Johannes Kleedorfer. Hunderttausende Küken in Österreich werden nicht einmal älter als einen Tag: Weil sie männlich sind, sind sie für Legehennenbetriebe unbrauchbar.
In St. Gabriel leben die Hennen in Kleingruppen zu 15 bis 20 Stück, mit ein bis zwei Hähnen, die für die Befruchtung sorgen und vor Feinden warnen. Jede Gruppe hat einen Stall und einen separaten Auslauf mit 1000 m2. Insgesamt stehen den Hühnern rund 31.000 m2 Fläche zur Verfügung. „Bei meinen Hühnern gibt es nur Naturbrut, das heißt, die Jungen werden von ihren Müttern aufgezogen und nicht von Brutapparaten“, berichtet Kleedorfer.

Kurse zur Hühnerhaltung
Immer mehr Menschen ist es nicht gleichgültig, woher die Eier stammen, die sie essen, und wie die Hühner gehalten werden. Wer wirklich sichergehen will und Platz für eine Hühnerschar hat, kann bei Johannes Kleedorfer das nötige Handwerkszeug zur Hühnerhaltung erlernen. Zweimal pro Jahr bietet er unter dem Titel „Klosterbauers Hendltreff“ Kurse an, bei denen er Tipps zur Auswahl der passenden Rasse, zu Stallbau, Freilaufgestaltung und Fütterung gibt. „Die Nachfrage ist in den letzten Jahren gestiegen“, bestätigt Kleedorfer. Sein Wissen gibt der Klosterbauer auch bei Gemüselehrgängen und Obstbaumschnittkursen weiter. Ein besonderes Anliegen ist ihm das Angebot „Schule am Bauernhof“. Kinder können im Klostergarten Gemüse ernten und auch einmal ein Huhn streicheln.
Die Produkte aus dem Klostergarten – Gemüseraritäten aus Freilandanbau, Obst wie z.B. Marillen, Kirschen, Zwetschken und Äpfel sowie die Eier – verkauft Johannes Kleedorfer ab Hof. Seine Stammkunden kommen aus der näheren Umgebung von St. Gabriel, aber auch aus Wien.
In den fünf Jahren, in denen Kleedorfer die ehemalige Landwirtschaft des Missionshauses nach strengen ökologischen Richtlinien führt, hat sich der Klostergarten zu einem Ort der Artenvielfalt entwickelt. „Hier leben zahlreiche Schmetterlinge und Libellen, auch seltene Vogelarten machen Rast“, freut sich der Klosterbauer. Ganz im Sinne des Ordensgründers Arnold Janssen, der verfügte, dass zu jedem der von ihm gegründeten Häuser auch ein Nutzgarten zur Eigenversorgung gehörte: „Ein Garten, der nicht gehegt wird, verliert sein paradiesisches Gesicht!“, lautete sein Credo. ●
www.klosterbauer.at


Eier in Zahlen
235 Eier isst jeder Österreicher pro Jahr.
723 Millionen Eier wurden 2014 gekauft.
Acht von zehn Eiern stammen aus heimischer Produktion. Davon kommen    68 Prozent aus Bodenhaltung, 22 Prozent aus konventioneller Freilandhaltung und rund 10 Prozent aus Biohaltung. Weltweit kommen 90 Prozent der Eier aus Käfighaltung. In Produkten wie Nudeln und Kuchen ohne Kennzeichnung landen auch auf unseren Tellern noch Käfigeier.


In Stadt Gottes April 2017, Seite 16