Dürfen wir uns ein Bild von Gott machen?

Ratgeber-Glauben

Ist die Theologie nicht ein Verstoß gegen das 2. Gebot, weil sie versucht, Gott zu erklären und sich ein Bild von ihm zu machen? Bringt uns das nicht weiter von Gott weg?

Pater Hans Peters SVD aus: Stadt Gottes Oktober 2006

In der Tat, in der Bibel steht: „Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben ...“ (Ex 20,4). Aber hier sind zunächst einmal die konkreten Götterstatuen gemeint, von denen Israel umgeben ist; diese Bilder sind für die Gottesvorstellung von Israel nicht maßgeblich.

Im Neuen Testament finden wir dagegen eine andere Aussage: „Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1,15). Wir Christen haben durchaus ein „Gottesbild“: der lebendige, menschgewordene Sohn Gottes. Die Aussage des Schöpfungsberichtes, dass der Mensch Abbild Gottes ist, ist in Jesus zur letzten Erfüllung gekommen. So ist und bleibt der lebendige Mensch das Gottesbild schlechthin, grundgelegt in der Menschwerdung des Gottessohnes. 

Etwas, wovon wir uns überhaupt kein Bild machen können, bleibt uns fremd, hat keine Wirkung auf unser Leben. Darum ist es durchaus nötig, dass wir uns ein Bild von Gott machen, wissend, dass alle diese Bilder nur mehr oder weniger etwas von Gott sehen lassen. Hier hat Theologie ihre entscheidende Aufgabe. Sie tut das, wozu der Apostel Petrus die Gläubigen aufruft: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15).

Rede und Antwort stehen, sagen zu können, was „Sache“ des Glaubens ist, und das in einer Sprache, die die Menschen auch verstehen können, dazu soll Theologie helfen. Nur Bibelzitate und Katechismustexte wiederholen wird dieser Aufgabe nicht gerecht. Es geht um ein Verstehen des Glaubens im Sinne eines zwischenmenschlichen „ich versuche, dich zu verstehen“, wodurch überhaupt erst eine innige Beziehung entsteht. Ohne solches Verstehen bleibt der Glaube eine Ansammlung von Bibelsätzen und Katechismuswahrheiten, die man übernimmt oder auch nicht, aber es entsteht keine innere Beziehung zu dem, was eigentlich damit gemeint ist, letztlich keine Beziehung zu Gott, der sich darin zum Ausdruck bringen will.

Nicht jeder muss schwere theologische Bücher durcharbeiten, aber jeder ist verpflichtet, sich im Glauben weiterzubilden, um bereit zu sein, „jedem, der euch nach dem Grund eurer Hoffnung fragt, Rede und Antwort stehen zu können“. Nicht zuletzt will diese Rubrik diesem Ziel dienen.

Glaube ohne Reflexion neigt zum Fundamentalismus, der unreflektiert mit Bibelsprüchen um sich schlägt und so den anderen als Gesprächspartner nicht ernst nimmt und den Glauben zur Durchsetzung eigener Machtansprüche missbraucht. Nicht zuletzt ist Papst Benedikt XVI. als erwiesener Theologe, der viele dicke Bücher geschrieben hat, Zeuge dafür, wie wichtig Theologie ist und wie sehr sie dem Glauben dienlich ist; natürlich gilt auch hier wie immer ein „mal mehr, mal weniger“.

In stadtgottes Dezember 2006, Seite