Mehr als ein Geschäft

Weltläden haben ein besonderes Flair: Sie strahlen Lebensfreude aus und bieten ein buntes Sortiment an fair gehandelten Waren aus aller Welt an.

Sonja Pfeisinger

Ob in Tulln, Innsbruck oder Wien, Weltläden haben ein besonderes Flair: Sie strahlen Lebensfreude aus, das bunte Sortiment bringt die Welt ins Haus. Das Bestreben, solidarisch zu leben, zeichnet ihre MitarbeiterInnen und KundInnen aus.

Kann ich helfen oder möchten Sie sich etwas umschauen?“ Gerne möchte ich schauen, angreifen und probieren. In meinem Lieblingsweltladen in Tulln gibt es dafür zahlreiche Anreize: bunt lackierte Bambusschalen, kunstfertige Geburtstagskarten, gestreifte Raphia-Körbe und Umhängetaschen aus Industrieleder, T-Shirts und Schals aus Bio-Baumwolle oder Seide, hand- geschmiedete Silberringe, Halsketten aus bunt gefärbter Kokosschale, Tee, Kaffee, Gewürze, Schokolade und – nicht zu vergessen – unwiderstehliche Mango-Monkeys. Allen Produkten ist eines gemeinsam: Sie kommen aus Afrika, Lateinamerika und Asien und werden ausschließlich von Firmen und Organisationen bezogen, die ganz und gar den Grundsätzen des fairen Handels folgen.
Der Gedanke, für Menschen Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten und sie nicht von Almosen abhängig zu halten, begeistert Monika Schmircher, „er entspricht meiner Vorstellung von nachhaltiger Entwicklungshilfe.“ Die Volksschullehrerin arbeitet jede Woche einen Nachmittag unentgeltlich im Weltladen in Tulln, sie ist hier von Anfang an dabei. „Ich genieße die angenehme Atmosphäre und den Kontakt zu den vielen Kundinnen.“
Wie viele andere ist auch der Weltladen Tulln aus einer Pfarrinitiative hervorgegangen, die in den 1980er-Jahren mit diversen „Dritte-Welt-Bazaren“ erstmals auf die Thematik des unfairen und die Möglichkeit des fairem Handels hingewiesen haben. Den Grundstein und die Finanzierung für ein dauerhaftes Geschäft legte dann 2005 der Trägerverein „One World – Verein für faires Handeln und Teilen Tulln“.
Die ersten sieben Jahre war der Laden in der kaufmännisch gut erschlossenen Bahnhofstraße zu finden. Als die Einkaufsstraße infolge der Neugestaltung des Stadtzentrums immer mehr ins Abseits geriet, suchte sich der Verein eine neue Bleibe und fand sie sehr zentral am Minoritenplatz, im Erdgeschoß eines schönen alten Bürgerhauses. Neben einladend gestalteten Auslagen weist ein großes Banner mit dem bunten Weltladen-Logo den Kundinnen und Kunden den Weg zu den fair gehandelten Produkten.
Eine Entstehungsgeschichte wie diese ist typisch für einen Weltladen, bestätigt Ernst Gassner, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Weltläden (ARGE Weltläden). Das erste Geschäft für fairen Handel in Österreich entstand in Innsbruck, es öffnete 1977 seine Türen. In den darauf folgenden zwei Jahrzehnten erlebte die Weltladen-Bewegung großen Aufschwung, Mitte der 1990er Jahre gab es schon über 50 Weltläden, heute sind fast 90 Läden, die sich dem fairen Handel verschrieben haben, über ganz Österreich verteilt.

Vom mobilen Weltbazar zum Fachgeschäft

In den Anfangsjahren war der Begriff „Dritte-Welt-Laden“ gebräuchlich, mit dem Bewusstsein, dass wir nicht in verschiedenen, sondern in einer gemeinsamen Welt leben, „änderten manche ab den 1990ern ihren Namen in Eine-Welt-Laden, andere in Aller-Welt-Laden“, erinnert sich Gassner. In dieser Zeit kam auch das Bedürfnis nach einem einheitlichen Erscheinungsbild auf. Nach intensiver Zusammenarbeit innerhalb der Weltladen-Bewegung wurde das Logo, das bis heute das Erscheinungsbild der Weltläden prägt, erarbeitet. Darüber hinaus entstanden gemeinsame Kriterien für den fairen Handel; dazu gehören gerechte Löhne, menschenwürdige Arbeitsbedingungen, keine ausbeuterische Kinderarbeit, Bildung und Umweltschutz. Diese Richtlinien entscheiden, welche Produkte in die Läden kommen, und in der Folge, ob sich ein Laden Weltladen nennen darf. „Damit treten wir dezidiert als Fachgeschäfte für fairen Handel auf“, unterstreicht Ernst Gassner. „Vorher wurden wir oft eher als eine Gruppe von Idealisten und Idealistinnen wahrgenommen, die auch alternative Läden führen“, erinnert sich der Weltläden-Vorsitzende.

Erlöse fließen wieder vollständig in den fairen Handel ein
Dass nach vier Jahrzehnten Bewusstsein für unfaire Handelspraktiken und damit verbundene Lebensbedingungen der ProduzentInnen im globalen Süden herrscht, ist auch den engagierten und gut informierten MitarbeiterInnen der Weltläden zu verdanken. „Die Weltläden verstanden sich von Anfang an nicht nur als Geschäft“, erklärt Gassner, „wir legen auch viel Wert und Zeit auf Bildungs- und Kampagnenarbeit.“
Skandale in der Lebensmittel- und Textilindustrie zeigen: Fairer Handel ist wichtiger denn je. „Viele ÖsterreicherInnen möchten nicht, dass die ohnehin schon benachteiligten Menschen in vielen Regionen des Südens ausgebeutet werden, wie das im konventionellen Handel passiert“, ist Gassner überzeugt. Darin liegt noch einmal die Besonderheit der Weltläden. „Fair gehandelte Produkte finden sich heute in vielen Geschäften, doch nur in den Weltläden fließen die Erlöse aus dem fairen Handel wieder vollständig in diesen ein“, weiß ARGE-Weltläden Geschäftsführerin Gudrun Danter.
„Die in Vereinen organisierten Weltläden arbeiten ohne private Gewinnausschüttung. Ein wesentlicher Teil des erwirtschafteten Geldes kommt daher direkt den HandelspartnerInnen zugute, den Kleinbauern und -bäuerinnen, den HandwerkerInnen und LohnarbeiterInnen in den Plantagen und Fabriken in Asien, Afrika und Lateinamerika.“ In vielerlei Hinsicht also: Mehr als ein Geschäft!

Derzeit gibt es 89 Weltläden und 1 Weltcafé.
Ihr Jahresumsatz beträgt ca. 12 Millionen Euro, davon fallen ca. 60 % auf Kunsthandwerk und 40 % auf Lebensmittel.
Die ARGE Weltläden kooperiert mit ca. 300 HandelspartnerInnen in Afrika und Asien und Lateinamerika.
Die Standorte der Weltläden in Österreich finden Sie auf: www.weltladen.at

In Stadt Gottes Mai 2017, Seite 18